# taz.de -- DFB-Geschäftsführer vor der WM: „Ich mache das aus voller Überzeugung“
       
       > Andreas Rettig erzählt über die Besonderheiten des Turniers in den USA
       > und den Umgang mit der Fifa. AfD-Erfolge könnten dem Fußball schaden,
       > sagt er.
       
 (IMG) Bild: Mitunter ein schwieriger Balanceakt: Andreas Rettig rät im Umgang mit der Fifa zur Diplomatie
       
       taz: Herr Rettig, gibt es für Sie denn noch viel zu tun so kurz vor der
       Fußball-WM? 
       
       Andreas Rettig: Die organisatorische Hauptarbeit ist getan. Man muss sich
       das vorstellen wie in der Saisonvorbereitung: die ganzen Quälereien, die
       Berge rauf und runter laufen im Trainingslager, um die nötige Fitness und
       Physis zu bekommen, haben jetzt ein Ende. Das verbildlicht, was wir vor dem
       ersten Anpfiff schon geleistet haben.
       
       taz: So schlimm? 
       
       Rettig: Man macht sich ja keine Vorstellung, wie viel Arbeit
       dahintersteckt: die Quartiersuche mit den besten Rahmenbedingungen. Was
       außerhalb des Platzes liegt, darf sich nicht negativ auf die Leistung
       auswirken.
       
       taz: So wie bei der WM 2018. Da hieß es, der Rasen sei nicht gut gemäht
       gewesen. Die Journalisten beschwerten sich übers Catering. In Katar wurde
       die Abgelegenheit des Quartiers kritisiert. 
       
       Rettig: Bitte verstehen Sie das nicht falsch, aber auf Gourmetfreuden der
       Journalisten werden wir keine Rücksicht nehmen. Alles andere ist natürlich
       schon wichtig. Das ist ja bereits unter Oliver Bierhoff bestens gemacht
       worden. Zur Wahrheit gehört aber auch: Wenn du die Spiele gewonnen hast,
       erscheint im Rückblick alles in positivem Licht. Wenn du ausscheidest, war
       der Rasen zu hoch und das Catering schlecht.
       
       taz: Die Voraussetzungen in den USA aber sind gut? 
       
       Rettig: Das war bei der Auslosung in Washington ganz witzig, als am Anfang
       uns Deutschen als Gruppenkopf eine Gruppe zugelost wurde, haben wir quasi
       schon gejubelt. Wir wussten, dass das organisatorisch eine gute Kombination
       für uns sein würde. Links und rechts von uns haben die gedacht: Bescheuert,
       die Deutschen wissen gar nicht, gegen wen sie spielen und jubeln schon.
       Eine Minute später hatten wir auf dem Handy Jubelbilder der
       Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unserem favorisierten Quartier, die
       sich so auf uns freuen.
       
       taz: Nicht alle leisten sich das, was sich der DFB leistet. 
       
       Rettig: Das weiß ich nicht. Aber es stimmt schon, dass wir nicht den
       Jugendherbergscharakter in den Mittelpunkt stellen. Alle WM-Teilnehmer, die
       drei Gastgeber ausgenommen, haben ein Problem mit den Kosten vor Ort. Es
       geht vor allem um die großen Entfernungen, das Wechselkursrisiko,
       steuerrechtliche Unwägbarkeiten.
       
       taz: Das heißt, die DFB-Elf muss weit kommen, damit alles refinanziert
       werden kann. 
       
       Rettig: Ja, aber unser originärer Antrieb ist das natürlich nicht. Wir
       gehen mit Blick auf die Kosten sehr verantwortungsvoll vor, sind aber kein
       wirtschaftliches Profitcenter und machen daraus keinen Business Case. Der
       Antrieb ist immer der Sport. Klar ist: Es wird schwierig für jede
       europäische Nation, die vor dem Halbfinale ausscheidet, schwarze Zahlen zu
       schreiben.
       
       taz: Was sind die Kostentreiber? 
       
       Rettig: Der Transport und die Logistik. Vieles muss erst einmal dorthin
       gebracht werden. Im medizinischen Bereich etwa muss einiges verschifft
       werden. Zu bedenken ist die längere Turnierdauer. Dann gibt es das
       Wechselkursrisiko. Und dann haben wir noch das Steuerthema, wenn es
       interessiert.
       
       taz: Unbedingt! 
       
       Rettig: Das finale Steuerhandbuch der Fifa enthält lediglich allgemeine
       Hinweise auf die Besteuerung von Zahlungen an Spieler im Rahmen der WM 26.
       Und was das Thema Steuern angeht, sollte der DFB …
       
       taz: …aufgrund schlechter Erfahrungen keine Fehler mehr machen. 
       
       Rettig: Natürlich gilt wie immer, die Grundsätze ordnungsgemäßer
       Buchführung zu beachten. In den USA ist das aber noch einmal komplexer.
       Neben den Einkommenssteuern des US-Bundes erheben auch diverse
       Bundesstaaten und Städte lokale Einkommenssteuer in unterschiedlicher Höhe.
       
       taz: Der Jubel bei der Auslosung hatte auch steuerfinanzielle Gründe? 
       
