# taz.de -- Hamburger Justizbeamter kandidiert: Der U-Haft-Chef von der AfD
> Ein Abteilungsleiter der Hamburger Untersuchungshaft ist
> AfD-Spitzenkandidat in Apensen bei Stade. Die Justizbehörde sieht noch
> keinen Handlungsbedarf.
(IMG) Bild: Gleiches Recht für alle Gefangenen? Imnder Untersuchungshaftanstalt am Holstenglacis waren daran zeitweise Zweifel aufgekommen
Man könnte es für eine Lokalposse halten: In der Samtgemeinde Apensen im
Landkreis Stade tritt Tomáš Jan Gold als Spitzenkandidat für die AfD zur
Kommunalwahl am 13. September an. Dabei war der 61-Jährige dort lange für
die CDU aktiv, etwa als ehrenamtlicher Bürgermeister der Gemeinde Beckdorf.
Wichtiger als sein politischer Farbenwechsel ist allerdings sein
Hauptberuf: Gold ist langjähriger Beamter im Hamburger Justizdienst, leitet
eine Abteilung im Untersuchungsgefängnis am Holstenglacis.
Nun stellt sich die Frage, inwieweit diese Tätigkeit mit seinem
parteipolitischen Engagement vereinbar ist. Für ihn gilt das sogenannte
Mäßigungsgebot, das sich aus der besonderen Treuepflicht von Beamten
gegenüber dem Staat ableitet. Grob gesagt, genügt es nicht, dass Beamte den
Staat und seine Grundordnung irgendwie hinnehmen, sondern sie müssen „sich
durch ihr gesamtes Verhalten zu der freiheitlichen demokratischen
Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes bekennen und für deren Erhaltung
eintreten“, wie es [1][im Beamtenstatusgesetz heißt].
Nun ist aber die niedersächsische AfD vom dortigen Verfassungsschutz als
„gesichert rechtsextrem“ eingestuft worden, unabhängig von der Einstufung
der Bundespartei. Und der Kreisverband Stade, dem Gold angehört, tritt
besonders radikal auf. Auf seiner Website präsentiert er sein Maskottchen:
einen Dackel mit dem altgermanischen, in der Neonaziszene beliebten Namen
„Odin“.
Handfester wird es bei der Liste der „Medien“, die der Kreisverband
empfiehlt und verlinkt: Da ist die parteinahe Boulevard-Postille
Deutschland-Kurier schon das am wenigsten radikale. Neben einer Reihe
verirrter Blogger stehen dort die neurechte Wochenzeitung Junge Freiheit,
die rechtspopulistische Website Journalistenwatch, der rechtsextreme
Web-TV-Sender Auf1 aus Österreich und das Coronaleugner-Webradio
Kontrafunk.
## AfD-Kandidatur könnte gegen Mäßigungsverbot verstoßen
Und Jan Gold ist ein exponierter Vertreter dieses AfD-Kreisverbands. Er
tritt nicht nur an der Spitze einer 13-köpfigen Liste für die
Samtgemeindevertretung an, sondern kandidiert auch für den Kreistag. Das
könnte, anders als die einfache Mitgliedschaft in der Partei, bereits einen
Verstoß gegen das Mäßigungsgebot begründen. Das gilt nämlich nicht nur in
der beruflichen Sphäre, sondern auch im Privaten.
Golds Arbeitgeber, die Hamburger Justizbehörde unter Führung der grünen
Senatorin Anna Gallina, ist bemüht, den Ball flach zu halten, bestätigt
lediglich, dass es sich „um einen Beschäftigten der FHH handelt“, also der
Freien und Hansestadt Hamburg. Ansonsten verweist man auf den
Personaldatenschutz.
Disziplinarisch ist die Behörde bislang offenbar nicht wegen seines
politischen Engagements gegen ihren Mitarbeiter vorgegangen.
Behördensprecher Dennis Sulzmann verweist auf eine Erklärung des
niedersächsischen Landesamts für Verfassungsschutz [2][im Eilverfahren,
das] [3][die AfD gegen ihre Einstufung als rechtsextrem angestrengt hat].
Danach wird der Dienst bis zu einer Entscheidung den Landesverband zwar
weiterhin beobachten, ihn jedoch so lange lediglich „wie einen
Verdachtsfall“ behandeln. „Dies ist auch bei der disziplinarischen
Beurteilung von Einzelfällen zu berücksichtigen“, schreibt Sulzmann.
