# taz.de -- Theaterfestival Radikal Jung in München: Geht’s noch radikaler?
       
       > Zwischen Klassikern und kollektivem Rausch: In München zeigt das Festival
       > Radikal Jung neue Regieentwürfe. Was fehlt, ist die Schärfe.
       
 (IMG) Bild: Hört man Regisseur Mikheil Charkviani zu, fragt man sich, ob es Sophokles’ Vorlage für seine „Antigone“ überhaupt gebraucht hätte
       
       Radikal jung sein ist gar nicht so einfach. Die Zeiten, in denen nackte
       Haut oder 4 Minuten 33 Sekunden Stille Provokation hervorriefen, sind
       überlebt. Die alten Schocker schocken nicht mehr. Was also ist gemeint,
       wenn wir heute von radikalen Ästhetiken und Erzählweisen auf der Bühne
       sprechen? Kann junges Theater den Vorwürfen des Elitarismus, der
       Unzugänglichkeit und der Selbstbeweihräucherung standhalten?
       
       Die vereinfachte Antwort lautet: Ja, aber an manchmal fehlt die Schärfe.
       Die ausführlichere Antwort liefert ein Besuch auf dem [1][Radikal Jung
       Festival], das mit ausschließlich jungen Regie-Handschriften seine 20.
       Ausgabe am Münchner Volkstheater feierte. Der Blick ins Programm verspricht
       ein Potpourri der Formen: von klassischem Sprechtheater über
       zeitgenössische Oper bis hin zu Konzept- und Tanzperformances.
       
       Vertreten sind sowohl große Häuser, wie etwa das [2][Berliner Maxim Gorki
       Theater] mit „Die Allerletzten“ oder das Volkstheater selbst mit einer
       Eigenproduktion von „Die Nashörner“, als auch kleinere Bühnen und
       Kollektive. Insgesamt 12 Stücke hat die fünfköpfige Jury ausgewählt. Was
       verwundert, ist die Dichte an Romanadaptionen und alten Stoffen, während
       Gegenwartsdramatik ausbleibt. So eröffnet das Festival auf der großen Bühne
       mit „Antigone“, einem Klassiker der griechischen Antike.
       
       ## Antigones feministischer Widerstand
       
       In einer Fassung von Roland Schimmelpfennig interpretiert der georgische
       Regisseur Mikheil Charkviani die mythologische Geschichte von Antigone als
       feministischen Akt des Widerstands. Als das Theater Wiesbaden Charkviani
       das Stück anbot, protestierte dieser gerade auf den Straßen von Tiflis
       gegen das Regime. Antigones moralischen Einsatz für den toten Bruder
       schneidet die Inszenierung mit politischen Protesten der Jetztzeit gegen;
       die gewaltsame Bestrafung durch den Patriarchen Kreon mit autoritärer
       Unterdrückung und Polizeigewalt.
       
       Ein vielversprechender Ansatz, der leider ins allzu Bekannte abrutscht,
       wenn Kreon im Camouflage-Anzug, gespielt von Martin Plass, dem Publikum
       seinen Zorn entgegenbrüllt. Die eigentlich interessantere Erzählung über
       weiblichen Widerstand in Georgien findet weniger prominent auf einem
       schmalen Filmbanner über der Bühne statt und bleibt ab der Hälfte des
       Stücks schwarz.
       
       Später sitzt man dicht gedrängt zwischen angehauchten Weißweingläsern im
       Festivalzelt, die Luft ist stickig, die Stimmung trotz des verhaltenen
       Beifalls beim Eröffnungsabend gelöst. Hört man Regisseur Charkviani im
       Publikumsgespräch zu, fragt man sich, ob es Sophokles’ Vorlage für seine
       „Antigone“ überhaupt gebraucht hätte. Denn das brennende, womöglich
       radikalere Thema des Abends ist die politische Lage in Georgien. Bizarr
       wird es, als draußen plötzlich die Feuerwerkskörper des Frühlingsfestes
       über der Theresienwiese den Nachthimmel zersprengen: „In den dunkelsten
       Nächten hörten wir die Bomben einschlagen. Das hatte nichts zu tun mit
       Feuerwerken“, reagiert Charkviani auf diesen ihn zu verstören scheinenden
       Zufall.
       
       ## Neugier und Unbehagen
       
       Wie wenig es braucht, um radikal zu überraschen, zeigt zwei Tage später
       eine interaktive Performance der Group Crisis, einem jungen
       Tanztheaterkollektiv aus Marseille. Zwischen Neugier und Unbehagen steht
       man zu Beginn als Gruppe im Innenhof des Volkstheaters. Plötzlich rennen
       zwei Gestalten um die Ecke. Eine Aufforderung? Erst zögerlich, dann
       begeistert beginnt man ihnen zu folgen.
       
       „Unruhe“ heißt diese Stückentwicklung ohne Text, die in Erinnerung bleibt.
       Ohne zu sprechen, gelingt es den Performer:innen, die Menge in Bewegung zu
       setzen. Mal im Gleichschritt mal im Kreis, findet man sich tanzend und
       stampfend auf der Bühne wieder.
       
       In Anlehnung an die Veitstanz-Epidemie, bei der im Mittelalter ganze Städte
       in tranceartige Tänze verfallen sein sollen, macht die Performance ihr
       Publikum zu Teilnehmer:innen an einem ebenso verstörenden wie
       faszinierenden Sozialexperiment. Zwischen euphorischem Gruppenrausch und
       ideologisch vereinnahmter Grenzüberschreitung liegen hier nur wenige
       Tanzschritte. Beginnend als großer kollektiver Abend, dem tatsächlich etwas
       Subversives, Unbekanntes, Irritierendes innewohnt, kapselt sich die
       Performance dann irgendwann mit abgedroschenen Voodoo-Phantasien und
       Sexorgien im Ascheregen ab, bei denen das Publikum glücklicherweise außen
       vor bleibt.
       
       Zurück im Innenhof klopft man sich später gegenseitig den Staub von der
       Kleidung, verweilt bei einem Getränk noch etwas in Gemeinsamkeit.
       Vielleicht ist es genau das, was dieses Festival radikal jung macht:
       unbeugsam gegen die Vereinzelung anzuhalten.
       
       4 May 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ella Rendtorff
       
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