       Rettig (lacht): Gute Frage, aber ich habe schon gesagt, es geht um den
       Sport. Es ist allerdings tatsächlich so, dass je nach Bundesstaat
       unterschiedliche Preisschilder gelten.
       
       taz: Wie fühlt sich ihr Rollenwechsel an? Vor der WM 2022 sind Sie vor
       allem mit ihrer Kritik an Gastgeber Katar wahrgenommen worden. Sie sagten,
       dieses Turnier hätte nicht an dieses Land vergeben werden dürfen. 
       
       Rettig: Diesbezüglich hat sich meine Meinung nicht geändert, aber meine
       Rolle natürlich schon. Bei der WM in Katar habe ich von der Seitenlinie als
       Fußballfan Kritik geäußert. Meine Aufgabe jetzt ist es, die sportliche
       Entwicklung von der U 15 bis zum A-Team männlich wie weiblich positiv zu
       beeinflussen und strategisch so aufzustellen, dass wir auch perspektivisch
       Erfolg haben können. Natürlich habe ich auch eine Meinung zu
       gesellschaftlichen und politischen Themen. Aber diese Themen kann ich nun
       intern ansprechen – ich muss nicht mehr öffentlich von der Seitenlinie
       kritisieren.
       
       taz: Ich höre heraus, dass sie ein bisschen darunter leiden, in einem
       System mitspielen zu müssen, das von der Fifa beherrscht wird. 
       
       Rettig: Ich mache das ja aus voller Überzeugung, weil das ein toller Job
       ist. Mich hat keiner dazu gezwungen. Der Unterschied zur Zeit der WM in
       Katar ist, dass sich die geopolitischen Koordinaten mittlerweile gefühlt
       täglich verschieben. Es scheint nicht mehr klar, wer ist Freund, wer ist
       Feind? Die wertebasierte Weltordnung ist aus den Fugen geraten. Die Lehre
       aus der WM in Katar war, man hätte nicht zulassen dürfen, dass die Spieler
       während des Turniers tagtäglich mit politischen Themen konfrontiert wurden.
       
       taz: Zählt das nun nicht auch zu ihren Aufgaben, zur Entlastung der Spieler
       sich zu solchen Themen zu äußern? Viel bekommt man davon nicht mit, wenn
       man etwa an die Auslosung und [1][die Vergabe des Friedenspreises] an
       US-Präsident Donald Trump denkt. Wie war das für Sie vor Ort? Haben Sie
       mitgeklatscht? 
       
       Rettig: Nein. Ich habe auch [2][bei Y.M.C.A.] nicht geklatscht. Es gibt
       sicherlich bessere Zeitpunkte und bessere Orte für die Überreichung eines
       Friedenspreises. Das passt nicht und war auch keine gute Entscheidung. Das
       habe ich übrigens auch schon gesagt.
       
       taz: Viele Fußballfans wären froh, wenn der DFB in der Fifa auch mal mit
       Nein stimmen würde wie die Norweger etwa. 
       
       Rettig: Davor habe ich großen Respekt. Das ist aber auch eine Frage der
       Herangehensweise. Ob man das so oder anders macht, auf der großen Bühne
       oder intern. Was ist wirkungsvoller? Da unterscheiden wir uns in Nuancen.
       Da empfehle ich Ihnen, auch wenn das nicht umsetzbar ist, einen Blick in
       die Fifa-Protokolle.
       
       taz: Die deutschen Fans sind enttäuscht. Der DFB, heißt es, hätte sich mehr
       für moderatere Ticketpreise einsetzen können. 
       
       Rettig: Wir haben die Preise öffentlich kritisiert und unseren Unmut bei
       der Fifa hinterlegt. Die sich dann auch bewegt hat. Die Mannschaft hat
       sich, so viel darf ich verraten, dazu auch schon etwas überlegt. Eine tolle
       Geste für unsere Fans in den USA, die auch zeigt, wie viel uns die
       Unterstützung bedeutet.
       
       taz: Tut sich Norwegen vielleicht auch deswegen mit Kritik leichter, weil
       sich das Land für ein großes Turnier sowieso nie wird bewerben können. 
       
       Rettig: Diplomatie ist schon ein herausforderndes Geschäft. Die Frage ist,
       was hilft mehr? Ist es jetzt wichtiger, kurzfristig Applaus zu bekommen?
       Oder hilft es, ein Turnier selbst zu organisieren und es besser zu machen,
       indem wir fanfreundlichere Rahmenbedingungen und Ticketpreise durchsetzen?
       
       taz: Wie ist eigentlich ihr Verhältnis zu Rudi Völler. 
       
       Rettig: Wir hatten mit Bayer Leverkusen früher schon einen gemeinsamen
       Arbeitgeber. So habe ich Rudi kennen und schätzen gelernt. Wir haben ein
       Vertrauensverhältnis, weil wir gemeinsam auch schon Fehler gemacht haben.
       Wir können uns aufeinander verlassen, auch wenn wir ab und an politisch
       etwas anders ticken (lacht).
       
       taz: Wer macht genau was? 
       
