# taz.de -- Hasan Kikić „Provinz im Hinterland“: Wie ein Naturereignis
       
       > Der Erste Weltkrieg kommt über die bosnischen Dörfer wie ein
       > Naturereignis. Die sinnlose Grausamkeit des Krieges zeigt Kikić in
       > „Provinz im Hinterland“.
       
 (IMG) Bild: Gemälde der Schlacht um Morawa in Bosnien, 1914
       
       Während die Zeitungen vermelden, dass die Kriegsbegeisterung auch das
       Hinterland erfasst hat, werfen die Soldaten an der Front Patronen ins
       Wasser. In der Heimat wird gleichfalls sabotiert: Arselja, der jugendliche
       Kuhtreiber, lässt irgendwann die Rinder los, die den Truppen der k. u. k.
       Monarchie als Nahrung dienen. „Wenn das Heer Hunger hat, ist es aus mit dem
       Krieg“, so meint er.
       
       Doch das Heer hungert nicht, dafür trägt das Hinterland Sorge. Die
       bosnische Tiefebene Posavina gibt ihre Früchte her, die Frauen ihre Körper.
       Es ist eigentlich diese „Provinz im Hinterland“ selbst, die in dem
       gleichnamigen, 1935 veröffentlichten und nun erstmals auf Deutsch
       übersetzten Roman von Hasan Kikić erzählt; spräche sie, sie ächzte.
       
       Die Kinder singen, wenn sie unter sich sind – „Kaiser Karl und Kaiserin
       Zita, warum führt denn Krieg ihr beide, wenn ihr doch habt kein Getreide“ –
       und weinen, als die Lehrerin vormacht, wie sie auf den Tod des Thronfolgers
       Franz Ferdinands zu reagieren haben.
       
       ## Ein Krieg wie ein Naturereignis
       
       Der Erste Weltkrieg kommt über die Dörfer wie ein Naturereignis, ein
       Wolkenbruch, der die Kühe auseinandertreibt und die hungrigen Treiber
       ohnmächtig in die Gräben sinken lässt. Kikić’ Figuren, Kinder, Jugendliche,
       sind nur der Sprache der Unmittelbarkeit mächtig, sie leben von Tag zu Tag
       und von der Hand in den Mund.
       
       Die sinnlose Grausamkeit des Krieges verdeutlicht der 1905 geborene Autor
       dabei, ohne sich dem Schlachtfeld zu nähern, und unterscheidet sich darin
       von etwa zeitgleich geschriebenen Antikriegsromanen wie Erich Maria
       Remarques „Im Westen nichts Neues“. Seine Abgründe sind die leeren Mägen
       der Dorfbewohner:innen. Dabei hat Kikić dies- und jenseits der Front die
       Schrecken am eigenen Leib erfahren: während des Ersten Weltkriegs als Kind,
       während des Zweiten als Partisan, als der er 1942 hingerichtet wurde.
       
       22 Mar 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Julia Hubernagel
       
       ## TAGS
       
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