# taz.de -- Wer gewinnt den 70. ESC in Wien?: Fiedel, Flammenwerfer und freundlicher Lärm
       
       > Lesen Sie hier, wer im Finale des diesjährigen Eurovision Song Contests
       > steht – und welche Acts die größten Chancen auf einen der vorderen Plätze
       > haben.
       
 (IMG) Bild: Das Moderatoren-Duo Victoria Swarovski und Michael Ostrowski führt durch den Abend
       
       1 Dänemark: Søren Torpegaard Lund – Før vi går hjem. Ehe wir nach Hause
       gehen: Die liebesflehenden Worte eines Mannes, möglicherweise vom
       „Berghain“ inspiriert. Supervokalist mit bester Mucke für vollgedröhnte
       Stunden. Platz 4.
       
       2 Deutschland: Sarah Engels – Fire. Ambitionierte Sängerin mit guter Stimme
       in aufwändigem Bühnenfummel zu konventionellem Klang. Ästhetisch ist ihr
       Stil etwas in die Jahre gekommen – middle of the road. Platz 22.
       
       3 [1][Israel]: Noam Bettan – Michelle. Unmittelbar wiedererkennbar, dieses
       Lied in französischer Sprache – was ein entscheidender Bonus gegen alle
       anderen Acts mit ihren Materialaufbauten und Feuerzaubern ist. Platz 2.
       
       4 Belgien: Essyla – Dancing on the Ice. Der Spätfrühlingshit in allen
       Caffè-Latte-Shops und Bubble-Tea-Bars zwischen Knokke und Liège: munter die
       Beats, flirrend und unübertrieben gefällig die Show, die moderner aussieht
       als die meisten an diesem Abend. Platz 17.
       
       5 Albanien: Alis – Nân. Irritierender Chorbombast als Ausschmückung für ein
       Lied um eine – so ganz klar wird das nicht – verstorbene Mutter, die auf
       ihren Sohn wartet. Der Sohn singt wie um sein Leben und schwört ihr, sie
       wiedersehen zu wollen. Platz 11.
       
       6 Griechenland: [2][Akylas] – Ferto. Hübscher Kerl mit Sonnenbrille, der in
       diesem Act mit vielen graekophonen Klischees spielt, ein wenig Rembetiko
       inklusive. Alles sehr in Orange gehalten, für alle U35-Menschen eher
       abenteuerlich. Platz 5.
       
       7 Ukraine: [3][Leléka] – Ridnym. Die Sängerin kann Jazz, nützlich für ihr
       Lied eher ruhigerer Strickart. Mixtur aus Ukrainisch und Englisch. Ballade,
       so sagt die Sängerin, gegen die Furcht – auf dass die Bäume wieder wachsen.
       Bekennend unpolitisches Lied. Platz 9.
       
       8 Australien: Delta Goodrem – Eclipse. Man merkt ihr im besten Sinne die
       Jahrzehnte Berufserfahrung als eine der Topkünstlerinnen ihres Landes an.
       Perfektes Styling, pompöses Arrangement und viel Feuerschaum in
       hautschmeichelndem Gelb. Stimmlich ein Ass. Platz 3.
       
       9 Serbien: Lavina – Kraj mene. Eher düstere Post-Gothic-Show, erinnert
       nicht nur spurenweise an die ESC-Legende Lordi aus Finnland. Die Message
       hingegen, ganz Johnny-Logan-mäßig: Halt mich im Arm. Platz 19.
       
       10 Malta: Aidan – Bella. Im klassischen ESC-Sinne die einzige melodisch
       tragfähige Ballade – Schmachtgesang eines männlich lesbaren Wesens auf eine
       Person der Anbetung. Obacht: normalste Herrenfrise des Abends. Platz 20.
       
       11 Tschechien: Daniel Žižka – Crossroads. Sein Scheideweg wird von
       folgender Fragen markiert: Schafft er seinen boyischen Charme in die
       Kameras zu transportieren? Problem-Pop, der verfangen könnte. Platz 13.
       
       12 Bulgarien: Dara – Bangaranga. Irgendwie höherer bis mittlerer Blödsinn,
       leicht orientalisierende Klänge im Background. Sehr gut geeignet, um
       lähmende Partys wieder anzutreiben. Nix für Tempolimitzwänge. Platz 15.
       
