# taz.de -- Neues Album von Souled American: Langsamer Groove und gründliche Reduktion
       
       > Rootsmusik mit außerweltlichen Qualitäten: Die Band Souled American aus
       > Chicago ist mit ihrem neuen Album „Sanctions“ noch tiefer zum Kern ihrer
       > Songs vorgedrungen.
       
 (IMG) Bild: Klar, deutlich, langsam und sparsam: Joe Adducci und Chris Grigoroff von Souled American
       
       Willkommen zurück im Geschehen, Souled American! Über die Rückkehr der Band
       aus Chicago freuen sich nicht nur prominente Fans wie Jeff Tweedy und Will
       Oldham, sondern auch das US-Netzmusikmagazin Pitchfork: „Es gibt
       einflussreiche Bands, die Hunderte von Nachahmern hervorbringen, und es
       gibt einflussreiche Bands, die überhaupt niemand hervorbringen; nicht etwa
       weil ihr Einfluss zu oberflächlich wäre, sondern weil ihr Sound so
       einzigartig ist, dass niemand herausfindet, wie er zu kopieren ist. Souled
       American gehören zu dieser Kategorie.“
       
       Das letzte Lebenszeichen, das Album „Notes Campfire“, erschien genau vor 30
       Jahren, aber Souled American legt darauf Wert, dass „Sanctions“, ihr neues
       und insgesamt siebtes Werk, nicht etwa Frucht einer Reunion sei – vielmehr
       sei die ganze Zeit seit 1996 kontinuierlich an der Musik gearbeitet worden.
       
       Wurde hier also in vielen, langen Sessions ein Opus magnum aufgeschichtet
       oder in kreativen Qualen immer wieder verworfen, neu begonnen, verbessert,
       modifiziert, umgebaut, bis eine verständige externe Kraft diesem
       selbstzerstörerischen Treiben Einhalt gebot?
       
       ## Der Alltag und seine Erfordernisse
       
       Kritiker*innen und Kenner*innen der Band aus Chicago vermuten eher,
       dass die Gruppe die notorische Langsamkeit ihrer Musik auf ihr Arbeitstempo
       appliziert hat. Vielleicht war es so, vielleicht war es aber auch ganz
       anders, womöglich ist einfach nur das gewöhnliche Alltagsleben mit seinen
       gemeinen Erfordernissen regelmäßig in den kreativen Prozess gegrätscht und
       hat ein stetiges künstlerisches Arbeiten verhindert; wie das heute so
       üblich ist bei Musiker*innen, denen es mit ihrer Kunst ernst ist und die
       deshalb damit nicht ihren Lebensunterhalt finanzieren können.
       
       Was man sich kaum vorstellen kann, wenn man die Geschichte der Band
       verfolgt hat: Souled American sind aus einer Ska-Punk-Band hervorgegangen.
       Nach ihrer kurzen gemeinsamen Zeit (1982–1984) bei den Uptown Rulers sind
       der Bassist und Sänger Joe Adducci und der Gitarrist und Sänger Chris
       Grigoroff in vergleichbare Temporegionen allerdings nie wieder
       vorgedrungen.
       
       Stattdessen widmeten sie sich einem Projekt, das sie schon bald in Bereiche
       führte, in denen sich noch niemand vor ihnen herumgetrieben hatte. Ihr 1988
       veröffentlichtes Debütalbum „Fe“ würde man heute wohl unter Altcountry
       einsortieren. Damit passte es eigentlich ganz gut in eine Zeit, als Bands
       wie Uncle Tupelo, Green on Red und die Lemonheads mit dem Countryrock der
       1970er Jahre zu flirten begannen, [1][Klassiker von Gram Parsons] coverten
       oder eine Pedal-Steel-Gitarre aufjammern ließen, während in Texas eine
       Schar neuer Singer-Songwriter*innen wie Michelle Shocked, Steve Earle und
       Lucinda Williams ihre Verbundenheit mit den ländlichen Roots der Popmusik
       ihres Landes zeigten.
       
       ## Tiefenbohrung in den spirituellen Wurzeln
       
       Das war allerdings nicht das Forschungsgebiet von Souled American, wie
       spätestens am zweiten Album „Flubber“ (1989) erkennbar wurde. Weder mit dem
       Hollywoodschick der Countryhippies, [2][noch mit der Dustbowlromantik eines
       Merle Haggard] oder der düsteren Poesie [3][eines Townes Van Zandt] hielten
       sie sich lange auf. Stattdessen schienen Souled American auf der Suche nach
       den emotionalen und spirituellen Wurzeln ihres Landes eine Art Kernbohrung
       zu betreiben.
       
       Statt Parsons, Haggard oder Guy Clark coverten sie staubige alte
       Traditionals und Squaredancestandards und komponierten eigene Songs, die
       zwar diffus dem Folkidiom zuzuordnen waren, aber aus dem Formenkanon immer
       wieder ausbrachen und bei aller Melancholie und Jenseitigkeit eine
       betörende, außerweltliche Kraft entwickeln konnten.
       
