# taz.de -- Hendrik Wüst auf Auslandsreise: Landesvater auf internationalem Parkett
> In Berlin gilt Ministerpräsident Hendrik Wüst als möglicher
> Kanzlernachfolger. Jetzt übt sich der Christdemokrat in Diplomatie – und
> reist nach Polen.
(IMG) Bild: Hendrik Wüst (CDU) auf dem Flug in Nordrhein-Westfalens polnische Partnerregion Schlesien
Ein Jahr vor der Landtagswahl übt sich Nordrhein-Westfalens
CDU-Ministerpräsident Hendrik Wüst in Schritten auf dem internationalen
Parkett: Der Regierungschef, der im bevölkerungsreichsten Bundesland mit
seinen rund 18 Millionen Menschen eine schwarz-grüne Koalition anführt, ist
am Dienstag zu einem zweitägigen Besuch in der polnischen NRW-Partnerregion
Schlesien eingetroffen.
Auf dem Programm stehen Gespräche mit dem Leiter der regionalen
Selbstverwaltung, Woiwodschaftsmarschall Wojciech Saługa von der
wirtschaftsliberalen europafreundlichen [1][Bürgerplattform]. Ziel ist auch
die Intensivierung der Zusammenarbeit innerhalb des sogenannten regionalen
Weimarer Dreiecks, in dem NRW mit Schlesien und der nordfranzösischen
Region Hauts-de-France zusammenarbeitet und damit nationale Strukturen
spiegelt.
## Zivilschutz mit Blick auf russischen Angriffskrieg
Inhaltlich stehen gerade wegen des [2][russischen Angriffskriegs] auf die
an Polen grenzende Ukraine [3][Fragen des Zivilschutzes] auf dem Programm.
Besprochen wurde ab Dienstagmittag, wie kritische Infrastrukturen im
Sicherheitsbereich gesichert und ausgebaut werden können – die
Bundesregierung will dazu am Mittwoch ein 10 Milliarden schweres
Investitionsprogramm beschließen. „Der Krieg in der Ukraine zeigt uns jeden
Tag, wie wichtig Resilienz ist“, betonte Wüst nach einem ersten Treffen mit
Marschall Saługa.
Mit dem Programm sollen auf Initiative von Bundesinnenminister Alexander
Dobrindt (CSU) bis 2029 etwa 1.000 Spezialfahrzeuge und mehr als 100.000
Feldbetten angeschafft werden. Auch sollen mögliche, fast 40 Jahre nach
Ende des Kalten Krieges noch existierende Schutzräume wie gesicherte Keller
oder U-Bahnhöfe bundesweit erfasst werden. In den Schulen, deren Curriculum
die Bundesländer vorgeben, soll es außerdem eine Art von
Zivilschutzunterricht geben.
Auch der Besuch eines Krankenhauses ist geplant: Am Dienstagabend besuchte
Wüst das Stanisław Sakiel Burn Treatment Center. In der auf schwerste
Brandverletzungen spezialisierten Klinik werden immer wieder durch Russland
verwundete Menschen aus der Ukraine versorgt. Dabei wird NRWs
Ministerpräsident auch von Alex Friedrich begleitet. Er ist Ärztlicher
Direktor des Universitätsklinikums Münster, das kontinuierlich Kriegsopfer
aus der Ukraine versorgt.
Die Delegation aus NRW ist vielfältig. Sie soll die Beziehungen mit
Schlesien nicht nur auf sicherheitspolitischer Ebene stärken, sondern auch
auf [4][kultureller und sozialer]: Mitgereist sind unter anderem die aus
Polen stammende Intendantin der Kölner Philharmonie Ewa Bogusz-Moore und
der Geschäftsführer des Bundesligafußballvereins Borussia Dortmund Carsten
Cramer – in Dortmund sind polnische Spieler wie Robert Lewandowski oder
Jakub Błaszczykowski legendär.
## Gemeinsame Geschichte des Strukturwandels
Schließlich ist da auch die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem 4,6
Millionen Menschen zählenden Schlesien, die Wüst interessiert. Wie NRW
wurde die Woiwodschaft von der Schwerindustrie, von Kohle und Stahl,
geprägt. Doch während in Deutschland das letzte Steinkohlebergwerk mit der
Bottroper Zeche Prosper-Haniel 2018 dicht gemacht hat, soll in Polen wohl
noch bis 2049 gefördert werden.
Wie in NRW setzt auch Marschall Wojciech Saługa in der Woiwodschaft längst
auf Strukturwandel: Allein in Schlesiens Hauptstadt Katowice gibt es mehr
als 20 Hochschulen und Universitäten, haben sich auf IT-Lösungen
spezialisierte Firmen wie IBM, Oracle und Rockwell Automation angesiedelt.
Für Wüst steht am Mittwochmorgen deshalb ein Besuch des Cyber Science
Silesian Centers an, das künftig enger mit dem auf IT-Sicherheitsforschung
spezialisierten Exzellenzcluster Casa der Ruhr-Universität Bochum
zusammenarbeiten soll.
„Vor 25 Jahren, als die Partnerschaft zwischen Nordrhein-Westfalen und
Schlesien begründet wurde, haben wir [5][über den schwierigen
Strukturwandel] gesprochen. Sie waren für uns damals so etwa wie ein
Lehrer, ein Mentor“, sagte Saługa – aktuell ist die gesamte polnische
Volkswirtschaft mit einem Bruttoinlandsprodukt von 922 Milliarden Euro nur
unwesentlich größer als die des Bundeslands Nordrhein-Westfalen, wo im
vergangenen Jahr 909 Milliarden Euro erwirtschaftet wurden. „Heute dagegen
sind die Demokratie, die Freiheit selbst in Gefahr“, erklärte der
Marschall: „Wir müssen für ein freies Europa, frei von Populismus und
Desinformation, kämpfen.“
## Staatsmann im Kleinen
Jenseits der Sachebene hat der Besuch des Ministerpräsidenten damit auch
symbolische Bedeutung: Wüst inszeniert sich als Politiker, der
Sicherheitsfragen ebenso im Blick hat wie wirtschaftliche Zusammenarbeit
und der auch um die Bedeutung der Bereiche Kultur und Sport weiß – als
Staatsmann im Kleinen sozusagen.
Dabei wird der 50-Jährige angesichts der [6][äußerst miesen Umfragewerte]
seines Parteifreunds Friedrich Merz nicht nur in Berlin als möglicher
Kanzlernachfolger gehandelt: Wüst führt wie Daniel Günther in
Schleswig-Holstein eine von aktuell nur zwei schwarz-grünen
Landesregierungen in der Bundesrepublik an – und nach Neuwahlen dürften die
Grünen bei der nächsten Regierung im Boot sein, wenn eine
Regierungsbeteiligung der rechtsextremen AfD verhindert werden soll.
Abschluss des Besuchs in Polen bildet ab dem späten Mittwochmorgen dann ein
mehr als fünfstündiger Besuch des [7][deutschen Konzentrationslagers
Auschwitz]. In dem Vernichtungslager wurden bis zur Befreiung durch die
sowjetische Rote Armee Ende Januar 1945 mindestens 1,1 Millionen
überwiegend jüdische Inhaftierte in Gaskammern ermordet – oder starben
durch „Vernichtung durch Arbeit“, Hunger, unmenschliche Haftbedingungen und
Folter. Wüst, der zum ersten Mal in Auschwitz ist, will seinen Besuch als
klares Signal gegen wachsenden Antisemitismus verstanden wissen.
20 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Andreas Wyputta
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