# taz.de -- Neues Album von Boards of Canada: Sie bleiben lieber offline
> Niemand sonst klingt so schwindelig wie Boards of Canada. Kommende Woche
> erscheint nach 13-jähriger Pause das neue Album des schottischen
> Elektronik-Duos.
(IMG) Bild: Die Brüder Michael Sandison und Marcus Eoin von Boards of Canada mögen es gern rätselhaft
Es sei die Aufgabe eines Künstlers, Realität zu erfinden, Fiktion existiere
schließlich schon, hat [1][der britische Sci-Fi-Autor J. G. Ballard] in den
späten 1960ern erklärt. Und damit auf das Kontrollregime von Werbeästhetik
in Massenmedien abgezielt, das populäre Vorstellungswelten durch
Imagefilme, Slogans, Farblogos und Erkennungsmelodien im kollektiven
Gedächtnis verankert. „Feuer, Pfeife: Stanwell“, wie der Slogan eines
Tabaks jener Pfeifenraucher-Zeit lautete, der immer noch mein Gehirn
bewohnt und ab jetzt auch Ihres.
Ballard erkannte in Slogans, Ikonen und Jingles literarisches Potenzial, er
zapfte Poesie aus dem trostlosen Archiv korporativer Markennamen und
Werbetexten. Heute, da das Klang- und Bilderfließband Internet den analogen
Medien das Monopol auf Bild- und Textproduktion längst streitig gemacht
hat, nimmt das schottische Elektronik-Duo Boards of Canada Ballards alten
Faden wieder auf.
Aber komischerweise landen sie beim Zurückdrehen in einer Zukunft, die das
Konzept der linear voranschreitenden Zeit außer Dienst gestellt hat. BoC
hatten schon in den Nullerjahren Kritik am vermeintlich progressiven
Technizismus und den Großkonzernen des Internetzeitalters geäußert und
damit recht behalten. Und jetzt?
„Inferno“ heißt ihr neues, kommende Woche erscheinendes Album. Seit einigen
Wochen wird es in einer psychedelischen Promotionskampagne beworben. Als
vor wenigen Tagen die Liste der Tracktitel öffentlich gemacht wurde,
entspann sich im BoC-Forum bei Reddit eine Debatte um das Finale, „I saw
through Platonia“. Es zitiert einen Begriff des britischen Quantenphysikers
Julian Barbour.
Barbour hatte in seinem Buch „The End of Time“ gegen den chronologischen
Zeitstrahl argumentiert. Erinnerungen an jüngere Vergangenheit seien zwar
im menschlichen Gedächtnis vorhanden, aber nicht als Ergebnis von
Kausalketten. Barbour definiert dem entgegen das Gehirn als
„Konfigurationsraum“, statt Zeit kennt es nur Sein. Den Weltraum nennt der
Forscher mit Verweis auf Platon und eine spezielle Form von
Relativitätstheorie Platonia. Vielleicht ist sein naturwissenschaftlicher
Skeptizismus ein Schlüssel, um die Ästhetik von Boards of Canada zu
verstehen.
## Verrauscht, aber sexy
Alles begann Anfang April, als die ersten von circa 50 anonym versandten
Videokassetten bei zufällig ausgewählten Fans landeten, seither vibriert
die Enträtselungsmaschine auf höchster Drehzahl. Auf die anonymen VHS-Tapes
spielten Boards of Canada neues Material in komprimierter Ton- und
Bildqualität. Verrauscht, aber sexy, deuten sie damit an, lieber offline zu
bleiben und blenden immer wieder (LSD-)Kristalle in ihre linearen Bilder
ein.
Zuletzt hatte man 2013 von ihnen gehört. Nach Veröffentlichung des Albums
„Tomorrows Harvest“ blieben Michael Sandison und Marcus Eoin verschwunden,
abgesehen von einer Peel-Session, die 2019 auf Tonträger erschien (aber
bereits 1998 von der BBC aufgezeichnet worden war). Das Brüderpaar lebt
nahe Edinburgh, im Nationalpark Pentland Hills haben sie sich in einem zum
Studio umgewandelten alten Bunker eingegraben.
