# taz.de -- Performance für Rollstühle und andere: Rasende Interaktion
       
       > Bei der „Wheelie Show“ fahren Menschen im Rollstuhl und auf Rollschuhen
       > gemeinsam über die Bühne. Eine Performance, die man so noch nicht gesehen
       > hat.
       
 (IMG) Bild: Ruhige und hektische, künstlerische und unterhaltsame Momente geschickt aneinandergereiht: die Performance „The Wheelie Show“
       
       Gelbe Scheinwerfer tauchen die Bühne in sonniges Licht, da schießt der
       schrille Ton einer Trillerpfeife durch den Saal: Anpfiff für die Wheelie
       Show. Zunächst rollt allerdings nur [1][ein einzelner Rollschuh] zwischen
       den Vorhängen hervor und bleibt mitten im Raum stehen. Ein Fahrradreifen
       versucht es ihm gleichzutun, schafft es jedoch nicht ganz und bleibt wenige
       Meter neben dem Bühneneingang liegen.
       
       Immer mehr Gegenstände fahren, fliegen und rollen nun auf die Bühne: ein
       Rollstuhl, ein metallener Koffer und ein Longboard. Ein kleines
       ferngesteuertes Auto dreht eine halbe Ewigkeit lang seine Runden. Als die
       Bühne einem unaufgeräumten Kinderzimmer ähnelt, gleitet die erste Tänzerin
       auf Rollschuhen in den Saal.
       
       Die Wheelie Show ist eine „Mixed-abled“-Performance für Tänzer:innen mit
       und ohne Behinderung. Die Hälfte der sechs Mitwirkenden bewegt sich auf
       Rollschuhen über die Bühne, die andere in Rollstühlen. Zurück geht der
       Abend auf eine Idee der Choreografin Eng Kai Er und ihrer Kollegin Jana
       Mahn: Im vergangenen Sommer hatten die beiden mit dem Projekt „Rolling Good
       Times“ einen Tanzkurs für Rollstuhltänzer:innen und
       Rollschuhfahrer:innen angeboten. Und das im öffentlichen Raum, auf der
       Rollschuhbahn im Hamburger Park [2][Planten un Blomen]. Ihnen seien keine
       anderen Projekte mit dieser künstlerischen Kombination bekannt, erzählen
       sie.
       
       Schaut man die Wheelie Show, kann man das kaum glauben – so perfekt
       interagieren die Teilnehmenden. Und so perfekt passen auch die beiden Arten
       des Rollens zueinander. Immer wieder sind Duette eingeflochten, so grazil
       in ihrer Ausführung, dass sie fast an Eiskunstlauf erinnern. Inklusive
       innovativer Hebefiguren, bei denen die Rollschuhfahrerin bei voller Fahrt
       mit auf dem Rollstuhl balanciert, und die Aufmerksamkeit des Publikums ganz
       auf dem Tänzer:innen-Paar liegt.
       
       In anderen Momenten wieder weiß man gar nicht, wohin man zuerst schauen
       soll, denn in jeder Ecke der Bühne passiert etwas anderes. Hier geht eine
       Tänzerin neben ihrem Rollstuhl in den Spagat über, dort werfen sich zwei
       andere glitzernde Pompons zu, und rundherum rast in atemberaubender
       Geschwindigkeit eine Skaterin. Der Name ist bei der Wheelie Show Programm:
       Koffer, Tretroller, Skateboards – alles, was Räder hat, wird in den
       unterschiedlichsten Konstellationen über die Bühne bewegt.
       
       ## Pompons zu Boxhandschuhen
       
       Dabei verfolgt das Stück eine Dramaturgie, die ruhige und hektische,
       künstlerische und unterhaltsame Momente geschickt aneinanderreiht. Die
       Performance bekommt dadurch den Charakter einer Varietéshow. Sie ist
       durchzogen von Anspielungen auf diverse Sportarten: Mit einem Besen und
       Rollschuhen wird Eishockey gemimt. Nach etwas augenscheinlich vom
       Cheerleading Inspiriertem werden Pompons als Boxhandschuhe zweckentfremdet.
       Am offensichtlichsten ist jedoch der Bezug zum Rennsport.
       
