# taz.de -- CO₂-Entnahme aus der Atmosphäre: Letzte Hoffnung Staubsauger
       
       > Um die Klimakrise im Zaum zu halten, muss der Atmosphäre Treibhausgas
       > entzogen werden. Der Markt für entsprechende Technologien ist aber noch
       > klein.
       
 (IMG) Bild: Die bisher weltgrößte Anlage für die Direct-Air-Capture-Technik steht auf Island
       
       Die Menge an Emissionen, die noch neu in die Atmosphäre gelangen, muss im
       Sinne des [1][Klimaschutzes] schnellstmöglich auf null sinken. Will die
       Menschheit ihre Lebensgrundlage nicht verlieren, muss aber auch
       Treibhausgas aus der Atmosphäre zurückgeholt und unterirdisch sicher
       gespeichert werden – und zwar schneller als derzeit geplant. Zu diesem
       Ergebnis kommt der [2][Bericht „The State of Carbon Dioxide Removal“] (zu
       Deutsch: „Die Lage der CO2-Entnahme“), den ein internationales Forscherteam
       gerade zum dritten Mal vorgelegt hat.
       
       Die weltweiten CO2-Emissionen wachsen trotz aller Klimaschutz-Appelle immer
       weiter: 2025 war ein neues Rekordjahr mit mehr als 38 Milliarden Tonnen.
       Die Konzentration der Treibhausgase liegt in der Atmosphäre aktuell bei 431
       Parts per million – mehr als doppelt so viel wie vor dem Zeitalter des
       Verbrennungsmotors. Das zeigt sich bereits deutlich im globalen Klima: Die
       globalen Temperaturen lagen im Dreijahresschnitt 2023 bis 2025 um mehr als
       1,5 Grad Celsius über dem Niveau der vorindustriellen Zeit.
       
       Wenn das Ziel, die Erderwärmung bei 1,5 Grad aufzuhalten, noch erreicht
       werden soll, sind laut den Forschern die nächsten fünf Jahre entscheidend
       dafür, die Rolle der CO2-Entnahme bei der Begrenzung von Klimaschäden
       auszubauen.
       
       „Carbon Dioxide Removal“, kurz CDR und englisch für CO₂-Entnahme, ist der
       Oberbegriff für verschiedene Möglichkeiten, Kohlendioxid aus der Atmosphäre
       zurückzuholen. Der Weltklimarat IPCC geht davon aus, dass – neben den
       unbedingt nötigen, schnellen und drastischen Emissionssenkungen – auch
       CDR-Technologien unerlässlich sind.
       
       ## Pro Jahr bisher nur 2,2 Milliarden gebundene Tonnen CO₂
       
       Grob wird dabei in drei Methoden unterschieden: erstens Aufforstungen –
       Bäume machen bei der Fotosynthese unter anderem aus Kohlendioxid Holz.
       Zweitens chemische Verfahren wie die Herstellung von Biokohle: Durch
       Pyrolyse entsteht Holzkohle, die als Bodenverbesserer und zur
       Kohlenstoffspeicherung eingesetzt werden kann. Drittens das sogenannte
       „Direct Air Capture“ (DAC), bei dem Kohlendioxid direkt aus der
       Umgebungsluft gefiltert, verflüssigt und dann unterirdisch verpresst wird.
       
       Aktuell werden laut dem Bericht jährlich 2,2 Milliarden Tonnen Kohlendioxid
       aus der Atmosphäre gebunden. Die Menschheit produzierte zuletzt aber mehr
       als 38 Milliarden Tonnen – viel zu viel, um die Erderwärmung zu stoppen.
       Und von diesen 2,2 Milliarden zurückgewonnenen Tonnen stammen gerade einmal
       0,1 Prozent aus DAC-Technologien. Das Pflanzen von Bäumen ist jedoch
       begrenzt, einfach weil der dafür verfügbare Platz begrenzt ist.
       
