# taz.de -- Slogans auf engem Raum: „Die Scham muss die Seite wechseln“ passt nicht mehr drauf
       
       > Das Hamburger Museum für Arbeit bietet Workshops im Proteststicken an.
       > Ein Besuch.
       
 (IMG) Bild: Mit Nadel und Faden: Sticken als Protest
       
       Stühle scharren über den Boden, immer wieder muss noch ein Stuhl geholt
       werden. „Hier ist noch Platz!“, winkt eine junge Frau, während die ersten
       enger zusammenrücken und Jacken von den Lehnen nehmen. Am Ende sitzen alle
       dicht gedrängt um einen Holztisch im Hamburger Museum der Arbeit. Auf dem
       Tisch liegen Schokokekse, bunte Garne und Stickrahmen, in einem sind
       verschiedene Stiche vorgemacht. Quer durch den Raum baumeln bunte
       Girlanden, an den Betonwänden kleben Post-its unter Fragen wie: „Wie können
       wir gerechter arbeiten?“ Im Hintergrund klirrt das Geschirr im Museumscafé.
       
       Einmal im Monat lädt das Museum abends zum Proteststicken ein. Einige
       bringen konkrete Ideen mit, andere kommen ohne Plan. Insgesamt neun Frauen
       und ein Mann, Anfang 20 bis Ende 30. Manche halten zum ersten Mal eine
       Nadel, andere sticken schon länger.
       
       Für die Veranstalterin Luisa Hahn sind Vorkenntnisse egal. Sie ist
       wissenschaftliche Volontärin im Museum und kam während ihres
       Kunstgeschichtsstudiums zum Proteststicken. „Ihr könnt beim Sticken die
       Dinge thematisieren, die euch ärgern – gesellschaftlich oder sozial“,
       erklärt sie und hält ein Beispiel hoch. Zwischen Blümchen steht in Rosa und
       Hellblau: [1][Lifestyle Teilzeit] … my ass.
       
       Dann geht es los: Motive vorzeichnen, Rahmen greifen, Stoff einspannen,
       Farben auswählen, Garn einfädeln, durch den Stoff stechen, auf der
       Rückseite verknoten. Stich für Stich.
       
       Zwei Freundinnen beugen sich über einen der Rahmen. „Ich wollte [2][‚Die
       Scham muss die Seite wechseln]’ sticken, aber das ist so lang“, sagt sie.
       Es ist ihr erster Stick-Versuch. „Vielleicht nur ‚Scham‘ und ‚Seite‘“, rät
       ihre Freundin, die schon länger stickt. Nee, das sei nicht das wahre. Mit
       Bleistift schreibt sie den ganzen Satz schwungvoll auf den Stoff.
       
       ## Der Schriftzug sitzt nicht mittig
       
       Quer über den Tisch entstehen in blauer Schreibschrift Macker in die Elbe
       und ein silbernes It’s Women’s Turn mit Sternen. Eine andere Teilnehmerin
       hadert mit ihrem Slogan. „Jetzt zeig doch mal!“, drängt ihre Nachbarin.
       Zögernd dreht sie den Rahmen: „Leute, ich schäme mich doch.“ Mit Bleistift
       steht dort vorgeschrieben [3][AUX ARMES NOUS SOMMES ST. PAULI]. „Was heißt
       das?“, fragt jemand. „An die Waffen, heißt das übersetzt. Bisschen fatal,
       wenn ich so drüber nachdenke“, zweifelt sie. „Nee, passt schon. Das ist gut
       so“, räumt ihre Sitznachbarin die Sorgen ab. Dass der Schriftzug nicht
       mittig sitzt, ist egal.
       
       Zurück bei den beiden Freundinnen wird der lange Scham-Satz schließlich
       aufs nächste Proteststicken verschoben. Girls don’t need to smile soll es
       heute werden. Das sei besser als Anfängerin. Nur die Frage nach der Farbe
       ist noch offen: Lila, Hellblau, Farbverlauf oder doch ein knalliges Orange?
       
       Zwischendurch wird es ruhig. Nur ein dumpfes „Plopp“ ist zu hören, wenn
       Nadeln durch den Stoff stechen. Dann folgen wieder mehrere Gespräche
       gleichzeitig, über die Uni, Rugbytraining und den Sohn zu Hause.
       
       Die Stickanfängerin ist mit ihrem ersten Buchstaben fertig. Sie hält den
       Rahmen mit ausgestreckten Armen vor sich. Zufrieden schaut sie auf das G.
       Im Sticken habe sie ab heute ein neues Hobby gefunden. „Das Tolle ist, dass
       du nur das machen kannst. Du hast keine Kapazitäten für Orga-Gedanken oder
       Sorgen. Du bist wirklich nur im Moment“, sagt sie. „Und befreit“, ergänzt
       ihre Freundin.
       
       ## Diesmal was Kürzeres
       
       Ein Mann sitzt mit am Tisch, es ist Luisas Bruder. Umrahmt von Freundinnen
       stickt er ein dunkelrotes 161, für die Anfangsbuchstaben der Antifa. Beim
       letzten Mal stickte er Gegen Nazis, immer und überall. Zumindest fast: „Das
       ‚überall‘ habe ich nicht mehr geschafft, weil ich so crashout gegangen
       bin.“ Dieses Mal wollte er was Kürzeres machen. Es klappt, die drei Ziffern
       sind fertig. „Ich habe mich so konzentriert, meine Ohren sind schon ganz
       warm.“
       
       Am Ende holt die St.Pauli-Stickerin ihr Handy aus der Tasche, macht ein
       Foto und verschickt es an: ihre Oma. Die habe früher auch gestickt. „Aber
       sie würde einen Ausraster bekommen, wenn sie sehen würde, was ich hier
       verzapft habe“, sagt sie und zeigt auf den großen Knoten aus Restgarnen auf
       der Rückseite.
       
       14 May 2026
       
       ## LINKS
       
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