# taz.de -- Theater Bremen mit „Die Trasse“: Raus aus dem Theater (um mal unter sich zu bleiben)
> In einem fahrenden Truck besichtigen Besucher:innen des Bremer
> Theaters Schauplätze gescheiterten Stadtplanungswahnsinns. Es ist allemal
> eine Erfahrung.
(IMG) Bild: Blick nach draußen in die Welt: Karin Enzler vom Bremer Theater bei der Rundfahrt „Die Trasse“
Theater ist schon eine sonderbare Angelegenheit. Man sitzt da rum, guckt
hin, hört zu und versucht, nichts falsch zu machen. Schließlich soll es
hier um was gehen – politische Fragen in Zeiten gesellschaftlicher
Zerrüttung, die Bühne als Bastion demokratischen Austauschs und solche
Sachen. Nur eins will Theater auf keinen Fall: ein selbstgefälliges Stück
Kunst sein, von Theaterleuten für Theaterleute, über Theaterthemen und in
Theaterräumen, in die nur äußerst selten jemand Neues hineinstolpert.
Es lag jedenfalls nicht allein an Corona und der Belüftungssituation der
Schauspielhäuser, dass sich Theater in letzter Zeit mit gewisser
Regelmäßigkeit in den sogenannten öffentlichen Raum hinauswagt. [1][Man
„audiowalkt“], stellt Bühnen auf den Hof oder macht was an besonderen
Orten. Im Leerstand oder so.
In diesem Sinne neu ist also erst mal nicht, was Regisseur und Schauspieler
Daniel Fries dem Bremer Theaterpublikum mit [2][„Die Trasse. Eine
Erfahrung“] zumutet. Hier befindet sich der Zuschauerraum in einem Truck
mit durchsichtiger Seitenwand, man guckt von der Tribüne zur Seite raus und
sieht die Welt an sich vorbeiziehen – oder immerhin die Altbauten im
alternativen Bremer Ostertorviertel.
Und darum geht es dann auch inhaltlich: um die zumindest in Bremen sattsam
bekannte Geschichte vom geplanten Abriss des Quartiers Anfang der 1970er
Jahre und um den letztlich erfolgreichen Kampf dagegen, der so was wie den
Gründungsmythos linksbremer Zusammenhänge darstellt.
## Animierte Einblicke in Fieberträume
Deshalb gibt es hier in der Nachbarschaft des Theaters heute keine
Hochhäuser und keine Schnellstraßen, sondern maßvoll angeschmuddelte
Altbauten für gut vernetzte Szene-Menschen auf alten Mietverträgen und
zunehmend reichere Zuzügler:innen.
[3][Weil am linken Mythos von der Ermächtigung] der Anwohnenden gegen Staat
und Kapital auch das Theater nicht rütteln mag, erzählt es in eingespielten
Bild- und Tonschnipseln erst ganz lang, wie schlimm damals alles war. Und
danach noch etwas länger, was es heute so alles über Stadtplanung und
Mitbestimmung zu sagen gäbe. Arg bemüht sind die Zeitmarker von „Hossa“ bis
„Hornbrille“ und fahrig die Versuche, den alten Kampf in krummen Analogien
für Debatten von heute fruchtbar zu machen.
Viel lustiger ist es, wenn plötzlich eine Leinwand vors Fenster fährt und
den Ausblick ins Stadtbild gegen animierte Einblicke in die Fieberträume
des autogerechten Städtebaus tauscht. Während die Perspektive der Animation
langsam kippt, scheint sich der ganze Truck in die Luft zu erheben und
einen Rundflug über die nie gebaute Schnellstraße zu starten. Till
Botterweck von Urbanscreen hat diesen Zaubertrick konstruiert und damit die
einzig wirklich interessante Passage dieser Produktion zu verantworten.
Oder auch nicht, womit wir wieder bei diesen theatralen Eingriffen ins
öffentliche Leben vom Anfang wären. Denn dieser „mobile Zuschauerraum“
(übrigens eine Leihgabe der [4][freien Theatergruppe Rimini Protokoll])
fühlt sich auf seine Weise hermetischer an als jeder Kunstbunker.
## Fremdkörper in der eigenen Stadt
Vielleicht zum ersten Mal ist man Fremdkörper in der eigenen Stadt,
Beobachter:in und Ausstellungsstück zugleich. Denn schon das Arrangement
der Sitzreihen macht klar, dass es sich hier nicht um irgendeinen
Stadtrundfahrtsquatsch für Touris handelt, sondern eben … Theater.
Zur Premiere Mitte Mai ist im Viertel schon was los, vor den Cafés sitzen
Menschen, viele sind auf Fahrrädern unterwegs. Weil der Truck auf der
Holperpiste anfangs nur langsam vorankommt, hat man Zeit, sich die
Gesichter anzusehen und über die Geschichten der Menschen zu spekulieren.
Vor allem wartet man darauf, endlich mal selbst entdeckt zu werden. Denn
tatsächlich gucken viele gar nicht vom Handy hoch, während sich 40 Menschen
auf einer Tribüne mit wenigen Metern Abstand an ihnen vorbei durch den
Straßenverkehr schieben.
Wer dann doch was mitbekommt, schiebt ungläubig die Sonnenbrille hoch und
lässt vor den freundlich lächelnden Aliens die Kinnlade fallen. Man ist
hier im Theater unter sich wie noch nie. Gerade, weil der Rest der Welt
auch da ist.
25 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Kindertheater-im-oeffentlichen-Raum/!5938561
(DIR) [2] https://www.theaterbremen.de/de_DE/programm/die-trasse-eine-erfahrung.1379029
(DIR) [3] /Linke-Stadtviertel/!5977523
(DIR) [4] /Rimini-Protokoll-in-Mannheim/!5865578
## AUTOREN
(DIR) Jan-Paul Koopmann
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