# taz.de -- Ausstellung im Schloss Bellevue: Das meiste ging für die Sicherheit drauf
       
       > Wo sonst der Bundespräsident waltet, wandeln aktuell Besucher:innen
       > auf den Pfaden der Kunst: Die Akademie der Künste nutzt das Schloss
       > Bellevue in Berlin für eine Ausstellung.
       
 (IMG) Bild: Eine Statue von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der Ausstellung „Freiraum Kunst“ im Schloss Bellevue
       
       Die Zwischennutzung ist eine Berliner Erfindung – genau wie die Currywurst
       oder der Döner. Zwischennutzung, das bedeutet, Kulturtreibende nutzen
       Immobilien-Leerstand und beziehen diesen kurzfristig, was zu einer
       klassischen Win-win-Situation führt, weil die Mieter wenig oder nichts
       bezahlen und der Besitzer die Immobilie hinterher oft für mehr Geld
       vermieten oder verkaufen kann. Das nennt man dann Aufwertung und weil ein
       großer Teil Berlins nach diesem Muster verscherbelt wurde, gab es eine Zeit
       lang nicht mehr so viele Zwischennutzungen.
       
       Derzeit kommt es aber zu einer besonders spektakulären Zwischennutzung.
       Denn nicht weniger als das Schloss Bellevue, Amtssitz des
       Bundespräsidenten, wird gerade von der Akademie der Künste für eine
       Ausstellung zeitgenössischer Kunst zwischen genutzt. Zwei Wochen lang,
       bevor das Haus seiner etwa achtjährigen Sanierung zugeführt wird. Und nach
       der ersten Woche lässt sich sicher sagen, es war eine gute Idee, denn das
       Ganze ist ein Besuchermagnet. Nur, wer hier genau gewinnt, das ist bei
       dieser Zwischennutzung zunächst nicht ganz genau zu bestimmen.
       
       Ein Besuch am vergangenen Freitagvormittag zeigt, dass sich – das muss man
       so beschreiben – eher ältere Menschen in leicht sedierter Stimmung, ob der
       über 30 Grad, in Schlangen vor den immensen Sicherheitsvorkehrungen
       sammeln. Geduldig warten sie bis ihre Taschen durchleuchtet werden, um dann
       mit Handys in Hüllen sogleich querformatige Bilder des Schlosses
       aufzunehmen. Denn dort prangt auf dem Dach der Schriftzug des
       Ausstellungstitels. Freiraum Kunst steht da. Das sieht zwar aus wie eine
       fetzig gemeinte Sparkassen-Werbung, doch hat man es an diesem Werk und der
       Streetart im Eingang vorbei geschafft, dann sieht man durchaus tolle Kunst.
       
       Da ist die Arbeit von Jochen Gerz, die die Ausstellung rahmt. Eine
       Videoarbeit, [1][für die der Künstler 1972 bis zur Erschöpfung „Hallo“
       rief.] Als präzise Diagnose unserer Zeit wird die Arbeit von Co-Kurator
       Anh-Linh Ngo beschrieben. Die Möglichkeit, sich ständig digital zu äußern,
       suggeriere Selbstwirksamkeit, so schreibt er im Begleitheft und das
       untergrabe Vertrauen in demokratische Prozesse. Und auch, wenn der Künstler
       das 1972 wohl eher noch nicht diagnostizieren wollte, so ist das doch eine
       brauchbare Arbeitsthese.
       
       ## Sexpuppe im Schloss
       
       Eine weitere Arbeit ist von Gregor Schneider, der 2013 das Geburtshaus des
       NS-Propagandaministers Goebbels kaufte und es scannte und dokumentierte,
       bevor er es entkernte. Weniger politisch, aber politisiert wurde die Arbeit
       von Alexandra Bircken, für die sie ein, dem Frauenunterleib ähnliches
       Sexwerkzeug in Bronze gießen ließ und den Besuchern damit den Weg verstellt
       – das Penetrationsloch in Augenhöhe. Eine Spiegel-Autorin titelte „Der
       Bundespräsident holt sich eine Sexpuppe ins Schloss. Muss das sein?“ und
       das rechtskonservative Portal Nius sprang auf den Empörungszug auf.
       
       Das hat zwar nicht die nötige Begabung für eine ähnlich skandalisierende
       Überschrift, vielleicht fehlt ihm aber auch das Material, denn schließlich
       beantwortet man den Mitarbeitern dort die Anfrage nicht, was diese
       skandalöse Künstlerin an Honorar erhalten habe – so erzählte Anh-Linh Ngo
       bei einer Führung. Bei der er auch verrät, dass das Honorar für die
       Ausstellenden beschämend gering sei, ginge das meiste des Budgets doch für
       die Sicherheit drauf. Weit über 600 Millionen soll die Sanierung des
       Staatsschlosses kosten und da könnte man natürlich etwas populistisch
       fragen, ob das nicht frivol erscheint, in Anbetracht der massiven Kürzungen
       in Kultur und Bildung. Aber alles in allem auch eine präzise Diagnose
       unserer Zeit, die die Künstlerin vermutlich genauso wenig im Sinn hatte wie
       Gerz, ging es ihr vor allem um den „male gaze“.
       
       Und dieses Werk lässt sich auch wunderbar benutzen, um zu beteuern, wie
       frei die Kunst doch ist, so frei, dass sich der Träger des höchsten
       Staatsamtes sogar eine Arbeit mit Sex-Bezug ins Haus holen darf, hossa! Und
       da ist die Kunstschau dann wirklich politisch: Schon der Titel, schon die
       Sparkassen-Werbung auf dem Dach – Freiraum Kunst – kann auch schmerzend
       zynisch gelesen werden. Ist die Kunst doch gerade nicht sehr frei, wenn
       Künstlerinnen oder Kuratorinnen wegen eines falschen Likes in den sozialen
       Medien in die Bredouille geraten, [2][Filmfestivalleiterinnen wegen
       politischer Äußerungen von Regisseuren ihren Job verlieren sollen.]
       
       Aber zurück zur guten Kunst, die hier in nur wenigen Wochen zusammen
       kuratiert wurde, dem Video von Jürgen Böttcher, das ins Treppenhaus
       projiziert wird, und das den Abriss der Mauer dokumentiert zum Beispiel.
       Das zeige, wie Veränderung gelingen kann, kommentierte der Kurator bei
       seiner Führung, und so viel Zuversicht stimmt zuversichtlich. So wie das
       Interesse der Besucher, die natürlich auch mal die Chance ergreifen
       wollten, ins architektonische Innere der Macht zu blicken.
       
       Doch die holt diese Ausstellung mit engagierter Vermittlung sehr gut ab. In
       jedem Raum sucht ein Mitarbeiter das Gespräch über die Kunst. So wie
       Anh-Linh Ngo, der über Karin Sanders 3-D-Scan vom Bundespräsidenten sagte,
       der Maßstab 1:5 stelle das Verhältnis politischer Repräsentanz infrage.
       Denn Momente des 1:1 seien nötig, die wirkliche Teilhabe. Und vielleicht
       schreien die Leute dann weniger oft bis zur Erschöpfung „Hallo“. Und
       vielleicht hat bei dieser Zwischennutzung weniger Staat und Kunst gewonnen,
       sondern eher die Bürger, denen zu selten etwas gut vermittelt wird.
       
       21 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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