       Die ersten Alben erschienen noch in schneller Folge. Der Klang wurde immer
       sonderbarer und schuf eine stetig wachsende Distanz zu allen bekannten
       Americanamodellen. Man konnte fast denken, die musikalische Entwicklung der
       Gruppe richte sich auf ein definiertes Ziel, ein Ziel, das weit außerhalb
       von allem bekannten Musikschaffen liegt.
       
       ## Aufs Niedrigstmögliche gedrosselt
       
       Schlagzeuger Jamey Barnard reduzierte seine ohnehin ungewöhnlichen Patterns
       immer weiter, Leadgitarrist Scott Tuma schichtete darüber schwer greifbare
       Soundskulpturen, das Song-hafte der Kompositionen von Adducci und Grigoroff
       wurde immer weiter in den Hintergrund genebelt, das Tempo auf das
       niedrigstmögliche gedrosselt.
       
       Wollte man Countryfolkhörer:innen den Geist von Ambientmusik
       nahebringen? Oder Ambientadepten ans Lagerfeuer holen? 1990 kamen Souled
       American als Support-Act von Camper Van Beethoven zum ersten Mal nach
       Europa. Vor ihrem Konzert in Hamburg konnte ich Joe Adducci zu diesen
       Dingen befragen. Er schwärmte, man könne „so viele Sachen auf einer Gitarre
       machen, die nie jemand als auf einer Gitarre gemacht identifizieren würde.
       Da sind diese Klänge, du hast keine Ahnung, wie sie erzeugt werden, alles,
       was du weißt, ist, dass die Band nichts als zwei Gitarren, Bass und
       Schlagzeug nutzt.“
       
       Die genrefremden Sounds waren also weniger Ergebnis einer künstlerischen
       Konzeption als des ergebnisoffenen Herumexperimentierens im Proberaum. Auch
       die Downtemponeigung seiner Gruppe erklärte Adducci als Frucht der
       Probesituation: „Es wirkt so, als seien wir davon besessen, aber es ist
       nicht kalkuliert. Es entsteht aus der Stimmung der Band zu der Zeit, in der
       der Song geschrieben wurde. Diese langsamen Grooves entstehen, wenn die
       Band hart an einem Song arbeitet.“
       
       ## Unerklärliche Gitarrensounds
       
       Das ergibt insofern Sinn, als man bei einem geringeren Tempo alle Elemente
       genauer erkennen kann, und bei aller Freude am prominenten Einsatz
       unerklärlicher Gitarrenklänge [4][trieb die Band immer auch ein Wunsch an
       nach jener Klarheit und Deutlichkeit, die sich aus Reduktion ergibt]. Das
       hatte auch zur Folge, dass sich Souled American selbst schließlich
       reduzierten, von vier auf drei und schließlich für „Sanctions“ auf die zwei
       singenden und Songs schreibenden Mitglieder Adducci und Grigoroff.
       
       Daher erstaunt es auch nicht, dass „Sanctions“ ihr bisher klarstes Album
       wurde. Die Lust am Soundexperiment trat in den Hintergrund, stattdessen
       wurde noch weiter aufgeräumt, und vielleicht gab es bei den beiden
       Protagonisten auch den Ehrgeiz, stärker als Songwriter und Vokalisten
       wahrgenommen zu werden. Vor allem Grigoroff tönt sich mit seiner mit den
       Jahren noch etwas stärker aufgerauten und mit einem geschickt eingesetzen
       Altersvibrato versehenen Stimme die Seele aus dem Leib bei zentralen Zeilen
       wie „I am a stranger“, „I passed away“ und „We are long, long gone“.
       
       Auf Beats wurde – zur Betrübnis des Pitchfork-Rezensenten – nunmehr
       komplett verzichtet. Aber der Puls, der von Gitarre und Adduccis
       einzigartigem perkussivem Bassspiel kommt, ist so deutlich, dass es hier
       eigentlich keiner weiteren Akzentuierung bedarf.
       
       Deutlich wird so auch, worum es Adducci und Grigoroff wohl vor allem geht:
       einen Shortcut zu jener Urenergie zu finden, die es möglich machte, dass
       vor hundert und mehr Jahren einige musikalische Schöpfungen in abgelegenen
       Teilen Nordamerikas eine besondere Eindringlichkeit entwickeln konnten, die
       bis heute wirkt. E-Musikkomponist Charles Ives wusste von ihr,
       Countrypionier Hank Williams und Gospelsängerin Sister Rosetta Tharpe
       spürten sie; später nutzten sie Bob Dylan und Jerry Garcia, und irgendwo in
       dieser heterogenen Reihung verdienen auch Souled American ihren Platz.
       
       15 May 2026
       
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