# taz.de -- Erfahrungen palästinensischer Schüler: „Nein, es gibt kein Palästina!“
> Der Nahostkonflikt werde an ihrer Schule einseitig behandelt, weil Lehrer
> einer Seite zuneigten, sagen Schülerinnen. Ein Verein vermittelt bei
> Konflikten.
(IMG) Bild: Junge Teilnehmer auf einer Pro-Palästina-Demo in der Oranienstraße
Der Nahostkonflikt ist in Berlin eigentlich nie weit weg. Zum einen auf den
Straßen: Im vergangenen Jahr gab es 865 Demonstrationen zum Thema – also
jeden Tag zwei bis drei. Aber auch Schulen sind beständige Austragungsorte
des „sekundären Nahostkonflikts“, wie Pädagog*innen den hiesigen
Konflikt um den Konflikt bezeichnen. So erleben jüdische Kinder und
Jugendliche nicht erst seit dem 7. Oktober 2023 antisemitische Anfeindungen
durch Mitschüler:innen. Aber auch junge Menschen aus palästinensischen
Familien leiden unter Missachtung und Diskriminierung – oftmals durch
Lehrkräfte.
[1][Der Verein „4Neukölln+Berlin“], der palästinensische Communitys stärken
will, hat sich des Themas angenommen. Die taz trifft einen der Initiatoren,
Basem Said, in einem Café in der Herrmannstraße. Er hat zwei Schülerinnen
mitgebracht. Sie sind, nach intensiver Überzeugungsarbeit, bereit, von
ihren Erfahrungen in der Schule zu sprechen. Nadia und Yasemin (ihre echten
Namen sollen nicht in der Zeitung stehen) besuchen die 10. Klasse eines
Neuköllner Gymnasiums. Sie wirken zurückhaltend, aber sicher und
erwartungsvoll.
„Schulen sind oft neutral bis negativ zum Thema Israel und Palästina,
manchmal gibt es rassistische Vorfälle“, kommt Nadia gleich zur Sache. „Wir
hatten das mal als Thema, und da meinte die Lehrerin zu mir: ‚Palästina hat
nie existiert!‘ Sie weiß genau, dass ich Palästinenserin bin.“ Als
eigentliche Message versteht Nadia: „Palästina wird es nie geben!“ Die
anderen Mitschüler*innen, wenige Palästinenser*innen darunter, hätten
geschwiegen.
Nadia hat sich nach dem Vorfall an Said gewandt und den Rat erhalten, in
solchen Situationen respektvoll zu bleiben und keine Eskalation zu suchen.
Dies sei eigentlich aber die Aufgabe der Lehrerin, sind sich alle einig.
„Ich ermutige die Schüler*innen dazu, zu widersprechen, wenn sie
ungerecht behandelt werden, und sich Unterstützung zu suchen“, ergänzt
Said.
Polarisierungen entgegenwirken
Unterstützung bei Diskriminierung an Schulen ist ein Schwerpunkt der
Vereinstätigkeiten. Said und seine Mitstreiter*innen unterstützen
ehrenamtlich junge Menschen, ihre Familien und Schulen bei der Bewältigung
solcher Probleme. Durch die eigene Zugehörigkeit „zur marginalisierten
Community“ werde den Familien Vertrauen geschenkt. „Wir übersetzen nicht
nur die Sprache, sondern auch Erwartungen“, sagt Said und konkretisiert:
„Wir unterstützen die Eltern und erinnern die Schulen an ihre Pflichten.“
Auch Yasemin hat Erfahrungen mit Lehrern, die sagen, „dass es Palästina
niemals gab, das ist kein Land, das ist kein Staat. Und uns auch
brainwashen wollen“. Ein Problem sieht sie darin, dass andere
Schüler*innen eher den Lehrkräften glauben würden. Sie wisse von einem
Jungen, der einmal widersprochen und gesagt habe, dass Palästina sehr wohl
existiere. „Da hat die Lehrerin ihn angeschrien: ‚Nein, es gibt kein
Palästina!‘“, erinnert sich Yasemin und setzt hinzu: „Die Lehrer sollten
eigentlich ruhig damit umgehen. Aber sie zeigen einem, dass sie selbst kein
Benehmen haben bei dem Thema.“
Aber nicht der Ton sei das Problem, sagt Said, sondern die grundsätzliche
Negation einer palästinensischen, nationalen Identität. Tatsächlich ist es
Aufgabe politischer Bildung, den Status des 1988 ausgerufenen
Nationalstaates, dem bisher die Anerkennung etwa durch die USA, Israel oder
auch Deutschland fehlt, sachlich zu erörtern und eine eigenständige
Urteilsbildung zu fördern. Yasemin kennt jedoch auch positive Erfahrungen:
„Wir hatten mal einen anderen Lehrer, dem war das Thema nicht egal, aber er
war nicht auf einer Seite. Wir haben uns sehr gut unterhalten. Er hat
gefragt: Wie ist das bei euch, was ist eure Meinung? Das war sehr korrekt.“
Fehlende Kontroversität
Aber solche Haltungen seien selten und mit der Zeit führe das zu Rückzug,
sagt Yasemin: „Das ist immer wieder Thema. Aber wenn die Lehrer nicht
unsere Meinung hören wollen, uns keine Aufmerksamkeit schenken, und immer
einseitig sind, dann sagen wir auch nichts mehr dazu.“
Nadia ergänzt: „Sie sprechen immer nur über das Leid der Israelis. Das ist
klar, aber halt nur.“ Palästinenser*innen würden nur negativ
dargestellt. Quelle sei meist die „Tagesschau“, „aber das ist auch
einseitig“, findet Nadia, es gehe nie um Hintergründe. Jüdische oder
israelische Jugendliche seien nicht in ihren Klassen, trotz der vielen
Israelis in Neukölln. Es wäre aber „natürlich interessant, sich
auszutauschen“, finden die beiden Mädchen.
