# taz.de -- Neuer Roman von Norbert Gstrein: Entscheidungen angesichts einer zerbrechenden Weltordnung
> Der neue Roman von Norbert Gstrein führt über beide Weltkriege zur
> Invasion der Ukraine. Er stellt sich den Themen von Verantwortung und
> Schuld.
(IMG) Bild: Von Franz Ferdinand bis russische Invasion der Ukraine, eine Gesamtbetrachtung
Der österreichische Schriftsteller Norbert Gstrein greift in seinen Romanen
immer wieder Gegenwartsthemen auf, die zeitlose Fragen enthalten. In „Das
Handwerk des Krieges“ von 2003 beispielsweise hatte er den Bürgerkrieg in
Jugoslawien zum Anlass genommen, um über die Frage, ob die Realität eines
Krieges überhaupt darstellbar ist, einen Roman zu schreiben.
In [1][„Vier Tage, drei Nächte“], seinem vorletzten Roman, war die
Corona-Pandemie Anlass, über die ausbrechenden Widersprüche und Zwänge in
einer Familie während einer Quarantäne-Situation zu erzählen. In „Im ersten
Licht“, seinem neuen Roman, ist das Thema erneut der Krieg, der seit dem
Überfall Russlands auf die Ukraine die öffentliche Diskussion immer wieder
bestimmt. Doch diesmal steht nicht – wie in „Das Handwerk des Tötens“ -,
der Krieg selbst im Zentrum, sondern seine Vorbereitung [2][und seine
Folgen] für diejenigen, die nicht unmittelbar an ihm beteiligt sind.
Immer wieder hört Adrian Reiter, der Held des Romans, auf seinen
jugendlichen Streifzügen vor dem Ersten Weltkrieg junge Stimmen hinter der
Mauer zu den großen Villengrundstücken in seiner österreichischen
Provinzstadt. Die Feriendomizile reicher Wiener Familien sind für den Sohn
eines kleinen Postbeamten die unerreichbare Welt der Herrschaft in der
k.u.k. Gesellschaft.
Fasziniert von dem Riesenreich der Doppelmonarchie beginnt er sich für
dessen Geschichte und vor allem für dessen Militär zu begeistern. Beim
Ausbruch des Ersten Weltkrieges sorgt dann allerdings sein sozialistisch
gesinnter Vater mit einem Axthieb in seinen Unterschenkel dafür, dass
Adrian nicht eingezogen wird. Stattdessen beginnt er im nahe gelegenen
Seehotel an der Rezeption zu arbeiten.
## Die Frage der Schuld
Verlorener Krieg und der Zerfall der k.u.k. Monarchie, die den Krieg mit
verursacht hatte, ändern nichts an Adrians Faszination für das
untergegangene Großreich. Auch nicht das durch eine Kriegsverletzung völlig
verunstaltete Gesicht Ernest Ellers, dem Sohn eines der reichen
Villenbesitzer, der eines Tages auf einem abgelegenen Teil der
Hotelterrasse sitzt. Eller beginnt, dem Hotelangestellten Aufträge zu
erteilen, und es entsteht nach und nach eine Art Freundschaft zwischen
beiden.
Obwohl Norbert Gstreins Held für den Leser nicht unbedingt ein
Sympathieträger ist, gelingt es ihm, das Interesse des Lesers an seiner
Geschichte aufrechtzuerhalten. Indem er immer wieder mit Andeutungen
Erwartungen hinsichtlich des Fortgangs der Geschichte weckt, hält er die
Spannung aufrecht. Die Beantwortung der durch seine Figuren und durch seine
Ereignisse entstehenden Fragen überlässt er dabei dem Leser.
Im zweiten Teil des Romans rückt die Frage der Schuld in den Vordergrund.
Nach dem Selbstmord von Ernest Eller nimmt sich dessen Mutter, die
ursprünglich aus England stammt, Adrian an und verschafft ihm die
Möglichkeit eines Studiums in Wien. Er wird Gymnasiallehrer für Englisch
und Geschichte und gibt seine Faszination für die Österreich-Ungarische
Monarchie und vor allem deren Militärgeschichte an seine Schüler weiter.
## Eine unerwartete Wendung
Einer, Hans Baumgartner, wird zu seinem Bewunderer und entscheidet sich
auch durch Adrians Einfluss nach der Schule, Berufssoldat zu werden. Adrian
Reiter wird unfreiwillig zum einzigen Vertrauten und Baumgartners, der ihn
im Zweiten Weltkrieg immer wieder während seines Fronturlaubs besucht. Als
er bei einem dieser Besuche von Erschießungen in der Ukraine erzählt, kann
sich Adrian Reiter später trotz großer Anstrengungen nicht mehr an den
genauen Wortlaut erinnern.
Norbert Gstrein hat mit „Im ersten Licht“ einen großartigen Roman
geschrieben, in dem er anhand der Geschichte eines einfachen Menschen die
[3][zeitlosen Themen] von Gewalt, Verantwortung und Schuld entfaltet. Im
dritten Teil des Romans gelingt es ihm noch einmal, Adrian Reiters Leben
eine unerwartete, aber plausible Wendung zu geben. Der eher versöhnliche
Schluss des Romans ändert dann nichts an der Beunruhigung des Lesers, der
sich fragt, vor was für Entscheidungen er wohl angesichts der gerade
zerbrechenden Weltordnung gestellt werden wird.
16 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Fokke Joel
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