# taz.de -- Jüdische Identität und Punk: Gegen die Welt, aber mittendrin
       
       > Außenseitertum und Gemeinschaft, Toleranz und Widerstand: Der Sammelband
       > „Jüdische Identitäten und Antisemitismus im Punk“ beschreibt, wie
       > Punk-Kultur mit Jüdischsein verwoben ist.
       
 (IMG) Bild: Die Punkband Killer Halohetet wurde 1976 in Haifa gegründet, es war wohl die erste in Israel. Das Foto zeigt die Besetzung von 1984
       
       Eine Szene von Kids für Kids. Selbst organisiert wider die herrschende
       Ordnung – witzig und aggressiv, politisch und unpolitisch, wild und absurd.
       Immer wieder totgesagt und immer wieder aufgestanden. [1][Punk – was das
       genau ist, dazu haben viele Leute viele Meinungen]. Es handelt sich
       jedenfalls um eine Bewegung für Outcasts und Underdogs, die die Enge der
       Normgesellschaft mit Lautheit und Schrillheit sprengt.
       
       Das war der Gedanke Mitte der 1970er Jahre in den USA, als Jugendliche und
       junge Erwachsene in New York City ihre eigene Subkultur schufen. Nicht nur
       unter den ersten New Yorker Punks waren nicht wenige Juden:Jüdinnen. Manche
       von ihnen wurden Teil von Bands, die zu Berühmtheit gelangen sollten. Ohne
       Velvet Underground, [2][die Ramones], The Clash, Black Flag, Bad Religion,
       NOFX! oder Sleater-Kinney würde es Punk, wie wir ihn kennen, nicht geben.
       
       Bis heute prägen auch Juden:Jüdinnen Punk. Zugleich macht der
       Antisemitismus auch vor subkulturellen Szenen und Ästhetiken nicht halt.
       Der von Tobias Johann und Andreas Borsch im Verbrecher Verlag
       herausgegebene Sammelband „Jüdische Identitäten und Antisemitismus im Punk“
       nähert sich Fragen von Zugehörigkeit und Exklusion, Potenzialen und
       Abgründen der Subkultur.
       
       ## Antisemitismuskritik und gereckter Mittelfinger
       
       Neben theoretischen und historischen Beiträgen versammelt der Band
       Erfahrungsberichte von jüdischen Punks in Deutschland,
       antisemitismuskritische Initiativen aus der Szene und zahlreiche gereckte
       Mittelfinger. Den Austausch zwischen Jüdischkeit und Punk beschreibt der
       amerikanische Autor Michael Croland. Er beobachtet Parallelen zwischen
       jüdischem Witz als Bewältigungsstrategie gegen Antisemitismus auf der einen
       – und Punk als Widerstand gegen gesellschaftlichen Druck mittels Ironie auf
       der anderen Seite.
       
       Nicht nur haben Juden:Jüdinnen den Punk mit auf die Welt gebracht – der
       Punk hat selbst neue Formen des religiösen und atheistischen Judentums
       geboren. Sehr persönlich beschreibt Croland die Bedeutung von Klezmer-Punk
       für seine eigene jüdische Identität: Bei einem Konzert der Band Golem
       tanzte er seine erste Hora. Bei Live-Auftritten jüdischer Punkbands
       gelangte er sogar in einen Zustand spiritueller Erfahrung.
       
       Als sich Punk über die Welt verbreitete, vernetzten sich in den späten
       1980er und frühen 1990er Jahren auch in Israel die noch kleinen Punk-Szenen
       der zweiten Generation, indem sie Fanzines, also selbst hergestellte
       Magazine, und selbst aufgenommene Kassetten per Post durchs ganze Land und
       über Kontinente hinweg mit anderen Punks austauschten.
       
       ## Zwiespältigkeit im israelischen Punk
       
       Wie anderswo politisierte sich Punk in jenen Jahren auch in Israel,
       allerdings unter erschwerten Bedingungen: Das zeigt sich an der
       Zwiespältigkeit einer im israelischen Punk weit verbreiteten
       antimilitaristischen Haltung einerseits und Vernichtungsdrohungen gegenüber
       Israel andererseits, die auch dort lebende Anarchopunks schwer ignorieren
       konnten und können.
       
       Dazu kommt die Absurdität eines Boykotts von israelischen Punkbands durch
       rechte Gruppierungen innerhalb von Israel – weil sie der Regierung
       gegenüber zu kritisch sind – und des Boykotts derselben Bands im Ausland –
       nur weil sie israelisch sind.
       
