# taz.de -- Technikforschung: Was humanoide Roboter heute können
> Tech-Konzerne pumpen Milliarden in humanoide Roboter, Fachleute erwarten
> eine große Zukunft. Doch erst müssen sie lernen, Unterhosen zu falten.
(IMG) Bild: Während seines Chinabesuchs im Februar 2026 wurden Bundeskanzler Friedrich Merz diese zwei boxenden Roboter gezeigt
Kaum ein Science-Fiction-Film kommt ohne humanoide Roboter aus. Die
Realität war dagegen lange ernüchternd. Roboter auf zwei Beinen stolperten
selbst über kleinste Treppenstufen, bewegten sich mit Trippelschritten in
Richtung Zukunft. [1][Doch die Fehlbarkeit der Maschinen soll nun ein Ende
haben]. Glaubt man den Prognosen der Tech-Branche, sind Roboter auf dem
Vormarsch und diesmal mit sicherem Schritt.
Ende letzten Jahres stellte die Managementberatung Horváth eine Studie zur
Zukunft humanoider Roboter vor. [2][Ihre Prognose]: Bis 2030 könnten allein
in den Robotik-Spitzenreitern China und USA über eine Million
menschenähnlicher Maschinen im Einsatz sein. Als erste Einsatzgebiete sehen
die Autor:innen vor allem Logistik und industrielle Fertigung.
Roboter für diesen Einsatz werden auch im sogenannten RoboGym in München
trainiert. Die neue Forschungseinrichtung ist eine Kooperation zwischen der
Technischen Universität und dem Roboterhersteller NEURA Robotics. Im
zugehörigen Imagefilm sind Roboter des Typs 4NE-1 zu sehen, die an
einzelnen Stationen stehen und einfache Handgriffe üben, Kartons stapeln
oder eine weinrote Unterhose falten.
Menschen steuern sie per Teleoperation, etwa mit Brille und
Datenhandschuhen. Die dabei entstehenden Bewegungsabläufe werden genau
aufgezeichnet und die entstandenen Daten verarbeitet. „Für uns Menschen
sind viele dieser Handgriffe ein Leichtes, Roboter müssen sie erst lernen.
Genau dafür brauchen wir möglichst viele Daten für Bewegungen und
Interaktionen“, erklärt Lorenzo Masia, Direktor des am RoboGym beteiligten
Munich Institute of Robotics and Machine Intelligence.
Mit den Daten werden die Roboter für spätere Aufgaben trainiert. Zum
Beispiel sollen sie aus möglichst vielen Bewegungen ein Muster erkennen und
ähnliche Handlungen ableiten. Ein Roboter lernt beispielsweise, mittelgroße
Kartons zu falten, und überträgt sein Wissen dann auf kleine oder sehr
große Pakete.
## Onlinehändler experimentieren mit Robotik
Als ein mögliches Anwendungsgebiet sieht Masia die [3][Logistik]. Pakete
falten, Waren verpacken und versenden, bisher übernehmen das vor allem
Menschen im Niedriglohnsektor. Nicht umsonst experimentieren Onlinehändler
wie Amazon im großen Stil mit humanoiden Robotern.
Für einen Jobkiller hält der Münchner Robotikexperte die Bestrebungen
allerdings nicht. Viele dieser Jobs seien mühselig und eintönig. Passende
Arbeitskräfte dafür zu finden, werde zunehmend schwerer. Dazu kommt der
demografische Wandel mit immer älteren Arbeitnehmenden, die entweder bald
in Rente gehen oder schwere körperliche Arbeiten nicht mehr leisten können.
Die Horváth-Studie geht noch weiter. Großmundig versprechen ihre
Autor:innen einen starken Produktivitätsschub. Entsprechend trainierte
Roboter könnten 3,6-mal so effizient wie Menschen arbeiten und das bei
doppelter Qualität. Dazu entfallen Pausen, Arbeitszeitgrenzen und andere
menschliche Unzulänglichkeiten.
Roboter arbeiten 20 Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche, ohne
Gewerkschaft, ohne Murren. Und die Robosklaverei lohnt sich: Bis 2050 soll
der Markt für humanoide Roboter einen Wert von einer Billion Dollar
erreichen, mit jährlichen Wachstumsraten von 30 Prozent.
## Humanoide Roboter müssen Flexibilität lernen
Von einem Schweizer Taschenmesser gegen lästige Aufgaben aller Art sind die
Humanoiden im RoboGym allerdings noch stapelweise gefaltete Unterhosen
entfernt. Wäsche zusammenzulegen sieht trivial aus, ist für einen Roboter
heute aber alles andere als simpel. Eine Unterhose oder ein Pappkarton sind
nicht immer gleich, die Wäsche liegt nie exakt an derselben Stelle, der
Druck beim Greifen variiert.
Wir Menschen stellen uns auf kleine Abweichungen ganz selbstverständlich
ein. Roboter müssen diese Flexibilität erst noch lernen, im ersten Schritt
für ganz bestimmte Aufgaben. Ein Logistikroboter lernt, Kartons zu falten
und Waren zu packen, vielleicht noch schwere Pakete zur Auslieferung zu
transportieren, alles angepasst an das Logistiklager mit festen Wegen und
strengen Regeln.
Der Schritt hinaus in die weite Welt ist dagegen noch eine vage
Zukunftsvision. Auf der Straße oder im Supermarkt bewegen wir uns chaotisch
und unvorhersehbar, durch das Wohnzimmer toben Kinder, Katzen und Hunde.
Einen 80 Kilogramm schweren Roboter durch dieses Gewusel zu bewegen,
erfordert immense Sensorik.
## Unter Fachleuten nicht unumstritten
Aufwand und Kosten stünden derzeit noch in keinem Verhältnis zum Nutzen.
