# taz.de -- Völkerrecht in der Krise: Das Recht der Gleichen
> Das Völkerrecht ist nicht tot, aber stark reformbedürftig. Europa sollte
> sich für mehr Gleichheit einsetzen – und die ehemals Blockfreien
> umwerben.
(IMG) Bild: In Stein gemeißelt: Relief mit William Blackstone, Verfasser von „The Rights of Man“, sowie Hugo Grotius, Rechtswissenschaftler
Die Völkerrechtsordnung der Nachkriegszeit gibt es nicht mehr. Das zeigte
sich schon vor dem rechtswidrigen Angriff der USA und Israels auf Iran.
Anfang des Jahres bekannte Donald Trump freimütig, dass ihn nur seine
eigene Moral interessiere, nicht das Völkerrecht. Er schob hinterher, dass
es darauf ankomme, was man unter Völkerrecht verstehe. Sein Verständnis
offenbarte er kurz später bei der Gründung des „Trump Board of Peace“ in
Davos: eine Organisation wie ein Golfclub, maßgeschneidert für Trump. Zwar
enthält die Satzung ein Lippenbekenntnis zum Völkerrecht, aber was man
darunter versteht, ist, wie gesagt, Ansichtssache.
Den Gegenpol zu Trump in Davos bildeten Mark Carney und – „for sure“ –
Emmanuel Macron. Beide bekannten sich zu einer multilateralen Ordnung nach
dem Prinzip souveräner Gleichheit.
Jedes dieser Verständnisse des Völkerrechts hat seine Geschichte. Trumps
Völkerrecht stammt aus dem Kolonialismus. Es diente imperialen Mächten
dazu, ihre Interessenssphären abzustecken. Ungleichheit war in ihm
angelegt: Den kolonisierten Völkern verweigerten die Europäer die
Anerkennung als vollwertige Rechtssubjekte – um sie zu unterdrücken. Dieses
Völkerrecht stabilisierte zudem die Ungleichheit im Innern der Großmächte.
Mächtige Kreise profitierten am meisten von kolonialer Expansion:
Herrscher, Kolonialgesellschaften, Plantagenbesitzer. Zugleich schuf
Kolonialismus ein Ventil für soziale Spannungen, sei es durch Streitkräfte,
Auswanderung oder billige Kolonialwaren wie Zucker.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verlor dieses Völkerrecht mit steigendem
Lebensstandard an Rückhalt. Kolonialismus und Sklaverei kamen in den
kritischen Blick einer zunehmend demokratischen Öffentlichkeit. So entstand
in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schrittweise [1][die Vision eines
universellen, egalitären Völkerrechts]. Internationale Institutionen
sollten den Gegenentwurf zum Imperialismus und den Katastrophen des 20.
Jahrhunderts bilden. Kooperation statt riskanter Expansion sollte den
Wohlstand für alle mehren.
So ganz egalitär war jedoch auch dieses Völkerrecht nicht. Während die
Dekolonisierung politische Macht neu verteilte, gaben die führenden
Industriestaaten wirtschaftlich und militärisch das Ruder nicht aus der
Hand. Der Kalte Krieg verkomplizierte Veränderungen. Das Völkerrecht der
Gleichen blieb daher Illusion. Zu groß waren die faktischen Ungleichheiten
zwischen den Staaten.
Diese Schieflage hat sich mittlerweile verschlimmert, seitdem die
Ungleichheit in den USA und anderen entwickelten Ländern wieder angestiegen
ist. Es begann mit dem Schwenk zu neoliberaler Wirtschaftspolitik. Zwar
profitieren westliche Konzerne von globalen Lieferketten, doch ihre
Heimatländer bezahlten dafür mit dem Niedergang der Industriegesellschaft.
Das erleichterte den Streitkräften die Personalgewinnung, polarisierte aber
das politische System. Mittlerweile gelingt es einer Symbiose aus
Superreichen und aufstrebenden Autokraten, den Unmut in politische Macht zu
münzen, die sie zu ihrem wirtschaftlichen Vorteil einsetzen.
Diese Oligarchie richtet die Weltpolitik nun an ihren Interessen aus. Dazu
gehört die Kontrolle von natürlichen Ressourcen, ob in Venezuela, Grönland,
Russland oder der Golfregion, aber auch politische Kontrolle über andere
Staaten, die sich besser über befreundete Autokraten gewinnen lässt als
durch Werben um die Gunst demokratischer Mittelschichtgesellschaften.
Ist angesichts dessen ein Völkerrecht der Gleichen jenseits wohlfeiler
moralischer Empörungsnarrative noch vorstellbar? Wenn überhaupt, dann nur
ein Völkerrecht, das nicht nur eine formale regelbasierte Ordnung, sondern
ein hohes Maß an sozialer Gleichheit in den Mittelpunkt stellt, global wie
lokal. Nur so lässt sich das Regiment autokratischer Oligarchen eindämmen.
Zugleich schafft soziale Gleichheit die Voraussetzungen, unter denen
Demokratie nachhaltig gelingen kann, ohne sie herbei zu bomben.
Ein solches Völkerrecht der Gleichen müsste jedoch machtpolitisch bestehen
können. China verhält sich zwar zurückhaltender als die USA, doch letztlich
auch hegemonial. Europa müsste mit anderen Staaten kooperieren, die sich
aus der Umklammerung der Großmächte befreien wollen. Davon gibt es einige,
in Lateinamerika, Süd- und Ostasien und Afrika. In der Summe sind diese
Staaten machtpolitisch den damaligen „Blockfreien Staaten“ des Kalten
Kriegs haushoch überlegen. Zudem sind selbst die Großmächte zu vernetzt und
abhängig, um ein breites Staatenbündnis unter der Flagge des Völkerrechts
der Gleichen zu ignorieren. Politische Einigkeit dürfte ein solches Bündnis
oft nur schwer finden, doch äußere Bedrohung kann Wunder wirken.
Natürlich würde das Völkerrecht der Gleichen Europa einiges abverlangen.
Europa müsste international denken und teilen. Das Gleichheitsversprechen
dieses Völkerrechts muss eingelöst werden – formell wie materiell, lokal
wie global. Dazu müsste bei vielen neuralgischen Themen ein Kassensturz
stattfinden, sei es das Unrecht der Vergangenheit oder die
Weltwirtschaftsordnung.
Ein solches Völkerrecht der Gleichen könnte zu einer hegemonialen Idee im
Sinne Gramscis werden. [2][Autokratische Kräfte profitieren nicht zuletzt
von Abstiegsangst im Zeichen grassierender Ungleichheit]. Ihre Erzählung
ist rückwärtsgewandt, begrenzt auf das Versprechen, Privilegien zu sichern.
Das dürfte auf Dauer schiefgehen, wenn autokratische Regimes zugleich die
Erosion von gesellschaftlicher Gleichheit auf die Spitze treiben.
Irgendwann bekommt auch der letzte Trumpist mit, dass er vielleicht doch
nicht zum Kreis der Privilegierten gehört und man Kulturkampf nicht essen
kann. Dann kann das Versprechen einer Weltgesellschaft der Gleichen diese
Regimes durch eine Fortschrittserzählung erschüttern. Europa hat die
Chance, sie mitzugestalten.
17 Apr 2026
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