# taz.de -- Beratung im Kabinett: So will Deutschland besser auf Krisen reagieren
> Bundesinnenminister Dobrindt (CSU) will 10 Milliarden Euro in
> Bevölkerungsschutz stecken. Die Hilfsorganisation DRK fürchtet, leer
> auszugehen.
(IMG) Bild: Tief besorgt: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (2.v.r.) besucht in Finnland die Zivilschutzanlage Merihaka
Finnland kann sich derzeit vor Besuchen deutscher Politiker kaum retten:
Anfang Mai reiste Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) hin, um
Bunker zu besichtigen. Und in der letzten Woche waren gleich drei
SPD-Innenminister*innen gemeinsam im Nachbarland Russlands unterwegs, um
sich dort den Zivilschutz anzuschauen: Finnland gilt beim Zivilschutz
angesichts russischer Bedrohungen international als vorbildlich. In
Deutschland wiederum ist er seit dem Ende des Kalten Krieges kaum ein Thema
gewesen.
Das zeigt sich in den Zahlen: Während des Kalten Krieges gab es in
Deutschland 2.000 Bunker und Schutzräume. Mittlerweile sind es nur noch
580, mit Platz für theoretisch 480.000 Menschen, wobei das Bundesamt für
Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) warnt, dass viele Anlagen
weder „funktions- noch einsatzbereit“ seien.
Zum Vergleich: Finnland hat 5,6 Millionen Einwohner*innen und 55.000
Schutzräume, in denen im Ernstfall 4,8 Millionen Menschen unterkommen
sollen. Steinmeier [1][schwärmte nach seiner Bunker-Tour von Finnlands
Wehrhaftigkeit] nach außen und Resilienz im Inneren. Und auch die
SPD-Innenminister sprachen nach ihrem Besuch von „wichtigen Lehren,
Denkanstößen und Arbeitsaufträgen für den Bevölkerungsschutz in
Deutschland“.
Hintergrund des plötzlichen Finnland-Tourismus ist wohl auch, dass man dem
eigentlich für Zivilschutz zuständigen Bundesinnenminister Alexander
Dobrindt (CSU) nachsagt, politisch lieber auf rechte Populismusklassiker
wie Abschottung und illegale Zurückweisungen zu setzen – anstatt sich
tatsächlichen Bedrohungen wie hybriden Angriffen durch Russland zu stellen
und eben den Bevölkerungsschutz zu fördern. Auch Hilfsorganisationen wie
das Deutsche Rote Kreuz (DRK) fordern schon länger eine Zeitenwende im
Zivilschutz.
## 1.000 Fahrzeuge, 110.000 Feldbetten
Nun versucht Dobrindt allerdings, in Vorhand zu kommen: Dass der
CSU-Politiker zehn Milliarden für den Zivilschutz investieren will, hat er
Montag stilecht in der Bild-Zeitung angekündigt: „Mit klarer Kante gegen
hybride Bedrohungen“ wolle er aufrüsten beim Bevölkerungsschutz, sagte er
da. Am Mittwoch nun stellte Dobrindt nun seinen Plan vor, nachdem das
Kabinett über die Eckpunkte aus dem Bundesinnenministerium beraten hat.
Bis 2029 will er insgesamt zehn Milliarden Euro ausgeben. Im Fokus steht
dabei vor allem das Technische Hilfswerk (THW) mit seinen rund 2.200
hauptamtlichen Mitarbeitern und etwa 88.000 ehrenamtlichen Helfer*innen.
Konkret will der Bund 1.000 Spezialfahrzeuge, 110.000 Feldbetten kaufen und
ein Bauprogramm zur Modernisierung der Gebäude der Bundesbehörde
Technisches Hilfswerk (THW) finanzieren. Drei Milliarden sollen allein in
das Personal und die Technik beim THW und Zivilschutz fließen.
Ebenso soll eine medizinische Taskforce eingerichtet werden, falls es einen
„Massenanfall von Verletzten“ an über 50 Standorten geben solle.
Einsatzkräfte sollen bundeseinheitlich zu chemischen, biologischen,
radiologischen und nuklearen Gefahrenlagen geschult werden. Zudem soll es
Zivilschutzunterricht an Schulen geben.
Im Ernstfall soll die [2][Katastrophen-App „Nina“] den kürzesten Weg zum
nächsten Schutzraum weisen können – dazu will das Bundesinnenministerium
nun aber zunächst alle Zufluchtsräume genau erfassen.
