# taz.de -- Ist Klimaschutz over?: Passt euch gefälligst an
       
       > Statt Emissionen zu reduzieren, wollen sich viele Menschen an eine
       > überhitzte Welt anpassen. Ein Erfolg der Rechten, der aber auch eine
       > Chance bietet.
       
 (IMG) Bild: Weckt mehr Emotionen als eine Zahl zum nächsten Temperaturrekord: ein zerstörtes Haus nach der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal
       
       Europa ist gerade etwa 2,5 Grad heißer als vor der Industrialisierung. Der
       Kontinent erhitzt sich mit 0,56 Grad pro Jahrzehnt doppelt so schnell wie
       der Rest der Welt, schneller also als jeder andere Erdteil.
       
       Ich bin Klimaredakteur und diese Sätze habe ich selbst so in [1][meinem
       Text] zum Bericht des europäischen Erdbeobachtungsdienstes Copernicus über
       die Auswirkungen des Klimawandels in Europa geschrieben. Trotzdem die
       Frage: Machen solche Zahlen was mit Ihnen? Mit mir nämlich nicht.
       
       Mich berühren stattdessen die Geschichten der Opfer der [2][Flutkatastrophe
       im Ahrtal 2021]. Dass 135 Menschen starben. Dass Hunderte mit ihren
       überschwemmten Häusern Erinnerungen und hart erarbeitetes Vermögen
       verloren. Dass viele dieser Menschen weiterhin bei jedem Unwetter in
       Anspannung verfallen und an die Nacht des 14. Juli 2021 zurückerinnert
       werden.
       
       Katastrophenhilfe berührt 
       
       Beides, die Temperaturen und die Ahrtal-Katastrophe, beschreiben die
       Auswirkungen der [3][Klimakrise]. Beides ist, finde ich, berichtenswert.
       Aber die Flut im Ahrtal bietet viel mehr Anknüpfungspunkte zum Handeln.
       Katastrophenvorsorge und -nachsorge sind unterschätzte Klimathemen und
       brauchen dringend mehr Aufmerksamkeit.
       
       Dringend ist das nicht nur, weil mit steigender Erderhitzung
       Klimakatastrophen heftiger und häufiger werden. Sondern auch, weil
       unterlassene Vor- und Nachsorge unsere Demokratie gefährden. Wo Menschen
       sich alleingelassen fühlen, wenden sie sich derzeit häufig der extremen
       Rechten zu. Das geschah nach den Hurrikans an der Ostküste der USA 2024
       genauso wie nach der Flutkatastrophe in der Region Valencia im gleichen
       Jahr.
       
       In Großbritannien hat sich deswegen eine NGO gegründet, die Opfern von
       Flutkatastrophen helfen will. [4][„Flooded People UK“] versucht, vor Ort
       Menschen zu vernetzen, um gemeinsam mit den Folgen von Fluten
       fertigzuwerden. Sie bring Betroffene in Kontakt, untereinander, aber auch
       mit Expert*innen für Wiederaufbau, Umgang mit Behörden und Versicherern.
       Denn häufig müssen Flutopfer wegen komplizierter Anträge und
       undurchsichtiger Bürokratie jahrelang auf Zahlungen ihrer Versicherungen
       oder staatliche Hilfe warten – wenn sie sie überhaupt bekommen. Das zwingt
       sie, ihre Ersparnisse aufzubrauchen oder sich zu verschulden.
       
       Dazu kommen die Folgen für die mentale Gesundheit der Flutopfer. „Sechs
       Monate im Jahr bin ich gefangen in diesem immer wiederkehrenden Albtraum“,
       berichtet Heather Shepherd, eine der Mitgründerinnen von Flooded People UK.
       Ihr Haus sei schon sechsmal überflutet worden und sie habe viele ihrer
       Habseligkeiten verloren, [5][sagte sie dem britischen Guardian]. „Ich mache
       nichts mehr, um das Wasser aufzuhalten. Es bringt nichts, nichts
       funktioniert. Wasser ist erbarmungslos.“ Also entschied Shepherd sich, die
       vielen, aber vereinzelten Menschen und Grüppchen, denen es wie ihr ergeht,
       zu einem Bündnis zu schmieden.
       