Sprich: So lange hätte die Hamburger Justizbehörde eine eher schwache
Rechtsgrundlage für etwaige disziplinarische Schritte.
Sulzmann fügt hinzu: „Generell gilt: Der Hamburger Justizvollzug und die
Behörde für Justiz und Verbraucherschutz stehen für Vielfalt, Toleranz und
demokratische Grundwerte. Extremistisches Gedankengut lehnen wir
entschieden ab.“ Zwar gehöre zu den verfassungsmäßigen Rechten auch die
grundrechtlich geschützte Meinungsfreiheit sowie die Freiheit, sich
politisch zu betätigen. „Allerdings erwarten wir, dass sich alle
Mitarbeitenden an unsere Werte und unsere Arbeitskultur halten.“
Schöne Worte, die mit der Wirklichkeit im Untersuchungsgefängnis kaum
überein zu bringen sind. In den vergangenen Jahren ist es dort mehrfach zu
schweren Misshandlungen von Insassen durch das Wachpersonal gekommen. In
Strafverfahren beklagten die Opfer unter anderem rassistisch motivierte
Gewalt.
Der rot-grüne Senat sah sich deswegen genötigt, zuzusichern, dass die
Dienstvorschrift des Justizvollzugs überarbeitet werde. Darin sollte
„ausdrücklich klargestellt“ werden, dass das Verhalten der Bediensteten
nicht zu diskriminierenden Behandlungen wegen rassistischer oder
kulturchauvinistischer Zuschreibungen führen darf.
Durch eine Anfrage der Linksfraktion in der Bürgerschaft sind 2024
[4][mehrere gewalttätige Übergriffe aktenkundig geworden], bei denen
Wachpersonal Gefangene rassistisch beleidigt und misshandelt haben sollen.
Tatort zweier Vorfälle, im November 2022 und Januar 2023, war das
seinerzeit unter Gefangenen berüchtigte „Haus A“ der
Untersuchungshaftanstalt am Holstenglacis. Langjähriger Abteilungsleiter
damals: Jan Gold.
Golds Aufgabe als Vorgesetzter wäre es, solchem Verhalten von
Vollzugsbeamten energisch entgegenzutreten. Ob er das tut, ist nicht
bekannt. Die Leitung von Haus A musste er jedoch 2023 abgeben. Er ist aber
weiterhin als Abteilungsleiter in einer Position, in der er fast absolute
Macht über Gefangene hat, über deren Schuld noch nicht befunden wurde. Und
die seine völkische Partei lieber heute als morgen aus dem Land werfen
möchte.
Denn gerade in der Untersuchungshaft ist der Anteil von ausländischen
Gefangenen besonders hoch, [5][in Hamburg zuletzt bei fast 70 Prozent].
Nicht, weil sie so viel krimineller wären als Deutsche, wie die AfD gern
Glauben machen will. Sondern weil gegen Ausländer häufiger
Untersuchungshaft verhängt wird; sei es, weil Haftrichter die Gefahr der
Flucht ins Heimatland sehen oder weil ausländische Beschuldigte anwaltlich
oft schlechter vertreten sind als Deutsche.
## Drogendealer begünstigt
Darauf, dass Gold persönlich ausländische Gefangene benachteiligt hätte,
gibt es keine Hinweise. Aus seiner Amtsführung ist nur eine skurrile
Geschichte bekannt geworden, aus der man fast das Gegenteil ableiten
könnte, zeugt sie doch von außerordentlicher Milde: In Golds neuer
Abteilung HH2 hatte ein türkischer Drogenboss fast eine Tonne Lebensmittel
und Konsumartikel gehortet – vermutlich mehr, als er selbst bei voller
Verbüßung seiner fast 14-jährigen Haftstrafe hätte verbrauchen können.
Schwer vorstellbar, dass das dem Wachpersonal nicht aufgefallen ist.
Als der Mann nach dem Urteil seine Strafhaft in der JVA Bremen-Oslebshausen
antreten sollte, wollte er mit seiner gesamten Habe umziehen, wie das
Juristen-Portal [6][Legal Tribune Online berichtete]. Die Bremer erlaubten
das nicht, auch weil sie befürchteten, er wolle im Gefängnis Handel mit der
Ware treiben. Öffentlich wurde die Geschichte, weil der wegen
Rauschgifthandels im großen Stil verurteilte Mann klagte und schließlich
[7][vor dem Oberlandesgericht Bremen unterlag].
