# taz.de -- Social-Media-Trend „Becoming Chinese“: Warmes Wasser, heiße Takes
> Auf Social Media trendet Alltagskultur aus China. Influencer bedienen
> sich dabei unterschiedlicher Takes. Ob sie stimmen, ist weniger wichtig
> als Pointiertheit.
(IMG) Bild: „Becoming Chinese“ trendet auf Social Meiida
Den „Becoming Chinese“-Trend beobachte ich schon eine Weile. Seit ich
selbst durch [1][China] reise (gerade bin ich auf dem Rückweg), hat mein
Algorithmus offenbar beschlossen, mir das Thema noch einmal richtig
nahezubringen. Mein Feed läuft voll mit Influencern, die sich – meist nicht
ganz wörtlich gemeint – gerade besonders „chinesisch fühlen“: Sie trinken
warmes Wasser, schwören auf TCM, die traditionelle chinesische Medizin, und
wirken dabei sehr in sich ruhend.
Nun gibt es, wie für die Reaktionskultur typisch, bereits mindestens
genauso viele Videos, die nicht nur partizipieren, sondern sich auf der
Metaebene mit dem Phänomen beschäftigen. Das auf den ersten Blick
harmlos-fröhliche Meme ist zur geeigneten Schanze für verschiedenste
„Takes“ geworden, wie Creator ihre mal mehr und mal weniger originellen
Ansichten auf ein Thema bezeichnen.
Ein besonders populärer: Der Trend bediene einen Orientalismus. Das
Argument kennt man seit [2][Edward Said]: Der Westen konstruiert den Osten
als fremd, geheimnisvoll, exotisch, um die eigene Überlegenheit zu
behaupten. Dann kam der Cultural-Appropriation-Vorwurf. Der Trend reiße
kulturelle Elemente durch Aneignung aus ihrem Zusammenhang, entleere und
konsumiere sie bloß. Dem folgte prompt die Gegenbewegung: Dieser Vorwurf
sei selbst antiasiatischer Rassismus, verkenne er doch, dass [3][China]
keine marginalisierte Kultur ist, ja, der Trend sei geradezu Ausdruck
wachsender chinesischer Soft Power. Was wiederum sofort den Take
provozierte, dabei handle es sich um chinesische Propaganda. Woraufhin ein
neuer Take befand, der Trend sei im Gegenteil eine bewusste Abkehr von
US-amerikanischer Kulturhegemonie.
All diese Takes sitzen irgendwie, oder? Und für jeden lassen sich in den
Weiten des Social Web passende Beispiele finden. Was aber auffällt: Sie
berühren einander nicht. Der eine behauptet vielleicht, dass der andere
falsch sei, geht ihm aber nicht argumentativ auf den Grund. Vier einander
widersprechende Deutungen existieren gleichzeitig, ohne dass eine die
andere ernsthaft herausfordert. Aber vielleicht geht es auch gar nicht um
Erkenntnis, sondern um Sortierung? Man weiß hinterher, wer wie drauf ist.
Über die Sache selbst weiß man nicht viel mehr. Der Orientalismus-Take
stellt kulturelle Wachheit aus. Der Appropriation-Take moralische
Sensibilität. Der Soft-Power-Take geopolitische Klarsicht. Der
Propaganda-Take ideologiekritische Nüchternheit. Der Take ist also nicht
bloß Inhalt, sondern auch Habitus.
## Keine Thesen im klassischen Sinne
Takes sind jedenfalls keine Thesen im klassischen Sinne. Thesen werden
entwickelt, stehen in einem Begründungszusammenhang, der sich bewähren
muss. Takes bekunden eine Haltung und formulieren dabei einen
Deutungsanspruch – was sie manchmal thesenhaft-essayistisch erscheinen
lässt. Doch beim Essayistischen geht es immer auch um Gegenargumente, ums
Differenzieren, ums Ausführen eines Gedankens. Im Take ist Differenzierung
ein Schwächezeichen. Viele Takes funktionieren nach dem Schema „Alle denken
X, aber eigentlich ist Y“. Sie leben von der leichten Reibung mit dem
vermeintlichen Konsens.
Takes sind für den Moment gemacht. Der „Hot Take“ ist nicht nur eine
Steigerungsform, sondern die eigentliche Logik. Sobald er kalt wird,
interessiert sich niemand mehr dafür. Das Wichtigste ist die Pointiertheit!
Ein gelungener Take muss nicht vollständig sein, vielleicht nicht einmal
stimmen. Er muss zünden. Takes haben den Charakter performativer
Intervention. Man hat nicht einen Take, man postet ihn. Das Stilideal ist
entsprechend kalibriert: klug, schnell, leicht ironisch, souverän und dabei
beiläufig wirkend. „Mein Take“ ist etwas für die Instagram-Story, nicht
fürs Feuilleton (das sich freilich gern von Takes inspirieren lässt).
Die Takes über das „Becoming Chinese“-Meme stehen nebeneinander, sie bauen
nicht aufeinander auf. Das Ergebnis ist keine Debatte, sondern ein Panorama
von Haltungen. Aber hat das nicht auch was für sich?
10 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Annekathrin Kohout
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