       Wie wichtig das ist, davon berichtet William Wareing, dessen Zuhause in
       Oxfordshire seit 2007 dreimal überflutet wurde. Lokal seien er und seine
       Fluthilfegruppe recht erfolgreich gewesen: „Wir haben Flusssensoren
       installiert und eine Flutwächter*innen-Gruppe gegründet“, sagte er dem
       Guardian. „Aber wie alle anderen lokalen Gruppen im Land sind wir nur
       kleine Protestinseln, die üblicherweise ignoriert werden. Flooded People
       bringt uns zusammen, sodass wir eine Stimme haben und die Regierungspolitik
       ändern können.“ Damit Hilfe schneller kommt und verlässlicher wird.
       
       ## Menschen haben wenig Hoffnung
       
       Im Gegensatz zu Klimagerechtigkeit oder Klimanotstand ist Klimaanpassung
       kein besonders aufregendes, mobilisierendes Wort. Aber immer mehr Menschen
       halten Anpassung für wichtiger als Klimaschutz. Einer [6][Studie der
       Denkfabrik Bruegel zufolge] waren es in Deutschland 2020 noch 30 Prozent,
       2024 dann schon 39 Prozent. Einer der Autor*innen der Studie, Jan Eichhorn,
       [7][sagte mir], das sei zumindest teilweise ein Erfolg der extrem Rechten.
       Viele europäische Rechtsextreme bestritten inzwischen die Erderhitzung
       nicht mehr, sondern relativierten sie und erzeugten so den Eindruck,
       Anpassung an die Erderhitzung sei einfacher als Klimaschutz.
       
       Viele Menschen hätten aber auch einfach wenig Hoffnung, dass die
       Erderhitzung gestoppt werden kann, so Eichhorn. „So ein Fatalismus kann
       dazu führen, dass Menschen Anpassung priorisieren.“
       
       Das ist natürlich gefährlich: Die Folgen des Klimawandels abzufedern wird
       mit steigenden Temperaturen immer teurer, und immer heftiger werdende
       Klimakatastrophen werden auch bei kluger Klimaanpassung Menschen töten und
       Häuser zerstören. Viele Bewohner*innen von Pazifikinseln haben zur
       Anpassung noch nicht mal eine Chance. Ab einem bestimmten Meeresspiegel
       wird ihre Heimat schlicht vom Ozean verschluckt. Lange vorher versalzen
       ihre Böden. Klimaanpassung darf Klimaschutz nie ersetzen.
       
       ## Sorgen können ein Einstieg sein
       
       Aber dass Menschen immer mehr über Klimaanpassung nachdenken, sollten wir
       trotzdem als Chance verstehen. Diese Leute machen sich offensichtlich
       Sorgen wegen der Klimakrise. Statt zu versuchen, sie für ein Windrad oder
       eine Stimme für die Klimaschutzpartei ihrer Wahl zu begeistern, könnten
       lokale Aktivist*innen sie auch zuerst für Anpassungsprojekte ins Boot
       holen. Dann hätte man schon einen Fuß in der Tür für das nächste
       Klimaprojekt.
       
       Den Menschen vor Ort erlauben solche Projekte ein Gefühl der
       Selbstwirksamkeit, das einige beim Einbau von Solarpaneelen angesichts der
       gigantischen Aufgabe Klimaschutz nicht bekommen. Nebenbei lernt sich eine
       potenziell vielfältige Gruppe kennen und vertrauen – unerlässliche
       Ressourcen bei Katastrophen und nicht zuletzt für die Bekämpfung von
       Rechtsextremismus. Das wären dann sogar schon drei Fliegen mit einer
       Klappe.
       
       26 May 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [3] /Schwerpunkt-Klimawandel/!t5008262
 (DIR) [4] https://www.floodedpeople.org.uk/
 (DIR) [5] https://www.theguardian.com/environment/2026/jan/12/fear-of-the-next-deluge-flood-scarred-britons-join-forces-to-demand-help
 (DIR) [6] https://www.bruegel.org/policy-brief/europeans-still-want-climate-action-dont-trust-governments-deliver
 (DIR) [7] /Kampf-gegen-die-Erderhitzung/!6081160
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jonas Waack
       
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