       Zwar weiß das Programmheft, die Kostüme seien [3][vom Radsport inspiriert].
       Mit ihrem Karomuster und den Sponsorenaufdrucken erinnern die bunten
       Overalls der Tänzer:innen jedoch mindestens so sehr an Motocross und
       Formel 1. Sie greifen damit das Hauptthema der Performance auf:
       Geschwindigkeit. Die behandeln die Tänzer:innen nicht nur im wörtlichen
       Sinne, vorbeirauschend auf ihren Rädern. Die Performance setzt sich auch
       mit Fragen des Tempos im Alltag auseinander.
       
       ## Problem Beschleunigung
       
       Wann kommen wir in unserer scheinbar immer schneller sich drehenden Welt
       noch wirklich zur Ruhe? Wo dürfen wir langsam sein? Suchen wir uns diese
       Momente aktiv selbst – oder suchen sie uns heim? Zum Beispiel, wenn die
       Welt nach einem Schicksalsschlag kurz stillsteht? Die Tänzer:innen
       kommen zu unterschiedlichen Antworten auf diese Fragen. Wer sie hören
       möchte, muss schon vor Beginn der Vorstellung die Ohren spitzen: Während
       das Publikum eingelassen wird, spielen die Boxen Textschnipsel, in denen
       die Tänzer:innen selbst versuchen diese Tempo-Fragen zu beantworten.
       
       Richtig Form angenommen hat das Stück erst während eines halben Jahres
       Probenarbeit. „Wir haben dabei auch einfach ganz viel Quatsch gemacht“,
       sagt Jonah Onnen, ein:e der Tänzer:innen. „Wir haben unsere schlechten
       Ideen geteilt, wodurch dann manchmal gute Ideen entstanden sind.“ Was soll
       das Publikum aus ihrer Performance mitnehmen? Geht es nach Onnen, dann vor
       allem Spaß und „vielleicht ein bisschen weniger Vorurteile“.
       
       7 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Rollschuhtaenzerin-ueber-Sport/!6150722
 (DIR) [2] /Zeit-Stiftung-stiftet-Unfrieden/!5995002
 (DIR) [3] /Radsport/!t5017405
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jannik Hiddeßen
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Performance
 (DIR) Hamburg
 (DIR) Leben mit Behinderung
 (DIR) Kampnagel
 (DIR) Skateboard
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Tanz
 (DIR) Theater
 (DIR) Behindertensport
 (DIR) Theater
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Graphic Novel als Theaterstück: Pausenlos mit dem eigenen Blick beschäftigt
       
       Mit dem Jungen Staatstheater Wiesbaden bringt Mia Constantine Liv
       Strömquists „Im Spiegelsaal“ auf die Bühne. Das Stück läuft bei den
       Internationalen Maifestspielen.
       
 (DIR) Rollstuhlskaten: Wheelie mit dem Rolli
       
       Levi Klußmann ist Rollstuhlskater, er stürzt sich mit seinem Fahrgerät in
       die Halfpipe. Durch den Sport wird auch sein Alltag einfacher.
       
 (DIR) Choreographie inklusiv: Augen zu beim Tanz!
       
       Die mixed-abled Tanz-Compagnie „Chorosom“ sieht alle Perspektiven als
       gleichberechtigt an. Ihr Stück „BarriereArm“ wird in Itzehoe uraufgeführt.
       
 (DIR) Integrativer Tanz: Wieder ein Tabu weniger
       
       Als vorerst letzte Kunstsparte öffnet sich langsam auch der Tanz
       behinderten Akteuren. Die Qualitäten und Probleme dieses "Dancing with
       Differences" waren bei der Erstausgabe des integrativen Tanzfestivals
       "eigenARTig" in Bremen zu erleben.