# taz.de -- Postpunkband „Jazz“ aus Halle: Musik zum Untertauchen
       
       > Die Postpunkband Jazz geht mit ihrem krachigen Debütalbum „… der Irrtum
       > hat mal wieder gewonn!“ auf Tour. Googelt sie mal!
       
 (IMG) Bild: Das kann ja heiter werden: Jazz aus Halle geben nur spärliche Informationen preis
       
       „Pure Vernunft darf niemals siegen“, sangen Tocotronic 2005. Angesichts der
       Tatsache, dass das Ende des hart erkämpften 8-Stunden-Arbeitstags und die
       Investition von mehreren Millionen Euro zur Rettung eines
       todessehnsüchtigen Wals momentan als vernünftige Maßnahmen verkauft werden,
       scheint ihr altes Credo heute wichtiger denn je.
       
       Extrem unvernünftig ist es übrigens auch, eine Band, die gar keinen Jazz
       spielt Jazz zu nennen. Rein aus Gründen der digitalen Auffindbarkeit zum
       Beispiel. Und zu guter Letzt ist ebenfalls nicht vernünftig, möchte man
       mehr über die Band wissen dafür die Begriffe „Jazz“, „Band“ und „Halle“
       (von da kommt die Band nämlich) in die Suchmaschinen einzugeben.
       
       Was zum Friedrich hab’ ich mir denn davon erhofft? Jedenfalls nicht, einen
       Vorschlag zu den zehn besten Jazzbands aus Halle zu bekommen. Es sei denn
       natürlich, die Band Jazz wäre darunter. Aber die Band Jazz macht ja gar
       keinen Jazz, sondern irgendwas mit Postpunk.
       
       ## Um einiges surrealer
       
       Jazz bringen mit ihrer Musik diesen strapazierten Genrebegriff auch
       ziemlich an seine Grenzen, beziehungsweise, sie setzen sich deutlich von
       anderen deutschsprachigen Künstler:innen dieses Genres ab. Denn Jazz
       sind [1][um einiges surrealer unterwegs] als einige ihrer vermeintlichen
       Genre-KollegInnen, und jede Menge Experimentierfreude ist bei ihrem Werk
       auch dabei.
       
       Man muss sich das klanglich so vorstellen, als hätte man einer Menge
       hyperaktiver und musikbegabter Kinder einen großen Haufen Instrumente
       bereitgestellt und sie einfach mal machen lassen. Kurz vor Ausbruch des
       kompletten Wahnsinns hat ein Erzieher noch mal eingegriffen, sanfte
       Anweisungen gegeben, damit doch noch Musik entstehen kann.
       
       So oder so ähnlich haben Jazz also 13 Songs aufgenommen, die auf ihrem
       Debütalbum „… der Irrtum hat mal wieder gewonn!“ enthalten sind. Es ist vor
       zwei Wochen beim DiY-Label [2][Turbo Discos] erschienen. Eigentlich wird
       beim Sound von Jazz vor allem auf den Gebrauch von Synthies gesetzt. Das
       mit einer größeren Ansammlung an Musizierenden stimmt aber, denn auf der
       Bandcamp-Seite der Band werden als Sänger:innen mindestens zwölf
       Personen angegeben.
       
       ## Offline is wonderful
       
       Wobei auch viel gesprochen wird auf dem Album. Eine Angabe zu
       Sprecher:innen ist allerdings keine zu finden. Bis auf die
       Bandcamp-Seite gibt es zu der Band nahezu nichts. Selbst dann nicht, wenn
       man die Recherche etwas ausgiebiger angeht, als drei Suchbegriffe
       einzugeben.
       
       Das ist aber erstaunlicherweise äußerst angenehm, weil dementsprechend auch
       nirgendwo Interviews oder Statements auftauchen, in denen Jazz dann
       beispielsweise darüber reden, was sie eigentlich von Tocotronic halten.
       Viel mehr ist es, als hätte man einfach ein Album im Plattenladen aus der
       Kiste gezogen, aufgelegt und weil’s gefällt, auch gleich mit nach Hause
       genommen.
       
       Eine knappe Selbstbeschreibung gibt es vonseiten der Band dennoch: „Jazz’
       debut LP is a German homage to the absolute frustration people call life,
       while also showing paths out of total resignation“, heißt es darin.
       
       Mit Frust und Resignation ist sowieso am allerbesten zusammengefasst, um
       was es bei Jazz gefühlsmäßig geht. Auch wenn nicht immer alles von den
       Texten zu verstehen ist, die die Band singt – hier und da drücken die
       Synthies die Stimmen nämlich so runter, wie das pubertierende Jungs im
       Schwimmbad gerne mit den Köpfen ihrer Altersgenossen machen –, bleibt das,
       was man versteht, trotzdem sofort hängen.
       
       Und man möchte sich diese Textzeilen direkt auf die Stirn tätowieren. Hier
       ein Best-of aus dem Song „Schmerz“: „Schmerz, es gibt ihn überall
       kostenlos“; „Er brach den Schmerz und verteilte ihn unter den Armen“; „Wir
       sind alle unendlich reich an Schmerz“. Und das ist wohl ein Fazit: „Wir
       trinken auf unser Leben, denn unser Leben ist unser Ziel“, aus dem Song
       „1+1“.
       
       Also immer schön weiter irren, Bier aufmachen und um Himmels willen niemals
       vernünftig werden (oder Wale retten). Irrtum 1, Vernunft 0.
       
       20 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Nachruf-auf-Musiker-Kristof-Schreuf/!5894264
 (DIR) [2] https://turbodiscos.bandcamp.com/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Johanna Schmidt
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Halle
 (DIR) Postpunk
 (DIR) Neues Album
 (DIR) Surrealismus
 (DIR) Tour
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Warp Records
 (DIR) Kampfsport
 (DIR) Riechen
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Neues Album von Boards of Canada: Sie bleiben lieber offline
       
       Niemand sonst klingt so schwindelig wie Boards of Canada. Kommende Woche
       erscheint nach 13-jähriger Pause das neue Album des schottischen
       Elektronik-Duos.
       
 (DIR) Neues Album von Seefeel: Ein Sound, der Richterskala und Vorstellungskraft sprengt
       
       Zwischen Track und Song, Gitarren und Glitch: Das britische Trio Seefeel
       veröffentlicht nach ewigem Tauchgang das neue Album „Sol.Hz“. Wie zeitgemäß
       ist die Musik?
       
 (DIR) Antifaschistische Kampfsportszene: Linker Haken, Rechte aufs Kreuz
       
       In Ostdeutschland wächst eine antifaschistische Kampfsportszene heran. Es
       ist die Antwort auf rechte Gewaltmilieus und männerbündische Strukturen.
       
 (DIR) Neues Hörspiel-Album von Frau Kraushaar: Eine Phänomenologie des Riechkolbens
       
       Zum Start der Allergie-Saison veröffentlicht die Hamburger Künstlerin Frau
       Kraushaar ihr Album „Gurke Kartoffel Ahnung“ über die Nase und ihre Tücken.