# taz.de -- Roman von Johann Reißer: In einem schönen Schwarzwaldtal
> Wo heute Rheinmetall Kanonen fertigt: Johann Reißer nimmt in „Pulver“ auf
> mitreißende Weise die Anfänge der deutschen Rüstungsindustrie in den
> Blick.
(IMG) Bild: Die Pulverfabrik Rottweil um 1915: Von hier aus fand das rauchschwache Schießpulver seinen Weg in die Welt
Gern hört man es immer noch nicht, doch es ist zumindest kein Geheimnis
mehr, dass der Wohlstand in diesem Land zu großen Teilen in der
NS-Wirtschaft wurzelt. Enteignungen jüdischer Firmen, der Einsatz von
Zwangsarbeiter:innen und der Schwenk zur Rüstungsproduktion [1][haben
Unternehmer zu einflussreichen Großindustriellen aufsteigen lassen.] Dass
der deutsche Wirtschaftsaufschwung allerdings schon vor den
Nationalsozialisten eng mit dem Töten von Menschen verzahnt war, das
zeichnet der Schriftsteller Johann Reißer in „Pulver“ anschaulich nach.
Die Namen der großen Fabrikanten des 19. Jahrhunderts sind noch immer
geläufig: Siemens, Krupp, Bosch sind heute Synonyme für eher harmloses
Gerät wie Schnellzüge, Rolltreppen, Bohrmaschinen. Das Erbe ihres
Zeitgenossen Max von Duttenhofer lässt sich hingegen kaum verniedlichen,
hatte der Apothekersohn aus dem Schwarzwald doch eine kleine Pulvermühle zu
einem riesigen Rüstungsunternehmen ausgebaut, das den Großteil der
Gewehrmunition der deutschen Infanterie im Ersten Weltkrieg herstellen
sollte.
Dieser heute eher unbekannte Max von Duttenhofer entwickelte das
rauchschwache Schießpulver, das die Kriegsführung revolutionierte – auch
wenn Reißer nahelegt, dass es eigentlich die Franzosen erfunden haben.
Überhaupt zeichnet Reißer Duttenhofer als gerissenen, skrupellosen
Fabrikanten. Wobei: Hatte der nicht immerhin eine Betriebskrankenkasse für
seine Arbeiter:innen eingerichtet?
„Pulver“ ist ein Roman über den Aufstieg der deutschen Rüstungsindustrie
ebenso wie über Narrative. Man kann die Geschichte so erzählen, dass
Duttenhofer wie auch Bismarck Krankenversicherungen einführten, nicht um
den Sozialisten das Wasser abzugraben, sondern um die Lebenssituation der
Arbeiter:innen zu verbessern, genauso wie man die Aufrüstung Ende des
19. Jahrhunderts als notwendig darstellen kann, denn „die Engländer und
Franzosen schlafen auch nicht“.
## Kontinuitäten von der Pulverfabrik bis Rheinmetall
Reißer spannt einen weiten Bogen, erzählt die Geschichte der Pulverfabrik
chronologisch von 1858 bis zur Machtübernahme durch die
Nationalsozialisten, mit einem Exkurs ins Jahr 2020. „Der Krieg ist eine
seltsame Sache“, sagt die Fabrikarbeiterin Rosa an einer Stelle. Während er
anderswo Städte zerstöre, lasse er im Neckartal Bauten aus dem Boden
schießen.
Die Linearität ist dabei Stärke und Schwäche des Romans zugleich. Schwach
ist er da, wo Figuren plötzlich auftauchen und schnell wieder in der sie
überspülenden Erzählzeit verschwinden. Stark ist er dort, wo er
Kontinuitäten aufzeigt, etwa wenn man erfährt, dass in jenem Tal im
Schwarzwald heute Heckler & Koch Maschinengewehre und Rheinmetall
Schiffskanonen produzieren; oder dass die Anfänge der deutschen
Autoindustrie ebenfalls dort liegen. Wäre ohne den Rüstungsunternehmer
Duttenhofer doch so schnell das Geld für die von ihm mitbegründete
Daimler-Motoren-Gesellschaft nicht zusammengekommen – deren zu NS-Zeiten
beinahe zur Hälfte aus Zwangsarbeiter:innen bestehende Belegschaft
schließlich Panzer und Flugmotoren für die Wehrmacht fertigte.
Heute scheint es manchmal, als entstamme die materielle Grundlage, aus der
heraus Karl Marx seine Analysen entwickelte, einer fernen Welt aus
rauchenden Schloten, bevölkert von Märchengestalten wie Oliver Twist oder
Jack the Ripper. Doch der Grundstein für all die Schrecken des 20.
Jahrhunderts wurde in ebendiesen Marx’schen Zeiten gelegt. Ohne die
Aufrüstungsspirale der 1880er Jahre wären die Weltkriege womöglich nie
begonnen worden: Was produziert wird, will auch eingesetzt werden. Ganz so
lang her ist das alles nicht.
Zu den stärksten Passagen in „Pulver“ zählen die Abschnitte während des
Ersten Weltkriegs, die sich dem Joch der Fabrikarbeit widmen. In ihrer
Gegenüberstellung wirkten die Szenen plakativ, wären sie nicht wahr.
Während die Alten und Daheimgebliebenen große vaterländische Reden
schwingen, fressen im Schützengraben die Soldaten Sägemehl und die Ratten
ihre toten Kameraden. Im Neckartal produzieren die Frauen Schießpulver, das
dafür sorgt, dass ebenjener Krieg andauert, der ihre Männer umbringt. Die
Arbeiterin Rosa findet nach dem Krieg zwar Arbeit in einer Uhrenfabrik.
Doch dass die Montagen von Zeigern und Zündern sich im Grunde nicht sehr
voneinander unterscheiden, wird schon der nächste Weltkrieg offenbaren.
## Technikskeptizismus
Und so weist die Geschichte über das Pulvertal auch auf heutige Debatten
über Kriegstüchtigkeit, sowieso, und Technikskeptizismus hin. Reißer setzt
die Marker gekonnt, immer wieder dampft die Eisenbahn, nicht erst seit
Thoreau Symbol für den unaufhaltsamen Fortschritt, durchs Bild, und wenn
der Führer plötzlich durchs Radio ins Wohnzimmer plärrt, denkt man nicht
von ungefähr an [2][Günther Anders,] laut dem die „verbiederte“ Welt
mittels Radio und TV in die eigenen vier Wände eintritt und eigentlich
ungeheure Vorgänge als folgerichtig oder unabänderlich darstellt.
„Um sich bewusst zu werden, in welcher Welt wir heute leben“, sagt der
Enkelsohn von Rosa, der Fabrikarbeiterin, gegen Ende des Romans, müsse man
sich klarmachen, dass alle unsere Handys, Computer und Haushaltsgeräte,
aber auch alle unsere Fahrzeuge und Gebäude und die ganze Infrastruktur
potenzielles Militärgerät seien. „Zugleich Waffe und Angriffsziel.“ Es sind
die gleichen Fragen, die Reißer seine Figuren schon knapp hundert Jahre
zuvor stellen lässt: ob es das Schicksal unserer Zeit sei, dass alles zur
Maschine werde.
17 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Julia Hubernagel
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