# taz.de -- Ende des Worst-Case-Szenarios fürs Klima: Die tröstende Umarmung
       
       > Die Klimakrise wird gar nicht so schlimm, sagen rechte Medien und
       > Öl-Lobby. Wer dieses Narrativ entkräften will, muss seine emotionale
       > Macht verstehen.
       
 (IMG) Bild: Umarmungen von Menschen, wie hier bei einem Waldbrand in Athen, können vieles besser machen. Die Klimakrise lösen sie nicht
       
       Seit einigen Wochen läuft eine Desinformationskampagne gegen Klimaschutz,
       die so haarsträubend ist, dass es schwerfällt, sie ernst zu nehmen. Sie
       deshalb zu ignorieren, wäre in diesem Fall aber ein Fehler. Denn die
       Akteure der Kampagne sind nicht nur der US-Präsident, die zweitgrößte
       Fraktion im Bundestag und der größte deutsche Zeitungsverlag, sondern auch
       ein weitverzweigtes Netzwerk neoliberaler Denkfabriken. Wollen wir ihrer
       fossilen Propaganda etwas entgegensetzen, müssen wir sie ernst nehmen.
       
       Was ist passiert? Zunächst einmal sehr wenig, zumindest in der breiten
       Öffentlichkeit. Am 7. April veröffentlichte eine Gruppe Dutzender
       Klimaforscher*innen, deren Arbeit in die Berichte des UN-Weltklimarats
       einfließt, ein neues Rahmenwerk für Klimaszenarien. Das bisherige
       Worst-Case-Szenario RCP 8.5, das in einer Erderhitzung von beinahe 5 Grad
       resultiert hätte, [1][ist laut den Wissenschaftler*innen mittlerweile
       „unplausibel“] – vor allem dank massiver Fortschritte bei erneuerbaren
       Energien. Im nächsten Bericht des Weltklimarats wird das Szenario damit
       wohl keine Rolle mehr spielen.
       
       Das ist erst mal ein unspektakulärer, klimawissenschaftlicher Prozess. Was
       darauf folgte, war jedoch eine der präsentesten Desinformationskampagnen
       der vergangenen Jahre. Fossile Akteur*innen und rechte Medien stürzten sich
       geradezu auf RCP 8.5.
       
       Der Weltklimarat habe zugegeben, seine Klimaprojektionen seien „FALSCH!
       FALSCH! FALSCH!“ gewesen, schreibt Donald Trump. In der Tageszeitung Die
       Welt erscheint eine Kolumne der langjährigen CDU-Politikerin Kristina
       Schröder mit dem Titel „Die Apokalypse fällt aus“. Darin heißt es, um die
       deutsche Wirtschaft zu retten, müsse Deutschland seine Klimaziele ändern,
       „näher an 3 Grad“. Kurz darauf befasst sich auf Antrag der AfD auch der
       Bundestag mit dem Thema: Es ginge um nichts Geringeres als den „größten
       Betrug, der jemals an der Menschheit begangen wurde“, sagt ein
       AfD-Abgeordneter.
       
       ## Der Taschenspielertrick
       
       Die Erzählung von AfD und Co: Mit dem Worst-Case-Szenario sei über Jahre
       hinweg Panikmache betrieben worden. Jetzt mache die Wissenschaft eine
       Kehrtwende, dementsprechend müsse sich auch die Klimapolitik ändern. Das
       ist – natürlich – [2][völliger Unsinn]. Der Taschenspielertrick, der
       dahintersteckt: Die gestreuten Erzählungen verwischen einfach den
       Unterschied zwischen Szenario und Prognose. Klimaszenarien sind kein Blick
       in die Glaskugel, mit dem eine bestimmte Zukunft vorhergesagt wird. Sie
       sind Hypothesen, wie sich Gesellschaften unter bestimmten Annahmen
       entwickeln könnten. Sie erkunden zum Beispiel die Frage, was passiert, wenn
       die Welt weiter ungebremst auf fossiles Wachstum setzt. Oder aber was
       passiert, wenn wir global kooperieren und massiv in Erneuerbare
       investieren.
       