Diskussionen und kontroversen Austausch gebe es jedoch kaum, beklagen sie.
„Ein Freund von mir hatte ein palästinensisches Armband. Eine Lehrerin hat
es einfach weggerissen und in den Müll geschmissen, vor seinen Augen“,
berichtet Nadia.
Yasemin fällt ein, dass es einmal um ein Krankenhaus ging, das bombardiert
worden sei mit der Begründung, die Hamas unterhalte dort ein Quartier:
„Aber auch wenn da Hamasmitglieder drin sind, hat man einfach nicht das
Recht, andere Menschen zu töten. Das sind Menschen. Außerdem weiß man das
nicht, vielleicht ist das eine Ausrede.“ Insgesamt seien Lehrer*innen
„auf ihre eigene Perspektive fokussiert und wollen andere nicht mehr
wahrnehmen“. Oder sie haben „Angst, etwas pro Palästina zu sagen“, vermutet
sie.
Außerschulische Einflussnahme
Said hat in vielen ähnlichen Situationen Jugendliche und ihre Familien
beraten, etwa wenn Schüler*innen ihre Kette mit Palästinaanhänger
ablegen oder ihren Pullover in den palästinensischen Farben ausziehen
mussten. Eine pädagogische Auseinandersetzung erfolge in solchen Fällen
nicht. „So kommen Lernprozesse gar nicht erst in Gang. Wir müssen die
einzelnen betrachten, miteinander reden und Geduld investieren“, ist er
überzeugt. Nur wenige seien in der Lage, die Ansprüche beider Seiten
anzuerkennen.
Ein Ereignis war „für uns als Community skandalös“, erinnert Said: „Es gab
eine [2][Broschüre 'Mythos 1948]', in der eiskalt die palästinensische
Geschichte geleugnet wird, die an Schulen verteilt wurde.“
Es handelt sich um die Broschüre „Mythos#Israel1948“, die der Verein
Masiyot im Sommer 2023 veröffentlichte. Sie war nicht für Schulen
konzipiert, dennoch wollte die Neuköllner CDU sie dort einsetzen. Andere
kritisierten, die Broschüre spiele die Bedeutung von Vertreibungen der
Palästinenser*innen herunter. „Und das sollen unsere Kinder lernen“,
fährt Said fort: „Das hat viel Wut erzeugt und es gab Protest. Das war ein
politisches Zeichen.“ Ironischerweise wollte Masiyot ursprünglich einseitig
israelfeindlichen Darstellungen der Staatsgründung entgegenwirken.
Die Vorstellungen der Mädchen von einem guten Umgang sind einfach: „Dass
die Lehrer das ruhig angehen, nicht aggressiv“, sagt Nadia. „Es blamiert
einen ja, wenn man was sagt und dann so hart reagiert wird. Man schämt
sich. Und dass man keine Angst haben muss, schlechte Noten zu bekommen.“
Nur so könne man andere Denkweisen kennenlernen. „Man fühlt sich auch wohl,
wenn die Lehrer das ruhig angehen. Man ist dann bereit und offen, über
diese Themen zu sprechen. Unterricht macht mehr Spaß“, fügt Yasemin hinzu.
Beide wollen Abitur machen, studieren. Vielleicht Jura, die Mädchen sind
beeindruckt von der Arbeit von Rechtsanwält*innen. Deren Einsatz für
Gerechtigkeit auch in der Schule haben sie gezwungenermaßen kennengelernt.
19 Mar 2026
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(DIR) Rosa Fava
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Wogen.