# taz.de -- Theaterfestival in Kyjiw: Ihre Normalität ist eine andere
> Beim KI Fest in Kyjiw war der Krieg vorherrschendes Thema. Raum fand sich
> auf dem Theaterfestival aber auch für Humor und Ausgelassenheit.
(IMG) Bild: Kritische Fragen an eine durch den Krieg verengte Gesellschaft: Tamara Trunovas Eröffnungsperformance „Confronting the Shadow“
Kyjiw lebt. Vor allem die Jugend umarmt den Tag und die Nacht, als gäbe es
kein Morgen. Freilich nur bis zur Sperrstunde um Mitternacht. Ein Magnet
ist das Areal der früheren staatlichen Destillerie Nr. 2 im Szenebezirk
Podil. Künstlerateliers gibt es hier. Klubs wie Abo und Brukxt lassen
[1][mit elektronischer Musik], die wie ein Echo der industriellen
Vergangenheit wirkt, die Körper zucken. Eines der pittoresk maroden
Ziegelsteingebäude auf dem Gelände war auch Spielort des am Sonntag zu Ende
gegangenen KI Fests, des ersten zeitgenössischen Theaterfestivals in der
ukrainischen Hauptstadt [2][seit Beginn des Angriffskriegs].
Kuratorin Kristina Kristelovaite sieht ihr Festival als Instrument, der
Welt zu zeigen, was das heutige Kyjiw ausmache. „Viele Leute im Ausland
denken, dass hier nur Krieg ist und wir [3][Theater bestenfalls in
Schutzräumen] zeigen. Aber das stimmt nicht. Die Stadt ist vital, mit all
den Klubs und Restaurants, den Parks und den Theatern“, sagt sie der taz.
Und wer dem Ruf der 26-jährigen Kuratorin und Schauspielerin folgte, sah
ihre Aussage bestätigt.
Ein Eskapismus-Projekt ist das KI Fest aber gewiss nicht. In den meisten
Programmpunkten war der Krieg vorherrschendes Thema. Die Kunsthistorikerin,
Regisseurin und Performerin Olena Apchel etwa, die derzeit Dienst leistet
in einer Aufklärungseinheit der ukrainischen Armee, berichtete in ihrer
Lecture Performance von mentalen und sozialen Transformationen.
„Trauma reduziert Komplexität. Die Belastungen des Krieges führen zu
binären Vereinfachungen wie Freund/Feind, gut/schlecht, effektiv/unnütz“,
beobachtete sie. Für mehr reiche die Kapazität nicht. Unterhalb dieser
vereinfachenden Oberfläche gäre das aber doch, teilte sie ebenfalls mit:
„Wir wissen alle, wogegen wir kämpfen. Aber jeder, der kämpft, kämpft für
eine andere Vorstellung einer künftigen Ukraine.“
## Die Gesellschaft von morgen
Um genau solche Debatten geht es Festivalmacherin Kristelovaite. „Theater
von heute muss die Gesellschaft von morgen zeigen“, zitierte sie einen
Ausspruch des ukrainischen Avantgardekünstlers Les Kurbas, der vor knapp 90
Jahren Stalins Terror zum Opfer fiel.
Und tatsächlich schien dieses Morgen schon am Eröffnungsabend auf. Die
Produktion [4][„Confronting the Shadows“ von Tamara Trunova] – im
vergangenen Jahr bei den Berliner Festspielen uraufgeführt, für das Kyjiwer
Heimspiel aber noch einmal angeschärft – stellte kritische Fragen an die
durch den Krieg auch verengte Gesellschaft. In autobiografischen Monologen
ging es etwa um die verlorene Zukunft von Soldatenfrauen. Aber auch
sexuelle Missbrauchspraktiken im Theaterbetrieb und das jahrzehntelange
Schweigen darüber wurden thematisiert – und Widerstand dagegen im
machtvollen Chor „Resist Sister“ initiiert.
Höhepunkt des Festivals aber war „Eneida“ von einem Ensemble aus männlichen
und weiblichen Kriegsveteranen. Menschen, denen Beine und Arme fehlen,
einer, der mit einem gesunden und einem schwer lädierten Auge wie ein
Zyklop aus der Mythologie anmutete, ein weiterer, dem Verbrennungen die
Nase aus dem Gesicht gerissen haben: Sie alle eroberten die Bühne.
Eingebettet in die Geschichte vom trojanischen Kriegsüberlebenden Aeneas
schilderten sie, wie sie ihre Gliedmaßen verloren.
## Verblüffender schwarzer Humor
Ihre Interventionen waren trotz aller tränentreibenden Tragik von
verblüffendem schwarzen Humor. Manch Auge im Publikum wusste nicht, ob es
vor Weinen oder Lachen feucht wurde. Yehor Babenko, der Mann mit dem
verbrannten Gesicht, hat auch alle Finger verloren. Seine Handstummel
vorzeigend, behauptete er forsch, jetzt könne er den Zaubertrick mit dem
verschwundenen Finger sogar mit allen zehn zugleich machen. Er warb für das
Subgenre Stand Up Comedy von Veteranen. Regisseurin Olga Semeshkina
bestätigte der taz im Anschluss, dass sie genau so etwas in Zukunft plane.
Mit dem Veteranentheater kehrt unversehens die von Apchel noch vermisste
Komplexität zurück: Die Kriegsteilnehmer auf der Bühne lassen sich nicht
marginalisieren. Sie fordern Normalität ein, selbst wenn ihre Normalität
eine etwas andere ist, etwa mit „Schmerz als meinem ständigem Begleiter“,
wie ein Kollege Babenkos anmerkte. Am Ende tanzten sie zu ukrainischen
Folklore-Rhythmen – und wirken dabei so ausgelassen wie die ravende Jugend
in den Klubs auf dem Destillerie-Gelände.
Kyjiw lebt, und nicht nur Kyjiw: Die Mitglieder des Veteranentheaters
kommen aus allen Ecken des Landes. [5][Ihre Geschichten] wollen sie gern
auch auf westeuropäischen Bühnen erzählen.
11 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Tom Mustroph
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