       [3][Auch nach Deutschland schwappte der Punk Ende der 1970er Jahre]. Hier
       übernahmen Kids anfangs nicht selten eine in den USA und England unter
       Punks verbreitete NS-Ästhetik. Hakenkreuze auf Lederjacken, Bandnamen mit
       offensichtlichem Bezug zur SS und Uniformen können als Versuch verstanden
       werden, der Fassade der angeblichen Wiedergutwerdung der Deutschen einen
       Riss zuzufügen.
       
       ## Unreflektierte Schock-Versuche
       
       Laut Monty Ott waren sie allerdings im Deutschland der NS-Kontinuitäten
       häufig einfach ein unreflektierter Versuch zu schocken. In seinem Beitrag
       über die Bedeutung von jüdischem Punk als Widerstandspraxis seziert Ott das
       Spannungsfeld zwischen Provokation, die ins Herz trifft, und plumpem
       Entkrampfungsbedürfnis. Dabei weist er darauf hin, dass sich in der
       Punkszene des postnazistischen Deutschlands jedenfalls kaum Gedanken
       gemacht wurde, was der Anblick von NS-Symbolik für Juden:Jüdinnen
       bedeutete.
       
       Die Beobachtung, dass in Teilen der Punk-Szene über Jahrzehnte hinweg immer
       mal mit Nazisymbolik kokettiert wurde, wird auch an anderen Stellen im
       Sammelband geteilt. Gleichzeitig wird in drei Erfahrungsberichten von
       jüdischen Punks in Deutschland neben Antisemitismuserfahrungen auch immer
       wieder die besondere Offenheit der Szene betont.
       
       Sehr persönlich und trotzdem in einigen Überlegungen übereinstimmend, wird
       dort unter anderem das Gefühl beschrieben, in Deutschland als jüdische
       Jugendliche eh nicht zum Mainstream zu gehören – und dann die Offenbarung,
       eine Bewegung zu finden, die gar nicht dazugehören will.
       
       Oft sei der erste Eindruck gewesen, sich vom traditionellen Judentum mit
       all seinen Regeln und Routinen abwenden zu müssen, um ein richtiger
       Anarchopunk zu sein, dem aber folgte häufig die Erfahrung, dass sich
       jüdische Identität und Punk doch sehr gut vereinen lassen. Oder wie Alfi
       von der Band DVMP es beschreibt: „Resilient bleiben, weiterfeiern.“
       
       Den Hang der britischen Musikszene zu einer besonders stark ausgeprägten
       antiisraelischen Haltung zeichnet Klaus Walter nach. Allerdings stimmt er
       dabei in den Chor des immer wieder vorgebrachten Scheinarguments ein,
       queere Personen sollten sich lieber zurückhalten mit der Kritik am einzigen
       Land in der Nahost-Region, in dem Queers halbwegs geduldet sind.
       
       ## Kritik an Hamas-Fans
       
       Walter zählt queere internationale Musiker:innen auf, die sich
       propalästinensisch äußern, um ihnen dann gönnerhaft keine Begegnung mit der
       Hamas zu wünschen. Eine Thematisierung des Leids in Gaza wird hier
       undifferenziert mit einem Sympathisieren mit der Hamas gleichsetzt. Eine
       Kritik an Hamas-Fans lässt sich auch unabhängig von deren sexueller
       Orientierung und Identität formulieren.
       
       Interessanter setzt sich Tina Sanders mit der Frage auseinander, warum es
       nach dem 7. Oktober 2023 in der globalen Hardcore-Punkszene so wenig
       Empathie mit den israelischen Opfern und mit Juden:Jüdinnen weltweit gab.
       Warum ist eine Bewegung, die der diskriminierenden Normgesellschaft in die
       Suppe spucken will, trotzdem in Teilen antisemitisch?
       
       ## Aus Sicht der Psychoanalyse
       
       In ihren Betrachtungen aus Sicht der Psychoanalyse und der Kritischen
       Theorie beleuchtet Sanders das Potenzial von Hardcore, negative Emotionen
       in kreative und widerständige Energie umzuwandeln. Gleichzeitig zeigt sie
       auf, wie anfällig diese Community für ein ungehemmtes Ausleben von
       aggressiven Trieben an vermeintlich Anderen ist. Auch die im Punk immer
       wieder anzutreffende verkürzte Kapitalismuskritik dürfte da nicht hilfreich
       sein.
       
       Der Sammelband ist eine innige Hommage an die Subkultur, verfällt aber nie
       in kitschige Verklärung. Zugleich ist er ein Plädoyer für eine kritische
       Auseinandersetzung mit kollektiven Identitäten und revolutionärem
       Widerstand – von Punks für Punks und alle anderen.
       
       6 Jun 2026
       
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