# taz.de -- ESC in Wien: Viel zu viel Hader um Israel
> Beim 70. ESC in Wien geht es viel um die Frage von Ausschlüssen. Der
> Israeli Noam Bettan ist propalästinensischer Wut zum Trotz für das Finale
> qualifiziert.
(IMG) Bild: Noam Bettan hat es mit seinem flotten Lied „Michelle“ ins Grand Final am Samstag geschafft
Immerhin diese Unsicherheit konnte geklärt werden. Da hatten die Wiener
Veranstalter des [1][70. Eurovision Song Contest] die Idee, dass sich
Caféhäuser bei ihnen melden, auf dass sie Gastgeber für die 34
nichtösterreichischen TeilnehmerInnen dieses Eurovisionsfestival werden
können. So mit Länderfähnchen, gewissen Speisen und Getränken – sollen sich
doch alle wohlfühlen in der einstigen Kapitale Habsburg.
Nur gab es ein Problem: Für Israel, traditionell seit 1973 beim ESC-Fest
mit von der Partie, fand sich keine gastronomische Einrichtung. Bis sich
die „Kantine“ im Museumsquartier meldete, Lisa Wegenstein, tapfere
Streiterin seit vielen Jahren ohnehin gegen antisemitische Atmosphären,
wollte nicht, dass sich Israel missachtet fühlt. In diesen Tagen fanden sie
und ihre Mitarbeiterinnen antisemitische Schmierereien an den Wänden der
sanitären Anlagen, guerillahaft ohne Nennung von Absendern gesprüht.
Aber dann kam die Frage des Polizeischutzes. Sie sagt: „Wenn es doch nur um
Sachen ginge, aber dass Menschen ja wirklich Angst haben müssen …“ Sie
spricht den Satz an diesem Montagnachmittag nicht zu Ende, aber
Polizeibewachung kostet Geld. Bis zu 12.000 Euro hätte ihr Haus für sie
bezahlen müssen. Schließlich erklärte [2][das Echo-Medienhaus] sich bereit,
für die Sicherheit dieses Cafés in diesen Tagen aufzukommen.
Dass schließlich Dienstag am späten Abend vom ersten Semifinale des ESC in
der Wiener Stadthalle verkündet wurde, dass [3][Noam Bettan es mit seinem
flotten Lied „Michelle“] ins Grand Final am Samstag geschafft hat, heiterte
die Stimmung an den Tischen in der „Kantine“ erheblich auf, sogar der
T-Shirt-Verkauf mit einem israelischen Eurovisionsmotto klappte.
Um Israels Teilnahme am größten Pop-Wettbewerb wenigstens Europas (und
vieler Anrainerländer) [4][hat es ja viel Ärger gegeben] – und es gibt ihn
noch. Freitag und Samstag soll es Alternativfestivals in Wien geben, zu dem
unter anderem auch der [5][ESC-Sieger von 2017, Salvador Sobral],
angekündigt ist. Ob der Portugiese wirklich anreist, ist weiterhin unklar,
aber der Mann kämpft um Aufmerksamkeit, also wird er eine Performance samt
Statement wider das große Festival nicht ausschlagen.
Dass das Jubiläumsfest des ESC, der 70. seit 1956, überhaupt mit Israel
stattfinden kann, ist nicht verwunderlich: Israels öffentlich-rechtlicher
TV-Sender KAN agiert medial in seinem Land regierungsunabhängig, was der
entscheidende Unterschied etwa zu den Sendern Russlands und Belarus' ist –
die deshalb, zumal nach Beginn des russischen gegen die Ukraine 2022, auch
ausgeschlossen wurde. Israel ist seit mehr als einem halben Jahrhundert
Mitglied der Eurovisionskette (wie auch Sendeanstalten aus dem zu Asien
zählenden Kaukasus oder auch Nordafrikas) öffentlich-rechtlicher TV-Häuser.
## Beifall und Pfiffe für Noam Bettan
Das war und ist natürlich für die propalästinensische Protestszene viel zu
kompliziert. Man beharrt darauf, dass Israel ausgeschlossen wird, am
liebsten noch subito. In der Wiener Stadthalle bekommt Noam Bettan bei
seiner Performance starken Beifall, es gibt allerdings auch Pfiffe, einer
schafft es sogar, auch in der Übertragung vernehmlich „Free Palestine“
(o.s.ä.) zu skandieren, was allerdings verboten war – er wie auch drei
andere [6][wurden der Location verwiesen], nicht per Stuhlkreisverfahren
überredend und sanft, sondern entschlossen und mit Absicht. Beifall der
Umstehenden für die Security-Aktion, auch dies wird überliefert.
Der Israeli, so heißt es aus der israelischen Delegation, hat vor den
ESC-Auftritten – wie in den vergangenen zwei Jahren seine
Künstlerkolleginnen [7][Eden Golan 2024 in Malmö] und [8][Yuval Raphael
2025 in Basel] – lernen müssen, gegen Buhrufe anzusingen, ohne die Nerven
zu verlieren. Aber man merkt ihm eine gewisse Nervosität an.