       13 Kroatien: Lelek – Andromeda. Trommelwirbeleien, die Gesichter dieser
       Künstlerinnen mit Hennalinien bemalt, womit sie den Geist des Universums
       beschwören. Kraftvoll wie ein Chill-out nach tüchtigem Graskonsum. Platz
       21.
       
       14 Vereinigtes Königreich: Look Mum No Computer – Eins, Zwei, Drei. Kommt
       die Botschaft rüber? Starke Kostüme zu einem Act, der den mitgrölfähigen
       Titel oft wiederholt. Noch ein verspätetes Muttertagslied, das allerdings
       mit außerenglischen Sprachsprengseln. Platz 18.
       
       15 Frankreich: Monroe – Regarde! Bestrickendes Liebeslied im
       Nouvelle-Chanson-Format beinah kunstreligiös ziseliert in so gut wie jeder
       Note. Die Sängerin, ein kommender Star in ihrer Heimat, jetzt schon in
       Paris, sollte für ihre Kunst belohnt werden. Platz 8.
       
       16 Moldau: Satoshi – Viva, Moldova! Seltsam, dass dieses kleine Land immer
       wieder prima freundlichen Lärm zum ESC schickt. Dieser Beitrag ist nichts
       als ein EU-Bewerbungsschreiben mit viel hiphopstylishem Tanz. Platz 7.
       
       17 Finnland: Linda Lampenius & Pete Parkkonen – Liekinheitin. Wörtlich
       übersetzt: Flammenwerfer. Das aufgeschäumte Lied samt Fiedel in der Hand
       der Violinistin trägt auch optisch zu einem perfekten Pop-Paket bei. Er?
       Kann höchste Töne. Platz 1.
       
       18 Polen: Alicja – Pray. Freiheit per Gebet: Das ist die Zauberformel
       dieser Chanteuse aus Ciechanów, die ihre leicht plätschernde Nummer
       sängerisch sehr okay rüberzubringen weiß. Leider melodiearm. Platz 23.
       
       19 Litauen: Lion Ceccah – Sólo quiero más. Übersetzt: Ich will einfach
       mehr. Also noch ein Lebenskrisenabrechnungslied, dies vorgetragen mit
       mächtiger Stimme und opulenter Kostümerei inklusive güldener Kopfbemalung.
       Platz 24.
       
       20 Schweden: Felicia – My System. Bittere Abrechnung mit einer verflossenen
       Liebe, die aber nicht aus dem Gemüt weichen will. Kennen alle. Ihre Maske,
       die sie beim Singen wohl nicht stört, schütze sie vor Gefahren: Message
       verstanden. Platz 12.
       
       21 Zypern: Antigoni – Jalla. Ein bisschen Soundteppich für lauschige, nicht
       allzu triefige Abende an Mittelmeerstränden? Here we go – das Lied passt.
       Platz 14.
       
       22 Italien: Sal Da Vinci – Per sempre sì. Veteran des Showgeschäfts mit
       Phillysound-Pop, fröhlich eher. Heterosexuellste Performance des Abends,
       diese Hymne auf das Heiraten. Eigentlich der diesjährige ESC-Gassenhauer,
       ohrenfräserig. Platz 6.
       
       23 Norwegen: Jonas Lovv – Ya ya ya. Einzige ersichtliche E-Gitarre gleich
       zum Auftakt, Hardrocknummer aus dem Land der Schlager und des Heavy Metal.
       Was für wackenerfahrene ältere Semester. Achtung: lackierte Fingernägel.
       Platz 16.
       
       24 Rumänien: Alexandra Căpitănescu – Choke Me. Es geht um Liebe, ums
       Würgen, um Sehnsucht und sonstige Dinge des Lebens, wie man sie gewöhnlich
       im Berliner Kitkat-Club antreffen kann. Mitreißend. Platz 10.
       
       25 Österreich: Cosmó – Tanzschein. Auch hier: Techno-Anklänge, viel
       Bemalung und etlicher Aufwand, um mitzuteilen, dass da einer in einen Club
       will. Gewagt! Platz 25.
       
       Jan Feddersen, taz-Redakteur, fasziniert der ESC seit 1967, er hat Bücher
       zum Thema veröffentlicht. Lieblingslied aktuell: „De troubadour“ (Lenny
       Kuhr, Siegerin 1969).
       
       Einen Liveticker zum ESC in Wien finden Sie am Samstagabend auf
       [4][taz.de]. Übertragung ab 21 Uhr in der ARD (Kommentator Thorsten Schorn)
       und auf Youtube (ohne Kommentar).
       
       15 May 2026
       
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