       Rettig: Rudi ist unser Außenminister und ich bin der Innenminister.
       
       taz: Wie sind Sie zufrieden mit Rudi Völler als Außenminister? 
       
       Rettig: Rudi ist ein Glücksfall für den Verband. Bodenständigkeit und
       Nahbarkeit zeichnen ihn aus. Leider gibt es halt nur einen Rudi Völler. Er
       verkörpert all das, was sich die Fußballsehnsucht wünscht. Rudi spricht so,
       wie ihm der Schnabel gewachsen ist. [3][Die Menschen verstehen ihn].
       
       taz: Finden Sie es nicht schade, dass immer weniger Nationalspieler so
       sprechen können? Vieles erscheint so glatt geschliffen. 
       
       Rettig: Stimmt. Aber welchen Anteil haben auch Sie als Journalisten daran?
       Dieser irrsinnige Wettlauf, mit der nächsten News der Erste auf dem Markt
       zu sein. Noch pointierter zu formulieren, damit die Klickzahlen steigen.
       Hilft das in der Persönlichkeitsentwicklung? Also, welche Konsequenz ziehe
       ich daraus als junger Spieler? Dass weniger manchmal doch mehr ist.
       
       taz: Andernorts ist man meinungsfreudiger. Friedrich Merz hat noch vor
       seiner Wahl zum Bundeskanzler die neuen Nachwuchstrainingskonzepte des DFB
       kritisiert und gefordert: im Kinderfußball müssten wieder Tore geschossen
       werden dürfen. Wie blicken Sie darauf? 
       
       Rettig: Unser Bundeskanzler ist in einer Zeit groß geworden, die auch ich
       noch erlebt habe. In der Halbzeitpause sind wir heimlich auf Toilette
       gegangen und haben Wasser getrunken, weil der Trainer uns gesagt hatte:
       Trinkt kein Wasser, das gibt Seitenstechen. Wir wissen heute, dass das
       Quatsch ist.
       
       taz: Der Fußball scheint immer mehr in einen tobenden Kulturkampf
       hineingezogen zu werden. Es gibt diese [4][Debatte um Kuscheltraining] in
       den Jugendmannschaften oder über das Mitsingen der Nationalhymne. Wie
       beobachten Sie das? 
       
       Rettig: Wenn das laute Singen der Hymne für einige der Beleg für eine
       erfolgreiche Nationalmannschaft ist, dann bin ich auf deren Antwort
       gespannt, warum Italien nun schon dreimal in Folge nicht bei einer WM dabei
       ist. Und warum wir 1974 Weltmeister geworden sind, als das Mitsingen der
       Hymne bei unserer Mannschaft nicht gerade hoch im Kurs stand.
       
       taz: Und wie nehmen sie die Entwicklung insgesamt wahr? 
       
       Rettig: Die Zeit von Befehl und Gehorsam ist vorbei. Ich möchte hier auch
       mal eine Lanze für DFB-Direktor Hannes Wolf brechen, der für den Nachwuchs
       zuständig ist, weil er mit einer unglaublichen Leidenschaft und Kompetenz
       unsere Trainingsphilosophie auf den Weg bringt und nicht müde wird, immer
       wieder zu betonen: Freude, Intensität, Wiederholung. Diese drei Begriffe
       sind der Schlüssel der Trainingslehre.
       
       taz: Wie weit ist man beim DFB auf der Suche nach einer fußballerischen
       Leitidee? 
       
       Rettig: Das ist in einem Verband etwas anders zu betrachten als im Verein,
       weil ich keine Spieler in Transferperioden hinzuholen kann, die zu meiner
       Idee passen. Erschwerend kommt hinzu, dass der Pool, aus dem wir unsere
       Spieler rekrutieren können, immer kleiner wird.
       
       taz: Da sind wir beim Thema Nationen-Hopping. 
       
       Rettig: Schauen Sie sich die Kader der diesjährigen U
       19-DFB-Pokalfinalisten vom VfB Stuttgart und dem VfL Wolfsburg an. Fast
       alle Spieler haben einen Migrationshintergrund. Das ist eines der großen
       strategischen Themen. 43 Prozent der unter Fünfjährigen in unserem Land
       haben einen Migrationshintergrund. In zehn, elf, zwölf Jahren können sie
       entscheiden, ist mir beispielsweise der Halbmond wichtiger als der Adler?
       Das ist ein Thema, das uns umtreibt.
       
       taz: Wenn nun die AfD große Wahlerfolge erzielt, hat das Einfluss darauf,
       wie sehr sich diese heranwachsenden Fußballer in diesem Lande noch zu Hause
       fühlen. 
       
       Rettig: Sie haben hundertprozentig recht. Demgegenüber steht aber der
       Fußball für Vielfalt, für Teilhabe und eine offene Willkommenskultur. Das
       müssen wir leben und erfolgreich vermitteln.
       
       taz: Haben Sie das schon gespürt in Ihrer alltäglichen Arbeit? 
       
       Rettig: Nicht explizit. Aber das ist ja ein schleichender Prozess. Dabei
       geht es nicht um einen bestimmten Zeitpunkt-, sondern eine
       Zeitraumbetrachtung.
       
       9 Jun 2026
       
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