Natur und [2][Elektronik] bilden für BoC keinen Gegensatz. „Wir sind sehr
an Widersprüchen interessiert“, hat Michael Sandison in einem japanischen
Interview erklärt. „Für mich sind Natur und Elektronik eins und trotzdem
schwelt darin ein großer innerer Konflikt. Vielleicht gerade deshalb, weil
Technologie im Grunde genommen eine Erweiterung ‚des Natürlichen‘ ist.“
Was sind schon 13 Jahre Funkstille gegen die wachsende Unendlichkeit ihres
musikalischen Raums, das Mäandern von Synthesizern, Sequenzern und
Drumcomputern und ihr virusartiges Ausfransen. Die wurmstichigen und
repetitiven Melodien vulkanisieren Töne, bis sie sich auflösen. Wie
Papierschiffchen auf einem Tümpel schaukeln sie vor sich hin und versinken
allmählich.
## Verstörende Bildsprache
Wenige Tage, nachdem die VHS-Tapes in Umlauf gebracht worden waren, wurden
in London, New York, Los Angeles und Tokio Posterstrecken gesichtet. Darauf
abgebildet blutrot und tiefblau getönte Kindergesichter, die Augen geweißt.
Eine verstörende Bildsprache, die an das Cover des BoC-Signatur-Albums
„Music Has the Right to Children“ erinnert.
Dessen Mischung aus Horrorfilm-Tonspur, vergilbten Fotostrecken alter
National-Geographic-Ausgaben und dem dokumentarischen Habitus von
didaktischem Lehrmaterial aus dem Schulfernsehen hat Boards of Canada
berühmt gemacht. Kindeswohl und melancholische Erinnerungen an eine
unversehrte Kindheit tauchen als Handlungssplitter immer wieder in ihren
Tracks auf.
Auf den Plakaten, die an Seitenstraßen und an Schaufenstern leer stehender
Läden aufgetaucht waren, prangte unten rechts ein hexagonales Ikon aus
sieben gleichmäßigen Waben. Und alle Sektenbeauftragten so: Yeah! Aber dann
realisiert man doch, dass BoC an den reaktionären Abgründen von
Fundamentalismus kein gesteigertes Interesse hegen. Man kann zu ihrer Musik
prima reflektieren und damit dem Albdruck die Luft entweichen lassen.
Vielleicht hatte ihre Musik eh schon länger im kollektiven Unbewussten
herumgespukt, aber nun, in der unruhigen Zeit der Zwanzigerjahre war der
Zeitpunkt für eine Rückkehr gekommen. Die Videos wurden digitalisiert, von
Fan-Profilern mit Sequenzprotokollen versehen und hochgeladen.
Auf „Tape Nr. 11“ sind verschlüsselte Aufnahmen zu sehen, dazu eine
verrauschte Tonspur (ein Abo-Werbejingle vom evangelikalen Moody Bible
Institut in Chicago) und bei Minute drei tauchen schnell geschnittene,
unscharfe Bilder von Personengruppen auf, bis alte Copyright-Warnhinweise
eingeblendet werden. Geklärt ist gar nix.
Der Sound auf den Tapes weist die charakteristische Gleichgewichtsstörung
aus dem Klangbild von BoC auf: Das taumelnde Gefühl, das noch Minuten nach
einer Dreier-Looping-Achterbahnfahrt anhält, obwohl man bereits wieder mit
beiden Beinen auf der Erde steht. So schwindelig klingt niemand sonst.
Auch bei „Introit“, dem Auftakt von „Inferno“, pendelt sich der Sound von
Boards of Canada an den luminalen Schwellen der Wahrnehmung ein, zwischen
Wegdämmern und Aufwachen, Aufbäumen und Einknicken, Druffsein und damit
Klarkommen verschafft die bukolische Elektronik aus dem schottischen
Hochland den dringend benötigten geistigen Freiraum.
26 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Julian Weber
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