# taz.de -- China ist hypermodern und autoritär: Eigentlich ganz schön hier
       
       > Während Trump und Xi in Peking Deals aushandeln, wird das hypermoderne
       > China immer beliebter. Zeit, sich an den Wert der Demokratie zu erinnern.
       
 (IMG) Bild: Shanghai im Mai 2022: Das Leben in China ist für viele attraktiv. Die demokratischen Defizite fallen da schnell unter den Tisch
       
       Die Zukunft liegt etwa 13 Flugstunden entfernt. Das ist weiter als sonst,
       die Kriege schreiben eine neue Route vor, die sich auf dem kleinen
       Bildschirm am Vordersitz nachverfolgen lässt. Der Weg in die Zukunft führt
       derzeit nicht über Russland, er macht einen zarten Bogen um die Ukraine,
       wobei der Flügel des relativ zu groß geratenen Flugzeugs auf der Karte fast
       Odessa streift. Dann geht es nördlich vorbei am Libanon, an Israel und
       Gaza, an Iran. Zwischendurch wählen Sie zwischen Nudeln und Reis.
       
       Wer die Zukunft betreten will, muss nach der Landung bloß noch ein bisschen
       Schlange stehen, ein paar QR-Codes scannen, Fingerabdrücke abgeben und
       mehrfach den Reisepass einlesen lassen. Ein Visum brauchen Sie für einen
       Aufenthalt von bis zu 30 Tagen derzeit nicht, die Grenzpolizistin schaut
       auf Ihr Passfoto, in Ihr Gesicht und fordert Sie dann auf, sich der Kamera
       zuzuwenden. Die Kamera sagt „thank you“. Dann sind Sie endlich da.
       
       Sie brauchen kein Geld abzuheben. Sie können sich auf öffentliche
       Verkehrsmittel verlassen. Sie können ohne vorauseilende Schweißausbrüche
       eine Zugreise antreten, und sollte Ihnen das Angebot im Bordbistro
       missfallen, können Sie sich an der nächsten Haltestelle von Ihrem
       Lieblingsrestaurant beliefern lassen. Sie können auf einem Dorfparkplatz
       ihr Elektroauto laden, Bettler*innen via QR-Code eine Spende überweisen
       und sich an jeder Ecke eine Powerbank mieten. Sie können zusehen, wie am
       Montag eine Straße aufgerissen wird und am Freitag alles fertig ist. Sie
       können mit dem Taxifahrer über Trump lästern und sich von jeder dritten
       Toilette fein säuberlich den Po abspülen lassen. Sie können sehr gut essen,
       sehr gut shoppen, sehr guten Kaffee trinken. Sie können sehr gut leben in
       China – auch ohne Demokratie.
       
       ## Neben Donald Trump wirkt Xi Jinping vernünftig
       
       Das ist eine bittere Erkenntnis, aber sie ist wichtig. Entgegen der noch
       überraschend verbreiteten Vorstellung, in der Volksrepublik gehe es zu wie
       in Nordkorea, hat China in den letzten Jahren einen bemerkenswert modernen
       autoritären Staat errichtet. Modern meint dabei nicht mehr ausschließlich
       einen durchdigitalisierten, hyperkapitalistischen Überwachungsstaat,
       sondern eben auch [1][einen zunehmend grünen, nachhaltigen] und für viele
       durchaus lebenswerten.
       
       Dieser Imagegewinn fällt besonders im Machtkampf mit den USA ins Gewicht.
       Neben Donald Trump, dem wir fast täglich dabei zusehen müssen, wie er sein
       Land verwüstet, wirkt Xi Jinping besonnen und vernünftig. Und während die
       beiden in Peking den Kaiserpalast besichtigen und über Sojabohnen,
       Rindfleisch und Taiwan verhandeln, wird man das Gefühl nicht los, dass die
       fetteren Deals sowieso von den [2][mitreisenden Elon Musk und Tim Cook]
       geschlossen werden.
       
       ## „Chinamaxxing“ steht für mehr als einen Trend
       
       Streift man in der ehemaligen französischen Konzession von Shanghai durch
       hippe Cafés, Tapasbars und Boutiquen, ist diese Weltpolitik ganz fern. Hier
       sitzen Locals neben Touristen, chinesische Paare machen Hochzeitsfotos,
       Influencer ihre Selfies. Die Sonne fällt durch die Platanen, ein alter Mann
       fegt mit einem Reisigbesen die Blätter vom Gehweg. Hübsch, instagrammable.
       
