# taz.de -- SWR-Krimi „Wer ohne Schuld ist“: Wenn das toxische Würstchen wahnsinnig sympathisch ist
> Paul prügelt, nennt seine Freundin „Hure“ und glaubt, er könnte jemanden
> getötet haben. Zuschauer lädt das zu Tätersuche in sich selbst ein.
(IMG) Bild: Pia (Johanna Götting) macht sich Sorgen um Paul (Aaron Hilmer)
Derzeit läuft im Kino „The Drama“, ein satirischer Film, der uns in eine
Täter*innenperspektive zwingt. Wir sollen ausgerechnet mitfühlen mit
jemandem, der – beinahe – etwas extrem Grausames getan hat. Das schmeckt
nicht allen. [1][„The Drama“ hat vereinzelt scharfe Kritik erhalten]. Ich
persönlich fand den Film großartig, aber ich bin ein hoffnungsloser Fall.
Als Krimifan bin ich natürlich jederzeit auf der Suche nach dem Täter in
mir selbst. Schlimmer noch: Im sicheren Rahmen der Fiktion genieße ich das
empathische Identifizieren mit dem Bösen.
Aber ich verstehe die Qualen derer, die das nicht wollen. Deswegen spreche
ich die folgende Empfehlung unter Vorbehalt aus.
Ich mach’s kurz: Paul ist ein junger Mann in dem fiktiven Dörfchen
Dornbach, und er hat sich nicht im Griff. Er neigt dazu, sich zu prügeln,
brüllt seine Freundin besoffen an und nennt sie „Hure“, ist insgesamt ein
sich selbst bemitleidendes toxisches Würstchen. Er ist alles, was wir in
Sachen Männlichkeit am liebsten bis gestern hinter uns lassen würden.
## Netter Kerl, der Paul
Paul ist außerdem wahnsinnig sympathisch. Und höchstwahrscheinlich hat er
jemand umgebracht.
Der Film heißt „Wer ohne Schuld ist“. Die SWR-Produktion von 2024 ist
soeben noch mal in die ARD-Mediathek gekommen. Geführt von Regisseurin
[2][Sabrina Sarabi] begleiten wir Paul in den Tagen, nachdem er –
höchstwahrscheinlich – seinen Nebenbuhler im Streit erschlagen hat. Es war
die Nacht der „Hockete“, des jährlichen Sauffests in Dornbach. Paul hat
Filmriss, aber der Blutfleck auf seinem Shirt verheißt nichts Gutes. Und es
wird schnell deutlich, dass Paul sich selbst die Tat grundsätzlich zutraut.
Auch seine Clique aus Saufkumpan*innen findet die Vorstellung, dass er es
gewesen sein könnte, so abwegig nicht.
Ab da folgen wir Paul bei dem Versuch, jeglichen Konsequenzen seines
Handelns aus dem Weg zu gehen. Er wird dabei hinreißend verschusselt
gespielt von [3][Aaron Hilmer]. Alles im Film – Buch, Kamera, Regie – will,
dass wir ihn als Kumpel sehen.
Pauls Gegenspielerin ist die ermittelnde Kommissarin Anita ([4][Lou
Strenger]), die hier im Dorf aufgewachsen ist, und die mit Dornbach
anscheinend noch eine offene Rechnung hat. Sie ist getrieben von dem Ziel,
jemanden zur Verantwortung zu ziehen. Im Griff hat sie sich dabei aber auch
nicht immer.
## Paul ist meist besoffen
Paul und seine Freunde sind die meiste Zeit besoffen. Mit torkelnder Kamera
sind wir dabei, wie sie austrinken, was sie finden können, dann beim
Dorfautomaten mehr Wein holen, und in Gartenlauben nach Obstler wühlen. Sie
sind gar nicht in der Lage, nüchtern zu sein. Denn Nüchternsein ist voll
von quälenden Gedanken über die Dinge, die man besoffen getan hat. Also
saufen sie weiter. Und am Ende sind sie alle randvoll – mit Schuldgefühlen.
„Wer ohne Schuld ist“: Den biblischen Titel könnte man missverstehen als
ein nihilistisches Schulterzucken. Ist der Film aber nicht. Es ist das
kritische Porträt einer Gemeinschaft, in der es üblich ist, sich so gut es
geht aus jeder Verantwortung zu winden. Er hilft nachzuempfinden, wie sich
das anfühlt: ein derart unzurechnungsfähiges Leben.
Am Ende, so sieht es der Film, muss jemand, ganz egal wer, mit der
Tradition brechen. Muss sich schonungslos zu dem bekennen, was er*sie
verbockt hat. Dann kehrt Ruhe ein. Das ist, ganz krimitypisch, eine
hochmoralische Botschaft. Ob das Ideal realistisch ist, ist wieder eine
andere Frage.
24 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Peter Weissenburger
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