       RCP 8.5 entstand 2011 als Worst-Case-Szenario für eine Welt ohne
       nennenswerte Klimaschutzmaßnahmen, die bis Ende des Jahrhunderts zwölf
       Milliarden Menschen bevölkern. 15 Jahre später sagen die
       Wissenschaftler*innen nun: Dass das so passiert, ist mittlerweile
       unplausibel, dafür ist die Energiewende viel zu erfolgreich.
       
       So viel zum Faktencheck. Die Sache ist nur, der alleine wird nicht
       ausreichen. Dafür ist die Erzählung der fossilen Verfechter*innen zu
       verführerisch: „Seht her, so schlimm wird das alles gar nicht!“ Es ist eine
       Idee, die sich für manche anfühlt wie eine tröstende Umarmung. Mit
       Wissenschaftsjournalismus alleine kann man ihr nicht beikommen. Was dagegen
       helfen könnte, ist eine Strategie, die Politikwissenschaftler*innen im
       Umgang mit der AfD empfehlen: [3][ihre Akteur*innen als eigennützig zu
       enttarnen].
       
       Wer also sind die Taschenspieler*innen der fossilen Desinformation? Und wie
       profitieren sie von dem Lärm um RCP 8.5?
       
       Die Kampagne rund um RCP 8.5 [4][nimmt ihren Anfang beim American
       Enterprise Institute (AEI)], einer marktradikalen Denkfabrik, die seit
       Jahren aggressiv Stimmung gegen Klimaschutzmaßnahmen macht. Finanziert
       wurde das AEI [5][über viele Jahre durch Millionenspenden] von Stiftungen
       aus dem Umfeld des rechtslibertären Öl-Milliardärs [6][Charles Koch]. Auch
       ExxonMobil, Shell und die Lobbyorganisation „American Petroleum Institute“
       spendeten an sie. Auf dem Blog des AEI veröffentlichte der
       Klimawandel-Verharmloser [7][Roger Pielke jr.] Ende April einen Artikel mit
       der Überschrift „RCP 8.5 ist offiziell tot“. In ihm argumentiert Pielke
       jr., dass all die Forschungsartikel, Schlagzeilen, Regulierungen und
       Vorschriften, die mit dem Szenario gearbeitet hätten, ihr Fundament „auf
       Sand gebaut“ hätten. Rechte Medien von Welt über Nius bis Tichys Einblick
       griffen das Anti-Klimaschutz-Narrativ der Öllobby auf, genauso wie die
       ehemalige CDU-Ministerin Kristina Schröder.
       
       Nach 15 Jahren im Parlament, vier davon als Familienministerin, arbeitet
       sie heute als Unternehmensberaterin und ehrenamtliche Botschafterin der
       Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM). Der Lobbyverband der
       Unternehmerverbände der Metall- und Elektroindustrie setzt sich [8][seit
       Jahrzehnten gegen effektiven Klimaschutz und für den Abbau des Sozialstaats
       ein]. Vor allem aber ist Schröder stellvertretende Leiterin der Denkfabrik
       R21.
       
       Die selbsternannte Ideenschmiede für „neue, bürgerliche Politik“ spricht
       sich gegen Regulierung und für den freien Markt aus, eine neoliberale
       Politik also, von der vor allem die Wirtschaftselite profitiert. Der Leiter
       von R21, Andreas Rödder, saß bis 2023 noch der Grundwertekommission der CDU
       vor. Heute arbeitet er daran, die Brandmauer zur AfD aufzuweichen. Es
       brauche laut ihm „[9][eine konditionierte Gesprächsbereitschaft]“ mit der
       Partei. Finanziert wird R21 auf Betreiben der Unionsfraktion [10][mit
       jährlich 500.000 Euro aus dem Bundeshaushalt], genauer aus dem Topf des
       Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, das dem Kanzleramt
       unterstellt ist.
       