       Hier ist China in, Diktatur hin oder her. Der Spätkapitalismus lädt dazu
       ein, das Politische auszublenden. Made in China ist längst kein Schimpfwort
       mehr, weltweit stürzen sich junge Menschen auf Labubus und bestellen ihre
       Klamotten bei Taobao. In ungezählten Videos erklärt die Gen Z seit einem
       Jahr, sie befinde sich in einer „very chinese time of my life“. Da wird
       morgens als Erstes heißes Wasser getrunken, ein Ma-Jongg-Klub gegründet,
       werden Qigongübungen ins Work-out integriert und Klamotten gekauft, die von
       traditionellen chinesischen Kleidungsstücken inspiriert sind.
       
       Dieses „Chinamaxxing“ steht für mehr als einen kurzweiligen Trend, auch
       wenn er oft oberflächlich bleibt. Nach einem Jahrhundert der westlichen
       Abwertung und Ignoranz beginnt China zu glitzern, ohne selbst viel
       Propaganda machen zu müssen. Die Werbung übernehmen die Konsument*innen,
       für die der American Dream und der einst so freie Westen nichts mehr zu
       bieten haben.
       
       In einer repräsentativen Umfrage der Stiftung Alliance of Democracies haben
       in diesem Jahr 46.700 Menschen in 85 Ländern das Ansehen von Staaten
       bewertet. Auf einer Skala von minus 100 bis plus 100 erreichten die USA nur
       noch einen Wert von minus 16 und wurden damit 5 Punkte schlechter bewertet
       als Russland. China landete bei plus 7 Punkten und wird in jeder Region der
       Welt inzwischen durchschnittlich positiver bewertet als die USA. „Never
       interrupt your enemy when he is making a mistake“, titelte der Economist im
       April. Ruhig bleiben und von Donald Trumps Fehlern profitieren scheint gut
       zu funktionieren. Und es zeigt auch: Wer Demokratie und Weltordnung so
       achtlos zerlegt wie der US-Präsident, macht sich unbeliebter als ein
       Regime, das ohnehin niemals demokratisch sein wollte.
       
       ## Die Frage ist böse, aber notwendig
       
       Während man sich also in Deutschland und vielen Teilen Europas gerade
       fragen muss, [3][wie die liberale Demokratie noch zu retten ist], und in
       den USA tragischerweise infrage stellen kann, ob es sich überhaupt noch um
       eine handelt, hat es China leichter. Wer keine Demokratie hat, muss sie
       auch nicht pflegen. Und einfach mal durchregieren, ein bisschen mehr
       Autorität wagen – das kann auch für enttäuschte Linke verlockend klingen.
       
       Wozu also noch an ihr festhalten? Die Frage ist böse, aber notwendig. Um
       sie zu beantworten, muss man die Worthülsen und den arroganten moralischen
       Reflex der westlichen Überlegenheit mit Inhalt füllen. Denn Demokratie ist
       nicht per se gut, nur weil sie Gegenspielerin der totalitären Herrschaft
       ist.
       
       Ein gutes Leben ist eine Frage der Perspektive, auch in China. Wer
       protestiert und sich nicht einfach fügen will, den straft die Führung noch
       immer mit voller Härte. Aber auch für die anderen sah die Zukunft mal
       rosiger aus. Viele Ältere ächzen über das Vorhaben der Regierung, das
       Renteneintrittsalter anzuheben, und viele Jüngere wissen nicht, wo sie
       trotz guter Ausbildung einen Job finden sollen. Auch das Trauma der harten
       Restriktionen während der Coronapandemie ist nicht verschwunden.
       
       Doch viele scheinen vor allem weitermachen zu wollen – bié shuō le, reden
       wir nicht darüber, winkt man ab. Denn wahr ist auch: Millionen Familien
       geht es heute besser als den Generationen vor ihnen. Viele sind in extremer
       Armut aufgewachsen, haben eine Hungersnot überlebt und sechs bis sieben
       Tage die Woche geschuftet. Jetzt können sie zum ersten Mal etwas an ihre
       Kinder oder sogar Enkel vererben. Sie haben Wohnungen mit fließendem
       Wasser, Strom und Klimaanlage, sie haben Waschmaschinen, Autos, fahren zum
       Erholungsurlaub in die Berge oder am Wochenende zum Grillen in den Park.
       Auch deshalb ist die Sehnsucht nach Demokratie bei den meisten
       Chines*innen überschaubar. Beunruhigender ist es, wenn Bürger*innen
       demokratischer Staaten sie zunehmend für verzichtbar oder unnötig halten.
       
