# taz.de -- Rückblick aufs Atonal-Wochenende: Jetzt ist nie wieder
       
       > Dem Event „Infinite Now“ hat das Atonal Festival eine 30-Stunden-Präsenz
       > verschafft: Regulär soll es im Kraftwerk Berlin nur alle zwei Jahre
       > stattfinden.
       
 (IMG) Bild: Hier entsteht Musik: Die Mitglieder des Marginal Consorts produzieren Geräusche, die sich unverhofft zu Klangskulpturen fügen
       
       Wie lang ist eigentlich Gegenwart? Im Grunde unendlich lang. Gegenwart hört
       schließlich nie auf. Beim Festival „The Infinite Now“, das am Wochenende im
       Kraftwerk Berlin stattfand, dauerte die Gegenwart jedoch genau 30
       kurzweilige Stunden – auf die Beine gestellt vom Atonal-Festival zusammen
       mit dem Unsound-Festival, das seine Homebase in Krakau hat.
       
       Und das, obwohl doch nicht einmal Atonal-Jahr ist. Seit drei Jahren
       [1][versteht sich das geschichtsträchtige Berliner Festival nämlich] laut
       dem künstlerischen Leiter Laurens von Oswald als „erste auf Musik
       spezialisierte Kunstbiennale“, soll also nur alle zwei Jahre stattfinden.
       „In den Jahren zwischen den regulären Ausgaben machen wir dann immer etwas
       Anderes“, so von Oswald.
       
       Konkret erweist sich das diesmal als immersive Erfahrung. Klangwelten, die
       sich mal subtil anschleichen, dann wieder wuchtig in die Eingeweide fahren:
       Noise, Ambient, gnarzige Elektronik, aber auch Elektroakustik und
       klassische Einsprengsel. Außerdem Performances, etwa „To Carthage Then I
       came“ von Romeo Castellucci und Scott Gibbons.
       
       Eine Handvoll Menschen mit sehr langen Haaren nutzen diese zur
       Klangerzeugung – indem sie sie im nassen Zustand beherzt vornüber auf Rohre
       aufklatschen lassen, die mit Mikrofonen verkabelt sind. Eine eindrückliche,
       erstaunlich rhythmische Inszenierung.
       
       ## Ein Erbe der Dilletanten-Subkultur
       
       1982 [2][vom späteren Tresor-Gründer Dimitri Hegemann] ins Leben gerufen,
       war [3][das Atonal seinerzeit Plattform für die
       Geniale-Dilletanten-Subkultur Westberlins]. Nach dem Mauerfall lag das
       Festival auf Eis; 2013 wurde es dann von einer neuen Generation reanimiert.
       
       Im Fokus standen fortan avantgardistische Elektronik und Klangkunst. Nicht
       zuletzt ist die diesjährige Ausgabe auch die Weitererzählung der
       Veranstaltung „The Long Now“, bis zur Pandemie ausgerichtet von der
       Maerzmusik, dem Festival für zeitgenössische Musik der Berliner Festspiele:
       an gleicher Stelle, ebenfalls 30 Stunden lang.
       
       Im Laufe des Abends wird die rohe Industriekulisse des einstigen
       Heizkraftwerks zum Riesenkokon. Das Publikum erscheint zum Sound-Marathon
       campingmäßig ausgerüstet, auf den im Raum verteilten Klappbetten sind bald
       Schlafsäcke drapiert.
       
       Das Line-up [4][scheint breiter aufgestellt, als die Atonal-Marke vermuten
       lässt]. Natürlich gibt es auch diesmal harsche, improvisatorische Sounds:
       Etwa beim Auftritt des japanischen Kollektivs Marginal Consort, gegründet
       in den 1970er Jahren im Fluxus-Kontext.
       
