# taz.de -- Zu Besuch bei Ludwig Zwo: Das Erbe der Nachtschwalbe
> Während des Immobilienchecks bei Bajuwarenkönig Ludwig Zwo können samtene
> Treppen auch einen Wettstreit anregen. Oder man isst lieber ein Eis.
Den Rekord brech I!, ruft eine Frau, die mir anfangs nicht aufgefallen ist.
Sie trägt dunkles Kurzhaar und ein schwarzes Shirt. Ich nenne sie Käthe.
Wir sind Teil einer Führung durch Herrenchiemsee. Das ist, lernen wir, das
teuerste Schloss, das dem Bajuwarenkönig Ludwig Zwo zu Lebzeiten
eingefallen ist. Es liegt auf einer Insel.
Als Versailleskopie geplant, blieb der Prachtbau allerdings unvollendet.
Das Geld war alle. Und außerdem der König tot.
Zehn Tage hat er hier verbracht, sagt unsere Gruppenführerin.
Deshalb ruft Käthe also. Ihre Augen leuchten wie das Blattgold, das hier
Wände und Spiegel verziert.
Da Kini hat g'haust wie a Nachtvogel!, sagt Käthe bewundernd.
Unsere Führerin bestätigt: Ludwig Zwo hat tagsüber geruht und ist des
Nachts gewandert. Sein Biorhythmus hat das nicht vertragen. Und der seiner
40 Diener sicherlich auch nicht. Sie mussten über Stunden die unzähligen
Kandelaber im Schloss entzünden, manche an die 500 Kilo schwer.
Als uns unsere Führerin auf einen Geheimgang hinweist, der das Schlafgemach
des Königs mit seiner Ankleide verbindet, beschleicht mich ein Verdacht:
Vielleicht, denke ich, ist Käthe so sehr Fangirl, dass sie sich heimlich
einschließen lassen will. Dieser Geheimgang böte sich an, er ist eine
samtblau ausgeschlagene Treppe. Käthe könnte hier leicht den Königsrekord
brechen, und 11 Tage dableiben.
Als wir am Ende durch den Rohbauteil von Herrenchiemsee nach draußen
treten, ist Käthe aber noch da. Na geh, sagte sie, in der Hütt'n zieht’s
wie Hechtsuppn, und wer will scho so end'n wie der arme Kini!
Ich lächle. Das kann in der Tat niemand wollen.
Schließlich hat Ludwig Zwo sein Leben unter ungeklärten Umständen
ausgehaucht. An der Seite seines Therapeuten. Im Starnberger See.
Ertrunken, ertränkt, ermordet. Niemand weiß es.
Wir kaufen ein Eis und setzen mit Käthe auf der Fähre zurück aufs Festland
über.
14 May 2026
## AUTOREN
(DIR) Klaus Esterluss
## TAGS
(DIR) Kolumne Szene
(DIR) Bayern
(DIR) Kolumne Szene
(DIR) Kolumne Szene
(DIR) Kolumne Szene
(DIR) Kolumne Szene
(DIR) Kolumne Szene
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Besuch auf dem Land: Oh, wie herrlich! Frischluft!
Vom Hochbett aus ist die Aussicht am schönsten. Vorsicht jedoch an der
Leiter beim Herunterklettern – sonst landet der Fuß womöglich, wo er nie
hinwollte.
(DIR) Der Kanzler in der Oper: Viel mehr als das Wort
Das Publikum hält den Atem an, als Ehrendirigent Zubin Mehta Beethoven
anstimmen lässt. Auch ein Gast oben im Rang ist sichtlich bewegt.
(DIR) Warten mit dem Uhu: Am Zaubergleis
Klar, dass Nacht ist, wenn der Großstadtmensch einer imposanten Eule
begegnet. Oder war beim Treffen auf dem S-Bahnsteig noch ganz anderes im
Spiel?
(DIR) Das zukünftige Ex-Rad: Noch eine Abschiedsrunde drehen
Was hat man nicht alles gemeinsam erlebt! Sich vom liebgewonnenen Fahrrad
zu trennen, fühlt sich so an, als würde eine Liebesbeziehung zu Ende gehen.
(DIR) Frisch Aufgebrühtes aus dem Sandkasten: Und jetzt ist Teatime
Pfefferminz, Fenchel oder Hagebutte? Welcher Tee passt wohl am besten zu
Matschmuffins mit Kastanienblätter-Bröseln und Kieselstein-Topping?