       ## Die vermeintliche Trägheit der Demokratie schafft Zeit für
       Auseinandersetzung
       
       Demokratie ist ein Versprechen. Nimmt man es ernst, bedeutet es, dass
       Freiheit, Gleichheit sowie die Teilung und gewaltfreie Umverteilung von
       Macht nicht verhandelbar sind. Es bedeutet, nicht zuerst im eigenen
       Interesse, sondern im Interesse aller zu regieren und dabei besonders die
       Schwächsten zu schützen. Es bedeutet Rechtsstaatlichkeit, Opposition und
       Meinungsfreiheit nicht als Hindernis, sondern als Bereicherung zu erkennen.
       
       So ein ständiges Aushandeln heißt aber auch, dass Erneuerung und Wandel
       sich nicht einfach verordnen lassen. Für alles müssen Mehrheiten gesucht,
       Vorgehen abgestimmt, Prozesse durchlaufen werden. Das ist mühsam bis
       zermürbend. Aber die vermeintliche Trägheit schafft immer auch Zeit für
       Einwände und Auseinandersetzung. Diese Zeit, die uns hier oft lästig
       erscheint, wird im autoritären Staat – und auch von der radikallibertären
       Big-Tech-Elite – absichtlich vorenthalten.
       
       Aus der Zukunft betrachtet, zwischen Chinas leuchtenden Skylines,
       Hochgeschwindigkeitszügen, Solarkraftwerken, Ladesäulen und
       Servicerobotern, wirkt das alles wahnsinnig piefig und ineffizient. In
       Deutschland haben wir die Elektromobilitätswende verpennt, Unis und Schulen
       sind marode, das Gesundheitssystem kaputtgespart. Das Internet ist langsam,
       Baustellen werden nie fertig, die Bahn fällt aus. Aber es gibt hier noch
       etwas, das funktioniert.
       
       Sie können wählen, oder sie können es lassen. Sie können sich unabhängig
       informieren. Sie können Friedrich Merz doof finden, ohne dafür verschleppt,
       verprügelt oder umgebracht zu werden. Sie können vor Gericht ziehen, wenn
       Ihnen unrecht getan wird. Sie können sich auf in der Verfassung verankertes
       Recht berufen. Meistens. Noch. Unsere Demokratie ist angeschlagen, aber
       nicht erledigt.
       
       ## Was macht eine fortschrittliche, demokratische Gesellschaft aus?
       
       Damit das so bleibt oder gar besser wird, dürfen wir uns weder mit dem
       Status quo abfinden noch einer chinesischen oder US-amerikanischen Idee von
       Modernität hinterherhecheln. Besser wäre, wir entwickelten eine eigene, und
       zwar bald, weil in Deutschland mittlerweile 27 Prozent eine
       verfassungsfeindliche Partei wählen würden.
       
       Anstatt den Tyrannen beim Feilschen zuzusehen, könnten wir uns mit uns
       selbst beschäftigen. Nicht im Sinne von Germany first, sondern im Sinne der
       Demokratie. Was macht eine fortschrittliche, demokratische Gesellschaft
       aus? Investiert sie in Bildung, erleichtert sie Zuwanderung, kommt auf dem
       Dorf alle 15 Minuten ein Bus? Reformiert sie die Erbschaftsteuer, versucht
       sie es mit der Viertagewoche, einem sozialen Pflichtjahr oder Bürgerräten?
       
       Eine moderne Demokratie braucht jedenfalls deutlich mehr als 250.000
       Soldat*innen, Hochtechnologiestandorte und einen Kanzler, der die
       Bevölkerung für faul hält. Sie muss nicht überall glitzern. Aber sie muss
       allen ein gutes Leben erlauben, damit sie den Menschen wertvoll genug
       bleibt, um für sie einzustehen.
       
       15 May 2026
       
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