# taz.de -- Fußball-Weltmeisterschaft: Es geht um mehr als nur die USA
> Der Hyperfokus auf den Hauptgastgeber im Vorfeld dieser WM ist
> unproduktiv. Wer von links wieder in die Offensive will, sollte Visionen
> zu bieten haben.
(IMG) Bild: Dieses Turnier kann nicht unpolitisch werden: Protest gegen die Einwanderungsbehörde ICE am Standort der Fifa in Los Angeles
Es wird wieder hässlich werden, so viel ist sicher. Denn was erwartet uns?
Eine WM im Herzen des global machtergreifenden Tech-Faschismus. Eine
bizarre Shitshow für den [1][Halb-Autokraten Donald Trump] und seine
Regierung aus faschistoiden Überreichen, bei der an WM-Stadien ICE-Truppen
patrouillieren. Ein Fest für die USA, die kurz vorm Turnier den
[2][Angriffskrieg auf Iran] mitbegannen, derzeit Israels Kriegsverbrechen
in Gaza und im Libanon maßgeblich finanzieren und im Rest der Welt
kidnappen, außergerichtlich hinrichten oder extrem Rechte unterstützen.
Den deutschen Diskurs hat das eher kalt erwischt. Lange galt die WM in
Nordamerika hierzulande als Turnier, das endlich mal wieder in der
vorgeblich so freien Welt stattfindet. Nix Politik. Atempause von allerlei
Debatten. Aber zumindest an Donald Trump stören sich ja auch die Deutschen.
Wird dieses Turnier die hässlichste WM aller Zeiten? Nach den Desastern von
Russland und Katar liegt die Messlatte hoch, aber das inoffizielle Motto
der Fifa lautet bekanntlich: Schlimmer geht immer. Und so gibt es gute
Argumente dafür, dass die Männer-WM 2026 von vielen schlimmen Turnieren das
allerschlimmste werden könnte.
## Dieses Turnier wird besonders viele Menschen ausschließen
Das lässt sich nüchtern in Zahlen messen. Laut Berechnungen der britischen
Organisation „Scientists for Global Responsibility“ dürfte das Turnier als
die [3][klimaschädlichste Fußball-WM aller Zeiten] in die Geschichte
eingehen. Die Treibhausgasemissionen beim auf 48 Teams aufgeblähten
Vielflieger-Kick mit seinen Riesendistanzen werden sich im Vergleich zum
Durchschnitt der vorherigen vier Endrunden fast verdoppeln, auf über 9
Millionen Tonnen CO2-Äquivalente. Die Fifa gibt sich nicht mal mehr Mühe,
das schönzureden.
Sicher ist bereits, dass das Turnier besonders viele Menschen ausschließen
wird. Im Symbolland des Profitstrebens muss, wer etwa das DFB-Team bis zu
einem hypothetischen Finale verfolgen möchte, mindestens 6.000 Euro allein
für Tickets bezahlen – rund sechsmal so viel wie 2022 in Katar. Auf der
Resale-Plattform der Fifa wurden Tickets für mehr als eine Million Dollar
angeboten. Fans aus zahlreichen Ländern werden allein aufgrund ihrer
Nationalität von einer Reise in die USA ausgeschlossen sein, darunter aus
den Teilnehmerstaaten Haiti und Iran. Auch das gab es noch nie bei einem
Fußball-Weltturnier.
Und zum ersten Mal überhaupt führt ein Gastgeber einen Angriffskrieg gegen
einen Teilnehmerstaat. Trump drohte gegenüber Iran offen mit Völkermord,
dem „Untergang einer ganzen Zivilisation“. Tabus rund um den
Turniergastgeber fallen gerade reihenweise. Die WM zeigt etwas zutiefst
Beunruhigendes: Das Unsagbare wird akzeptiert.
Bis auf wenige Stimmen ist es still in Deutschland. Der
Katar-traumatisierte DFB will nichts von Protest wissen, nach der
Fifa-Schelle ziehen die Deutschen jetzt erst mal auf Jahre wieder die Köpfe
ein. Nationalelf-Fans sind traditionell politisch desinteressiert und eh
eher rechts als links der Mitte einzuordnen. Und auch in
progressiv-bürgerlichen Kreisen herrscht vielmehr Besorgnis statt Empörung,
schließlich bleibt man transatlantisch gesinnt.
Nur nach Trumps [4][Annexionsdrohungen gegenüber Grönland] zu Jahresanfang
sah es kurz aus, als wollten ausgerechnet deutsche CDU-Hinterbänkler einen
WM-Boykott anführen. Doch so schnell sie aufkam, so schnell war die
Aufregung wieder abgesagt. Durchaus offenbart die WM den Ansehensverlust
der USA auch in Europa. Und zugleich eine Gleichgültigkeit gegenüber
globalem Leid, die gruseln lässt.
Inmitten wachsender weltpolitischer Verwerfungen haben sich die Fifa und
ihre Nationalverbände in bizarre Sanktionierungswirren verstrickt. Russland
bleibt wegen des Angriffs auf die Ukraine ausgeschlossen, DFB-Präsident
Bernd Neuendorf sprach explizit vom völkerrechtswidrigen Angriffskrieg als
Grund. Warum der DFB gleichzeitig im Angriff auf Iran kein Problem sieht,
muss er sich von den meisten Medien nicht einmal fragen lassen. Auf mehrere
schriftliche Anfragen der taz antwortete der Verband nicht.