## Zivilschutz als gesellschaftliches Mindset
Manuel Atug von der Arbeitsgemeinschaft Kritische Infrastruktur (AG Kritis)
findet es grundsätzlich gut, dass man hier endlich Geld investiere: „10
Milliarden klingt viel, aber das zeigt auch, wie groß unsere Lücken sind.“
Allerdings bleibe er skeptisch, wie viel auf Dobrindts Ankündigungen
tatsächlich folgt. Man solle sich beim Zivilschutz nicht nur auf den
Innenminister verlassen, rät er.
Zudem werde Geld allein das Problem nicht lösen, so Atug. Neben mangelnder
Infrastruktur gebe es auch ein gesellschaftliches Defizit: „In anderen
Ländern gibt es ein größeres Bewusstsein für Bedrohungen – hier wird man
schief angeguckt, wenn man jemandem rät, Vorräte anzulegen“, so Atug – „Wir
müssen unaufgeregt über Eigenversorgung und Souveränität reden.“
Auch deswegen rät er, [3][sich individuell vorzubereiten]: „Was würde ich
selbst im Ernstfall tun und wie kann ich handlungsfähig bleiben?“ Jeder
könne Vorratsdosen und Getränke lagern und ebenso solle man sich bewusst
machen, wo die nächste Tiefgarage oder U-Bahn-Station ist, in der man zur
Not Zuflucht suchen könnte.
Das BBK bietet bereits Checklisten an. Die sollen helfen, sich auf
verschiedene Krisenszenarien vorzubereiten. Zu dem, was jeder vorrätig
haben sollte, zählen demnach unter anderem mehrere Liter Trinkwasser,
Feuerzeug, Camping-Grill und ein solarbetriebenes Radio sowie ein
Schlafsack und Verbandsmaterial. In diesem Jahr legt das BBK eine
Selbstschutzkampagne mit Handlungstipps auf. Bildungspolitik ist zwar
Ländersache. Der Bund will aber „auf die zunehmende Verankerung von
Zivilschutz bereits im Schulunterricht hinwirken“.
Kritik hatte der Generalsekretär des Deutschen Roten Kreuzes, Christian
Reuter. Er begrüßte zwar die Investitionen, verwies aber auch darauf, dass
Bevölkerungsschutz zu 90 Prozent von Ehrenamtlichen geleistet werde – und
dass diese bei Dobrindts Ankündigungen leer ausgingen. „Die Zeitenwende im
Bevölkerungsschutz muss zwingend auch die anerkannten Hilfsorganisationen
deutlich stärker umfassen“, forderte Reuter.
Ähnlich klang auch Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (SPD).
Sie kritisierte, dass die Länder über das geplante Programm noch gar nicht
informiert worden seien. „Eine der zentralen Lehren meiner Reise nach
Finnland war, dass alle staatlichen Ebenen ausgesprochen eng
zusammenarbeiten müssen“, so Behrens. Dobrindt müsse nun mit einer
„abgestimmten Zivilschutzstrategie“ sicherstellen, „dass mit den
angekündigten Milliarden Dinge beschafft werden, die es vor Ort auch
wirklich braucht“.
Dobrindt hat einen Entwurf für einen „neuen Rechtsrahmen“ angekündigt,
damit Bund, Länder und Kommunen in Krisen, aber auch im Spannungs- und
Verteidigungsfall klare Leitlinien haben. Ein Kritikpunkt aus der Praxis
bisher ist, dass Fortbildungsangebote des Bundes für Landräte und andere
Katastrophenschutz-Verantwortliche freiwillig sind, eine Verpflichtung zur
Teilnahme existiert nicht. Für eine stärkere Verzahnung zwischen der
zivilen und militärischen Planung will das Bundesinnenministerium einen
„Steuerungsstab Kommando Zivile Verteidigung“ einrichten. (aktualisiert mit
dpa)
18 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.sueddeutsche.de/politik/bevoelkerungsschutz-deutschland-vergleich-finnland-herausforderungen-li.3482871
(DIR) [2] https://www.bbk.bund.de/DE/Warnung-Vorsorge/Warn-App-NINA/warn-app-nina_node.html
(DIR) [3] https://www.bbk.bund.de/DE/Warnung-Vorsorge/Vorsorge/Ratgeber-Checkliste/ratgeber-checkliste_node.html
## AUTOREN
(DIR) Gareth Joswig
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