       Regierungen haben das Thema durchaus auf dem Schirm – aber wie bei der
       Senkung der CO₂-Emissionen liefern sie in der Regel zu wenig. „Bis 2035
       haben Länder rund 2,7 Milliarden Tonnen CO₂-Entnahme zugesagt, bis 2050
       etwa 3,6 Milliarden Tonnen. Klimaszenarien, die die Erwärmung wieder auf
       1,5 Grad senken, brauchen aber deutlich mehr“, erklärt William Lamb,
       Forscher am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Mitautor des
       Berichts. „Die Lücke wächst deshalb mit der Zeit stark an. Die meisten
       Zusagen setzen auf Wälder und andere landbasierte Maßnahmen, während neue
       Technologien bislang nur eine kleine Rolle spielen. Wenn Emissionen nicht
       schneller sinken, wird die Lücke noch größer.“
       
       Dem Bericht zufolge gibt es gewisse Hoffnung: Neue Formen der
       CO₂-Abscheidung und -Speicherung legten zuletzt jährlich um 40 Prozent zu.
       Allerdings ist die Ausgangsbasis gering, die Forscher fordern
       Wachstumsraten und technologisches Tempo, wie die Welt es in den letzten
       Jahren beim Ausbau der Solarkraft oder der Elektromobilität erlebt hat.
       
       Die weltweit größte Anlage zur Speicherung von Kohlendioxid aus der Luft
       ging vor fünf Jahren auf Island in Betrieb. Auf der Hochebene Hellisheiði
       im Südwesten der Insel sollen der Luft pro Jahr bei Vollauslastung etwa
       4.000 Tonnen entzogen werden können.
       
       Die neben einem Erdwärmekraftwerk errichtete Anlage der Schweizer Firma
       Climeworks kostete nach Bloomberg-Angaben 15 Millionen Euro: Ventilatoren
       saugen Luft ins Innere, wo das Kohlendioxid herausgefiltert, verflüssigt
       und in poröses Gestein 1.000 Meter unter der Erde gepumpt wird. Dort gibt
       es Mineralien wie Eisen, Kalzium und Magnesium, die mit dem Klimagift
       reagieren.
       
       Der Vorteil: Das Kohlendioxid versteinert so praktisch zu Karbonaten. Der
       Nachteil: Die zurück gewonnene Menge entspricht gerade einmal den
       Emissionen von etwa 870 Durchschnittsautos. Finanziert wird die Arbeit
       durch die „Schweizerische Rückversicherungs-Gesellschaft“, die einen
       Zehn-Jahresvertrag zur Abscheidung geschlossen hat, um so seine eigenen
       Emissionen zu kompensieren.
       
       Allerdings hat sich mittlerweile die politische Großwetterlage geändert
       [3][und damit auch der CDR-Markt]: Nachdem Donald Trump mit den USA aus dem
       Pariser Klimaabkommen ausgestiegen war, stoppte der US-Tech-Konzern
       Microsoft sein Programm zum Aufkauf von CDR-Zertifikaten. Das ist insofern
       dramatisch, als Microsoft bis dato als weltgrößter Financier von
       CO₂-Entnahme-Projekten galt. Ohne Nachfrage wird die Technologie aber
       niemals die Erfolgsstory der E-Autos und Photovoltaik wiederholen.
       
       8 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Schwerpunkt-Klimawandel/!t5008262
 (DIR) [2] https://www.stateofcdr.org/report/3rd-edition
 (DIR) [3] /CO2-Absauger-in-der-Krise/!6089777
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nick Reimer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
 (DIR) Klimaschutz
 (DIR) CO2-Emissionen
 (DIR) GNS
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
 (DIR) Schwerpunkt Klimaproteste
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Deutsche Stromproduktion im Mai: So viel Solarstrom wie noch nie
       
       Im Mai haben Solaranlagen in Deutschland so viel Strom produziert wie noch
       nie in einem Monat. Aber Wind- und Wasserkraft schwächeln – trotz Ausbau.
       
 (DIR) Ende des Worst-Case-Szenarios fürs Klima: Die tröstende Umarmung
       
       Die Klimakrise wird gar nicht so schlimm, sagen rechte Medien und Öl-Lobby.
       Wer dieses Narrativ entkräften will, muss seine emotionale Macht verstehen.
       
 (DIR) CO2-Absauger in der Krise: Climeworks feuert ein Fünftel der Belegschaft
       
       Die Schweizer Firma filtert mit zwei Anlagen auf Island Treibhausgas aus
       der Luft. Das läuft aber viel schlechter als geplant.