## Der Fußball ächzt unter seiner eigenen Gigantik
Die Fifa dürfte indes dankbar gewesen sein, dass Israel sich nicht
qualifiziert hat. Spanische Politiker:innen hatten in diesem Fall mit
Boykott gedroht, die Debatte hätte die gesamte WM geprägt. Der steigende
internationale Druck zeigt, dass sich auch im Sport endlich etwas in den
Machtverhältnissen verschiebt. Doch in der deutschen WM-Debatte findet die
Rolle von Gastgeber USA als dessen Hauptunterstützer nicht einmal statt.
Man hat sich isoliert vom internationalen Diskurs. Und nichts Relevantes
mehr zu sagen.
Es dürfte auch an diesen nationalen Brillen liegen, dass eine
internationale Protestbewegung gegen WM-Turniere kaum zustande kommt. Bei
der nun anstehenden WM schaut man in Deutschland vor allem auf die
US-Innenpolitik, in der alten Tradition, außenpolitische Verbrechen
westlicher Staaten zu ignorieren. Trump als rüpelhafte Ausnahme, nicht
Imperialismus als Struktur.
In Lateinamerika, etwa bei mexikanischen Protesten, geht es neben dem
global breit anschlussfähigen Thema Palästina viel um Regionales wie die
Gentrifizierung durch die WM und die US-Interventionen in Südamerika. In
einigen afrikanischen Staaten wiederum wurden vor allem die Einreiseverbote
diskutiert, die maßgeblich afrikanische Fans betreffen, aber auch die
faktische Zerschlagung [5][der Entwicklungsbehörde USAID] und ihre
dramatischen Folgen.
So berechtigt die Kritik an den USA und Trump auch ist – durch ihre
Dominanz im Diskursraum fallen andere Themen hinten runter. Etwa die
angefeuerte Klimakatastrophe, der Überreichtum (beides spielt
seltsamerweise bei der Bewertung von Gastgebern überhaupt keine Rolle) oder
die massiven Menschenrechtsverletzungen.
Und wenn der Ball rollt, wird eh vieles vergessen sein. Die meisten Fans
wollen sich einfach berieseln lassen, und unzweifelhaft gibt es unter ihnen
viele, die sogar noch Beifall klatschen würden für deportierte
Migrant:innen, völkerrechtswidrige Bombardements oder enthemmte
Milliardäre, für die Moral endlich nicht mehr zählt. Der Diskurs wird
verstummen und irgendwann von Neuem losgehen, um Marokko 2030, um
Saudi-Arabien 2034. Bei Letzterem in Deutschland sicher wieder empörter.
Womöglich ist der Fußball einfach zu groß geworden, er ächzt unter seiner
eigenen Gigantik. Der Hyperfokus auf einzelne Gastgeberstaaten war dabei
selten produktiv. Denn diskutieren wir nicht zu jeder WM das Gleiche?
Wachstum bis zum Abwinken, Klimaschäden, Gentrifizierung, Ausbeutung,
Kooperationen mit schaurigen Machthabern und Sponsoren, Korruption – damit
lässt sich alle vier Jahre ein WM-Bingo befüllen.
## Ohne globale Empathie und neue Bündnisse geht es nicht
Und so fehlt im Diskurs noch etwas: die Konstruktivität, der ernsthafte
Widerstand. Wer glaubt wirklich an die Reformierbarkeit der Fifa? Es
braucht eine mitreißende Gegenvision mit neuen Strukturen. Wir leben in
einer Welt global agierender rechter Eliten, die ihre Herrschaft immer
brutaler ausbauen. Die hitzigen Debatten um einzelne Staaten verdecken das,
sie sind völlig anachronistisch. Wer von links wieder in die Offensive
will, darf sich nicht länger zwischen Boykottdiskussionen und
Rückverteidigungsgefechten verausgaben. Er muss eine Vision zu bieten
haben.
Am vielversprechendsten wäre ein Gegenverband mit einer endlich
funktionierenden Gewaltenteilung. Turniere könnten dabei von einer Stiftung
oder Genossenschaft verwaltet werden, die die Einnahmen verteilt, während
das Fußballparlament strikt davon getrennt ist – anders als bei der Fifa.
Kollektivrechte von lokalen Bevölkerungen, Natur und Klima müssen rund um
eine WM niedergeschrieben sein und bei einem unabhängigen Sportgerichtshof
eingeklagt werden können. Es braucht eine Charta mit klarer
Post-Wachstums-Ausrichtung, wo Erfolg eines Turniers nicht an Profiten
gemessen wird, sondern etwa an Inklusivität oder möglichst geringen
Schäden.
Und es braucht sportliche Visionen jenseits der immer gleichen,
destruktiven Erzählung vom Kampf der Nationen. Die aktuelle Sportwirtschaft
kann die absehbaren Krisen des Jahrhunderts nicht managen. Und wer keine
Gegenvision schafft, macht die Linke handlungsunfähig, weil viele
Engagierte sich an den immer neuen Niederlagen im bestehenden System
erschöpfen.
Kleinere, lokalere Turniere ohne große Infrastrukturprojekte hätten zudem
den Vorteil, dass man weniger abhängig von verbrecherischen Machthabern
ist. Es wäre ein Gegenentwurf in der Tradition des Arbeitersports, mit
einem neuen Selbstbewusstsein: Den Sieg des kapitalistischen Sports nicht
als selbstverständlich zu nehmen. Ob das je passieren wird? Ohne globale
Empathie und neue Bündnisse geht es nicht. Bis dahin werden wir noch eine
Menge hässlicher WMs erleben.
6 Jun 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Alina Schwermer
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