# taz.de -- Warnsystem bei Luftangriffen: Zu stiller Alarm in Finnland
       
       > Finnland gilt als gut auf einen bewaffneten Konflikt vorbereitet. Doch es
       > gibt eine Schwachstelle – und eine unerwartete Bedrohung.
       
 (IMG) Bild: Erreicht nicht alle Menschen in Finnland: Warnung vor Drohnen an einer Straßenbahnhaltestelle in Helsinki, 15. Mai 2026
       
       Der Luftalarm kam am frühen Morgen. Er wurde um 3.49 Uhr in Uusimaa, der am
       dichtesten besiedelten Region Finnlands, ausgelöst. Kampfflugzeuge
       starteten und die Marine machte sich in den Gewässern rund um die
       Hauptstadt Helsinki zur Luftverteidigung bereit. Die Zivilbevölkerung
       sollte ihre Häuser und Wohnungen nicht verlassen, Flüge nach Helsinki
       wurden umgeleitet.
       
       Das Problem: Die meisten der 1,8 Millionen am 15. Mai potenziell bedrohten
       Finnen erfuhren erst aus den Medien von der Situation. Obwohl Finnland oft
       für seine Verteidigungsbereitschaft gelobt wird, verfügt das Land über kein
       System für die telefonische Alarmierung der Bevölkerung.
       
       Stattdessen gaben die Rettungsdienste eine Erklärung zur Lage ab und
       alarmierten über soziale Medien und die 112-App für Notrufe, die weniger
       als die Hälfte der Bevölkerung nutzt und bei der es während des Vorfalls zu
       einer Störung kam. Folglich weckte der Lärm der über ihnen fliegenden
       Kampfflugzeuge viele Einwohner Helsinkis, nicht der Alarm selbst.
       
       ## Verwirrung über Drohnenalarm
       
       Um 7.06 Uhr erklärten die Behörden, die Gefahr sei gebannt. Doch die
       Verwirrung hielt an: Das Innenministerium gab an, mindestens eine Drohne
       sei in finnisches Hoheitsgebiet eingedrungen, während die Streitkräfte
       erklärten, sie hätten keine Drohnen gesichtet. Das stellte sich als
       zutreffend heraus, keine Drohnen waren in den finnischen Luftraum
       eingedrungen.
       
       Premierminister Petteri Orpo räumte ein, dass die Bürger beim nächsten Mal
       besser informiert werden müssten und so schnell wie möglich ein besseres
       Warnsystem eingeführt werden müsse. Es war nicht hilfreich, dass die
       Behördenvertreter keine Fragen von Journalisten beantworteten, während die
       vermeintliche Bedrohung andauerte.
       
       ## Nicht der erste Vorfall mit Drohnen über Finnland
       
       Es war nicht der erste Vorfall dieser Art. Am 29. März stürzten während
       Angriffen der Ukraine auf russische Ölhäfen nahe der ostfinnischen Grenze
       zwei ukrainische Drohnen ab. Eine davon war mit Sprengstoff beladen. Im
       April gingen in Ostfinnland zwei weitere Drohnen nieder, die Polizei
       brachte den Sprengstoff, den sie an Bord hatten, zur Explosion. Am 3. Mai
       flogen zwei weitere Drohnen in den finnischen Luftraum. Auch diese Drohnen
       kamen offensichtlich aus der Ukraine.
       
       Laut Quellen der Zeitung Helsingin Sanomat war der Vorfall vom 15. Mai auf
       einen Fehler der Ukraine zurückzuführen: Die Koordinaten für den
       Drohnenangriff wurden falsch eingegeben, sodass die Drohnen in Richtung
       Finnland flogen. Danach sandte die Ukraine laut Helsingin Sanomat eine
       Warnung an Finnland. Aus unbekannten Gründen drangen die Drohnen jedoch nie
       in den finnischen Luftraum ein.
       
       Nach dem ersten Drohnenvorfall im März hatte die Ukraine eine offizielle
       Entschuldigung ausgesprochen. Da es zu weiteren Vorfällen kam, wird die
       Situation für die finnische Führung immer schwieriger. Es ist die
       offizielle Politik Finnlands, die verbündete Ukraine bedingungslos zu
       unterstützen; am 15. Mai bezeichnete Verteidigungsminister Antti Häkkänen
       die Situation als „bedauerlich“.
       
       ## Einführung eines Warnsystems nach EU-Vorbild geplant
       
       Obwohl Finnland sich nicht im Krieg befindet, ist die Bedrohung durch
       Drohnen mittlerweile an der Tagesordnung. Die Regierung plant derzeit die
       Einführung eines Warnmeldesystems nach dem Vorbild des EU-Alert-Systems,
       [1][das in Deutschland und den meisten anderen EU-Ländern zum Einsatz
       kommt]; so in den [2][baltischen Staaten], wo die Bevölkerung beim
       Eindringen von Drohnen alarmiert wurde. Konkret würden die Bürger im
       Notfall eine Nachricht mit einem lauten Alarmton auf ihrem Handy erhalten –
       ein System, das auch darauf ausgelegt ist, schlafende Menschen zu wecken.
       
       Nach den ersten Drohnenvorfällen Ende März hatte die finnische Regierung
       versprochen, das Warnsystem im Jahr 2027 in Betrieb zu nehmen. Laut
       Premierminister Orpo wurden die Mittel für ein neues Warnsystem bereits im
       vergangenen Jahr bereitgestellt. Schockiert von den Ereignissen am 15. Mai
       erklärte Innenministerin Mari Rantanen, [3][das System solle bereits bis
       Ende dieses Jahres eingeführt werden] – ein Zeitplan, der vom Vorsitzenden
       des Verteidigungsausschusses des Parlaments sofort als „unbegründet
       langsam“ eingestuft wurde.
       
       ## Vorzeigeland bei Konfliktvorsorge im Kriegsfall
       
       Finnland gilt als Vorzeigeland in Sachen Konfliktvorsorge und Zivilschutz.
       Es gibt Luftschutzbunker für fast die gesamte Bevölkerung und für Männer
       besteht Wehrpflicht. Wichtige Brücken sind so gebaut, dass sie im Falle
       einer Invasion durch eine ausländische Armee schnell gesprengt werden
       können. Das System ist jedoch auf maximalen Schutz in einem umfassenden
       Krieg gegen Russland ausgelegt, nicht auf Drohnen, die in Friedenszeiten
       nach Finnland eindringen.
       
       Und wie soll man die Ukraine [4][bei ihren Angriffen auf russische Militär-
       und Ölanlagenziele] bedingungslos unterstützen, während ihre Drohnen
       finnische Zivilisten gefährden? Der finnische Präsident Alexander Stubb
       warnte bereits, dass „der Krieg uns ziemlich nahe gekommen ist“ und
       bereitete die finnischen Bürger damit auf ähnliche Vorfälle in der Zukunft
       vor.
       
       Der Absturz einer ukrainischen Drohne auf ein Wohnhaus in Helsinki ist ein
       mögliches Szenario, solange die Ukraine ihre Angriffe gegen Russland nahe
       der Grenze zu Finnland fortsetzt. Und ein Luftschutzbunker nützt nichts,
       wenn es kein funktionierendes System gibt, das einen rechtzeitig weckt. Und
       derzeit sieht es so aus, als würde es noch mindestens mehrere Monate
       dauern, bis ein solches System eingerichtet ist.
       
       Der Autor ist finnischer Journalist und war als Stipendiat des
       Internationalen Journalisten-Programms IJP für zwei Monate bei der taz
       
       8 Jun 2026
       
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