Vielleicht ist es auch weniger die rechtsextreme Programmatik, die Gold zur
AfD gezogen hat. Für die taz war er während der vergangenen Woche nicht
erreichbar. Auch die Apenser CDU äußert sich trotz mehrmaliger Anfrage
nicht zum Verlust ihres ehemaligen Parteifreunds.
Im Archiv der Lokalzeitung Stader Tageblatt lässt sich aber ein
Entfremdungsprozess zwischen beiden Seiten nachvollziehen, der viel mit
Privatfehden und persönlichen Enttäuschungen zu tun zu haben scheint. 2019
wollte Jan Gold ganz aus der Kommunalpolitik ausscheiden, nur um dann kurz
darauf doch wieder für Ämter zu kandidieren – und sich über den folgenden
Misserfolg zu wundern.
Zumindest auf eine gewisse inhaltliche Nähe zur AfD scheint indes
hinzudeuten, dass Gold innerhalb der CDU dem Rechtsaußen-Verein Werteunion
um den früheren Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen angehört haben
soll.
11 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.gesetze-im-internet.de/beamtstg/__33.html
(DIR) [2] https://www.verfassungsschutz.niedersachsen.de/startseite/aktuelles_service/aktuelle_meldungen/verfassungsschutz-gibt-im-rechtsstreit-verfahrenserklarung-ab-249378.html
(DIR) [3] https://www.verfassungsschutz.niedersachsen.de/startseite/aktuelles_service/aktuelle_meldungen/verfassungsschutz-gibt-im-rechtsstreit-verfahrenserklarung-ab-249378.html
(DIR) [4] /Vorwuerfe-gegen-Hamburger-Justiz/!6003868
(DIR) [5] https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/dokument/103484/23_03678_ueberfuellte_gefaengnisse_und_fehlendes_personal_wie_sah_es_im_1_quartal_2026_aus#search=%22Schlagworte:+Untersuchungshaft%22%23navpanes=0
(DIR) [6] https://www.lto.de/recht/nachrichten/n/olg-bremen-1ws14025-haeftling-umzug-jva-nicht-mit-900kg-lebensmitteln-vertrauensschutz-strafvollzug
(DIR) [7] https://www.oberlandesgericht.bremen.de/sixcms/media.php/13/1%20Ws%2025-140%20anonymisierte%20Fassung.pdf
## AUTOREN
(DIR) Jan Kahlcke
## TAGS
(DIR) Kommunalwahlen
(DIR) AfD Niedersachsen
(DIR) CDU Niedersachsen
(DIR) Niedersachsen
(DIR) Beamte
(DIR) Untersuchungshaft
(DIR) Schwerpunkt AfD
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Kommunalwahl
(DIR) Konzentrationslager
(DIR) Schwerpunkt AfD
(DIR) Rechtsextremismus
(DIR) Jamel
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Kommunalwahl in Niedersachsen: FDP-Kandidat klagt gegen Altersobergrenze
Mit 69 Jahren ist Rüdiger Zemlin zu alt, um Landrat zu werden. So will es
das niedersächsische Wahlrecht. Die Lebensrealität sei anders, sagt die
FDP.
(DIR) Kreisparteitag in Südniedersachsen: AfD will neben KZ-Gedenkstätte tagen
Direkt neben der KZ-Gedenkstätte Moringen will die AfD einen Parteitag
abhalten. Die Lagergemeinschaft protestiert, eine Demo und ein Fest sind
angemeldet.
(DIR) Brandmauer in Brandenburg eingerissen: Hennigsdorfer CDU stimmt mit AfD für Bürgerwehr
Das Stadtparlament von Hennigsdorf beschließt den Aufbau einer
„Sicherheitspartnerschaft“. Beantragt hatte das die AfD, die CDU und andere
zogen mit.
(DIR) Radikalisierung von Jungnazis: Stille in Altdöbern
In Altdöbern und Wismar werden drei Teenager festgenommen. Sie sollen
Anführer einer Rechtsterrorgruppe sein. Wie konnten sie sich so
radikalisieren?
(DIR) Kommunalwahlkandidaten aus Jamel: Wähler stimmen für Neonazi
Bei der Kommunalwahl in Gägelow trat Birgit Lohmeyer aus Jamel gegen
Rechtsextreme aus ihrem Dorf an. Die Aktivistin verlor.