       Über drei Stunden improvisieren die vier Musiker völlig frei. Jeder hatte
       einen Riesentisch vor sich: E-Gitarren, selbstgebaute Instrumente,
       elektronische Gadgets, Alltagsgegenstände – was eben zur Klangerzeugung
       taugt. Die älteren Herren spielten völlig entkoppelt voneinander. Umso
       erstaunlicher, dass ab und ab doch Klangskulpturen entstehen.
       
       Andere Performances basieren auf akustischen Instrumenten, Streichern oder
       Bläsern. Und sogar einem Dudelsack: Brìghde Chaimbeul verwandelt mit ihren
       Small Pipes, eine wärmer tönenden Variante der Highland Bagpipes,
       schottische Traditionals in dronige Avantgarde-Tracks.
       
       Experimenteller wurde der Sound der 28-Jährigen, als sie Material live
       präsentieren wollte, dass sie mit dem Jazzsaxofonisten Colin Stetson für
       ihr zweites Album „Carry Them with Us“ (2023) erarbeitet hat: „Da ich
       alleine toure, musste ich diese Klänge ohne Colin nachbilden“, [5][erzählte
       sie kürzlich in einem Interview].
       
       „Um meine Möglichkeiten zu erweitern, baute ich Elektronik und die
       entsprechenden Pedale in meinem Soundmix ein.“ Daraus entstand ihr Album
       „Sunwise“ (2025). Das Publikum lauscht den ungewohnten Klängen mit
       bemerkenswerter Konzentration.
       
       Flirrend-Hypnotisches gibt es auch vom polnischen Gitarristen Raphael
       Rogiński. Der interpretiert Stücke des Jazzsaxofonisten John Coltrane auf
       eine sehr freie Weise: Die Sound-Cluster, die er mit superflinkem
       Fingerpicking auf seiner halbakustischen E-Gitarre erzeugt, klingen
       manchmal, als träten drei Instrumente gegeneinander an.
       
       ## Gesänge eines Obdachlosen
       
       Statt der 1.000 Menschen, die sich am Vorabend in der riesigen
       Turbinenhalle tummelten, sind bei seinem Auftritt am Sonntagmittag
       höchstens 300 da. Später am Tag wird es wieder voller. Tatsächlich fühlt es
       sich auch für mich etwas kontraintuitiv an, nach einem kurzen Stopp in
       heimischen Bett wieder in diese Industriekathedrale abzutauchen – wo doch
       draußen endlich mal die Sonne scheint. Doch Rogiński entwickelt einen
       bemerkenswerten Sog.
       
       Dass auch das Atonal-Publikum in der Theorie nicht immer so offen ist wie
       in der Praxis, zeigten die Prelude-Shows in den Tagen vor dem
       Wochenend-Marathon. Da stockte der Vorverkauf ausgerechnet bei der
       Veranstaltung, die am klassischsten kuratiert war: Für den Abend, an dem
       das Kammerensemble Sinfonietta Cracovia drei Stücke interpretieren will,
       darunter zwei des britischen Komponisten Gavin Bryars, steht eine Absage im
       Raum.
       
       Das wäre angesichts der Thematik des Stücks doppelt traurig gewesen: Bryars
       hypnotisches Stück „Jesus Blood Never Failed Me“ kreist um einem von einem
       unbekannten Obdachlosen gesungenen geloopten Einzeiler. „Ich war überzeugt,
       dass der Abend eine Relevanz hat, und zudem unsere Zielgruppe anspricht –
       auch wenn die sich vielleicht nicht darüber bewusst war, wie das alles
       zusammenpassen könnte“, erklärt von Oswald.
       
       Die Tresor Foundation sprang ein; die Tickets wurden für läppische fünf
       Euro verkauft. Letztlich war das Haus voll, die Resonanz euphorisch. Das,
       so von Oswald, belege ja die Notwendigkeit einer Kultur, die für alle
       zugänglich ist. So gesehen ist diese Atonal-Ausgabe [6][auch ein Kommentar
       zu den Kürzungen im Kulturbereich].
       
       18 May 2026
       
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