       Bei der Desinformationskampagne rund um RCP 8.5 wiederum befeuert die
       CDU-Politikerin Schröder das AfD-Narrativ der angeblichen Klima-Panikmache.
       Sie stellt sich damit lieber an die Seite von Trump und der Öllobby, als
       die Wissenschaft zu verteidigen (wie es andere CDU-Abgeordnete im Bundestag
       taten).
       
       ## Krieg gegen die Demokratie
       
       Wie mächtig die Netzwerke sind, die die Interessen fossiler Konzerne
       schützen, hat die IPCC-Autorin und Professorin für Ökologische Ökonomie an
       der Universität Lausanne, Julia Steinberger, [11][in einem Essay
       dargelegt]. In ihm bezieht sie sich auf das in den achtziger Jahren in den
       USA gegründete Atlas-Netzwerk, das marktradikale Denkfabriken auf der
       ganzen Welt unterstützt, die den Klimawandel entweder komplett leugnen oder
       sich dafür einsetzen, Regulierung zu verhindern. Steinberger bezeichnet
       deren Strategie, die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft zu unterminieren, als
       einen „Krieg gegen die Demokratie“ selbst.
       
       Was also tun? Appelle an Regierungen werden unter diesen Bedingungen nicht
       reichen, schreibt Steinberger. Vielmehr gelte es dem Lobbyapparat der
       Milliardäre eigene Botschaften entgegenzusetzen. Die Öffentlichkeit mit
       ihnen zu fluten. Sich mit anderen zusammenzuschließen und, auch abseits der
       Straße, auf kommunalen Sitzungen bis hin zu Vorstandsmeetings von
       Unternehmen, neoliberale Denkweisen zu entlarven und ihnen demokratische
       Visionen entgegenzusetzen.
       
       Steinbergers Gegenstrategien bleiben teils vage. Trotzdem birgt ihr Essay
       eine klare Erkenntnis: Wer sich mit fossilen Verzerrungen nur inhaltlich
       auseinandersetzt, verliert. Wer die Interessen dahinter offenlegt, nimmt
       ihnen ihre Kraft. Gleichzeitig müssen wir die tröstende Wirkung des
       umarmenden „Wird alles nicht so schlimm“-Narrativs ernst nehmen. Dieses
       verlockende Angebot der fossilen Lobby lässt sich nur durch eine eigene
       Vision schlagen, die sich mindestens genauso gut anfühlt. [12][Eine Vision
       von öffentlichem Luxus, sozialer Sicherheit und Gemeinschaft] abseits von
       Telegram-Gruppen. Denn wenn schon eine Umarmung, dann doch lieber von
       echten Menschen.
       
       6 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Lichtblicke-bei-der-Klimapolitik/!6180846
 (DIR) [2] https://www.zeit.de/wissenschaft/2026-05/klimaforschung-prognosen-szenarien-zukunft-kohleindustrie/komplettansicht
 (DIR) [3] /Politikwissenschaftlerin-ueber-AfD-Umgang/!6037677
 (DIR) [4] https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/klimaszenario-rcp-8-5-so-funktioniert-fossile-propaganda-heute-a-a5f2090b-f7e1-45dd-8f79-0138c430159d
 (DIR) [5] https://www.desmog.com/american-enterprise-institute/
 (DIR) [6] https://www.fr.de/politik/usa-wahlkampf-republikaner-charles-koch-grossspender-koch-industries-demokratie-91808200.html
 (DIR) [7] https://www.desmog.com/roger-pielke-jr/
 (DIR) [8] /Initiative-Neue-Soziale-Marktwirtschaft/!5445882
 (DIR) [9] https://verfassungsblog.de/rote-linien-ziehen/
 (DIR) [10] /Rechte-Denkfabrik-Republik-21/!6129951
 (DIR) [11] https://jksteinberger.medium.com/what-we-are-up-against-2290ba8c4b5c
 (DIR) [12] /Politoekonom-ueber-Luxus/!5970044
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Mitsuo Iwamoto
       
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