Gegen jeden Comment beim ESC erklärt er bei der Eröffnungsgala am Sonntag,
als er auf dem Türkisen Teppich kurz interviewt wird, er sänge für Israel
und das sei auch gut so – wo doch alle wissen, dass bei diesen
Kurzselbstpropagandaschnipseln alle die gastgebende Stadt, die
KünstlerkollegInnen und das Wetter zu loben haben – selbst wenn es wie in
diesen Tagen in Wien eine klimatische Lage wie im frühen März hat, im
Zweifelsfall voller Hagel und Regenschauer.
Mobilisierte Televotingergebnisse aus Israel
Zur Stimmungsaufhellung eben nicht gerade beigetragen hatte auch [9][eine
Recherche der New York Times], derzufolge die israelische Regierung und,
obendrein, der Künstler Noam Bettan selbst Posts über alle möglichen
Social-Media-Kanäle abgesetzt, für den ESC-Beitrag Israels werbend. Und
dies geschah auch schon im vorigen Jahr. Die Zahlen des amerikanischen
Medienhauses zeigen, dass mobilisierte Televotingergebnisse Israel
monströse Vorsprünge dort bescherten.
Allerdings, das konstatiert der Bericht auch, seien diese Werbeaktionen
ohne Hacks und Bots exekutiert worden. Viele stimmten bei der
Publikumsabstimmung ab, und dies gleich legalerweise zehnfach – eben vor
einem Jahr für Yuval Raphael.
Was der Bericht nicht erwähnt: Promotionskampagnen hat es zu allen Zeiten
des ESC gegeben, viele Jahre, um russischen KünstlerInnen behilflich zu
sein. Es gab auch Nutznießer aus Griechenland, der Ukraine und
Aserbaidschan (2011) – für den Job der organisierten Influencerei gibt es
etliche nicht allein europäische wirkende Agenturen. Für alle politischen
Anliegen ist keine Fläche so kostbar wie der ESC, 130 Millionen Menschen
schauen zu.
## Genderfluide Ampelzeichen und Regenbogenzebrastreifen
Wien, falls man dies so aus wenigen Tagen Beobachtung entnehmen kann, nimmt
den ESC hin, es wird als Fest der kulturellen Diversity verstanden,
genderfluide Ampelzeichen und Regenbogenzebrastreifen inklusive.
Mit ein wenig historischem Abstand ließe sich sogar sagen, dass Protest
gegen Details eines Eurovisionfestivals – und „Israel“ ist nicht mehr als
ein Teil des Ganzen, nicht mehr, nicht weniger -, üblich sind.
Irgendeine Bewegung stört sich ja immer am großen Ganzen: Neulich bei „Hart
aber fair“ Hubert Aiwanger aus ultrakonservativer Ecke über queere Kulturen
beim ESC, jetzt, wie es viele sehen, antisemitische Linke, die Israel
abscheulich finden.
Vor 51 Jahren demonstrierten angelegentlich des ESC in Stockholm –
[10][nach dem Sieg Abbas im Jahr zuvor] – gegen „Kulturimperialismus“,
Verpestung der europäischen Kultur durch „Amerika“, Bubble-Gum-Pop und für
eine Kultur der Drittweltsolidarität und der Liederklampferei ohne Pomp. So
gut wie das gesamte Kulturestablishment Schweden war solidarisch mit diesem
Anliegen, viele unter ihnen, die kurz zuvor noch beim kambodschanischen
Schlächter Pol Pot auf dem Schoß saßen und nichts von dessen blutigen
Politiken und Umerziehungspraktiken mitbekommen haben wollen.
Noam Bettan sagte dem Standard gegenüber: „Ich bin hier, um Musik zu
machen, alles andere berühre ich nicht.“
13 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Streit-um-Israels-Teilnahme-am-ESC/!6178648
(DIR) [2] https://www.profil.at/oesterreich/israel-fancafe-mq-kantine-bleibt-doch-nicht-auf-kosten-fuer-polizei-sitzen/403159370
(DIR) [3] https://youtu.be/L9JVTSHKeqc?si=9VevRqVryNoRxwzs
(DIR) [4] /Eurovision-Song-Contest-2026/!6177446
(DIR) [5] /Portugal-gewinnt-Eurovision-Song-Contest/!5409092
(DIR) [6] https://www.facebook.com/reel/1370900198420924
(DIR) [7] /Proteste-beim-Eurovision-Song-Contest/!6007374
(DIR) [8] /ESC-in-Basel/!6085746
(DIR) [9] https://www.nytimes.com/2026/05/11/world/europe/eurovision-israel-gaza-netanyahu.html
(DIR) [10] /50-Jahre-Abba/!6001870
## AUTOREN
(DIR) Jan Feddersen
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