„Ich brauche keinen Roboter, der durch meine Wohnung läuft“, sagt auch
Masia. Hilfreicher sei da schon eine Waschmaschine, die nicht nur trocknet,
sondern auch Wäsche faltet oder ein Herd, der das lästige Gemüseschnippeln
übernimmt.
Tatsächlich sind humanoide Roboter auch unter Fachleuten nicht ganz
unumstritten. [4][In einer Studie des Fraunhofer-Instituts für
Produktionstechnik und Automatisierung] IPA sahen rund 60 Prozent der über
100 befragten Fachleute Beine im Kontext Produktion und Logistik als nicht
notwendig an.
„Der Hauptvorteil der zwei Beine liegt darin, dass unsere gesamte
Infrastruktur für Menschen konzipiert wurde. Treppen, enge Gänge, Türen und
Arbeitshöhen sind auf den menschlichen Körperbau abgestimmt“, sagt Simon
Schmidt, Geschäftsbereichsleiter am Fraunhofer IPA und Mitautor des
Whitepapers „Humanoid Capabilities Navigator“.
Gleichzeitig sei diese Fortbewegung aus technischer Sicht oft nicht
optimal. Viele industrielle Aufgaben ließen sich mit stationären oder
radgetriebenen Robotern effizienter lösen. Zweibeinige Systeme seien
energetisch deutlich schlechter und technisch anfälliger.
## Investorenkapitel fließt in den Sektor
Noch bis vor wenigen Jahren galten humanoide Roboter genau deshalb eher als
Nischenprodukt. Nun ist von einem „ChatGPT-Moment für humanoide Roboter“
die Rede. Fortschritte bei künstlicher Intelligenz, Deep Learning und
simulationsgestütztem Lernen haben die Bewegungssteuerung verbessert und
die Autonomie solcher Systeme erhöht.
Außerdem fließe massives Investorenkapital in den Sektor, so Schmidt – was
die Entwicklung weiter beschleunige, unabhängig davon, ob die Technik schon
hält, was sie verspricht. Ein Beispiel dafür ist die Gangsicherheit, deren
wachsende Zuverlässigkeit in Werbevideos von Boston Dynamics und Co. gerne
demonstriert wird – wahlweise per Marathon-Teilnahme oder Kung-Fu-Tritten.
Abseits der Shows erfordert sie kontinuierliche Regelungsprozesse; dank
besserer KI-Modelle und leichterer Bauweise ist das reine Eigengewicht der
Roboter inzwischen gut beherrschbar. Auch das Tragen von Lasten klappt mit
etwas Training bereits ganz gut. Eine größere Herausforderung bleibt
dagegen ein kurzfristiger Systemausfall.
Ein stationärer Roboter stoppt einfach seine Bewegungen, genauso einer auf
Rädern. Für zweibeinige Systeme gibt es bisher keinen sicheren Ruhezustand
– ein kontrolliertes In-sich-Zusammenfallen ist technisch kaum
realisierbar. „Ein umkippender Roboter sorgt im Zweifel für den Stopp der
Produktion oder auf der Straße sogar für Verletzungen bei Menschen“, sagt
Masia.
## Auch die Finger und Hände sind wichtig
Mindestens genauso wichtig wie Beine und Balance sind auf dem Weg zu
nützlichen Robo-Helfern die mechanischen Hände und Finger. Hinter dem
menschlichen Vorbild steckt ein hochkomplexes System. Mühelos können wir
greifen, drücken, tasten, drehen, unterscheiden und fein dosieren.
Dazu kommt [5][die Haut] als empfindlicher Sensor, der Temperatur, Struktur
und Druck innerhalb von Millisekunden erfasst und den Griff entsprechend
anpasst. „Genau diese Kombination aus Motorik und Wahrnehmung lässt sich
mit einem künstlichen System bisher kaum nachahmen“, sagt Masia. Aus seiner
Sicht sind die Hände derzeit der größte Flaschenhals auf dem Weg zu
feineren Arbeiten als dem Falten von Kartons oder dem Tragen von Lasten.
Trotz dieser Euphoriebremsung bleibt der Hype groß, auch weil das Äußere
der Maschinen Erwartungen weckt, die die Technik noch lange nicht erfüllen
kann. „Menschen sehen einen Roboter, der aufrecht geht, Arme hat und
vielleicht sogar einen Kopf, und schließen daraus schnell auf Fähigkeiten,
die weit über das tatsächliche Leistungsvermögen hinausgehen“, erklärt
Schmidt.
Bei klassischen Industrierobotern, oft kaum mehr als ein Arm, oder den
fahrenden Tabletts aus dem Restaurant gibt es diese überhöhten Erwartungen
nicht. Sie gelten als nützliche, etwas einfältige Helferlein. Humanoide
Roboter dagegen sehen aus wie wir. Genau das könnte ihnen mittelfristig
noch zum Verhängnis werden, nicht weil sie zu wenig versprechen, sondern
weil sie mehr zu sein scheinen als ein Unterhosenfalter.
15 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Kuenstliche-Intelligenz-in-der-Robotik/!5985192
(DIR) [2] https://www.horvath-partners.com/de/presse/detail/humanoide-roboter-ueberlegener-roboter-kollege-zum-preis-eines-mittelklasse-fahrzeugs
(DIR) [3] /Mehr-Beschwerden/!6101529
(DIR) [4] https://www.ipa.fraunhofer.de/de/presse/presseinformationen/humanoide-roboter-game-changer-oder-irrweg.html
(DIR) [5] /Theaterstueck-ueber-das-groesste-Organ/!5570719
## AUTOREN
(DIR) Birk Grüling
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