# taz.de -- Vor Putins Besuch bei Xi: Russland made in China
       
       > Putin und Xi wollen eine grenzenlose Partnerschaft. In der
       > chinesisch-russischen Grenzregion wächst diese nur langsam.
       
 (IMG) Bild: So einladend soll die Grenze zwischen Russland und China wirken
       
       Vor dem Eingang zum „Russischen Dorf“ flattern chinesische und
       [1][russische Fahnen] leicht im Wind. In kleinen hölzernen Hütten, vor
       denen riesige Matroschka-Puppen stehen, erwartet die chinesischen Besucher
       eine russische Bäckerei, ein Kasinoraum mit Roulettetisch und eine
       altrussische Kneipe. Es wird Kaffee mit russischer Schokolade serviert,
       russische Popmusik kommt aus den Lautsprechern und in einigen Hütten singen
       und tanzen „echte Russen“.
       
       Ganz authentisch wirkt das „Russische Dorf“ bei Harbin im Nordosten Chinas
       aber nicht. Im Souvenirladen läuft das Titellied von „Game of Thrones“. Die
       Kneipe ist mit US-amerikanischen Autoschildern und einem Bierzapfhahn der
       dänischen Marke Carlsberg dekoriert. Auch die Russen, die hier täglich
       auftreten und sich mit den [2][chinesischen] Touristen fotografieren
       lassen, sind nicht alle russisch.
       
       „Ob man wirklich Russe ist, spielt keine Rolle. Es zählt nur, dass man
       slawisch aussieht“, sagt Bohdan*, der, wie die anderen Musiker seiner Band,
       Ukrainer ist. Gegenüber nicht chinesischen Besuchern machen sich die
       Bandmitglieder darüber lustig, dass das „Russische Dorf“ eher den Klischees
       entspricht als den tatsächlichen Gegebenheiten auf der anderen Seite der
       über 4.000 Kilometer langen Grenze.
       
       Politisch stehen sich Russland und China so nah wie lange nicht. Seit
       Beginn des Ukrainekrieges rücken Wladimir Putin und Xi Jinping auf der
       Weltbühne immer enger zusammen. Das Handelsvolumen der beiden Länder hat
       sich fast verdoppelt, neue Grenzübergänge sind im Bau, und immer wieder ist
       von einer „grenzenlosen Partnerschaft“ die Rede.
       
       Doch hinter der großen Freundschaftspropaganda verbirgt sich eine
       distanziertere Beziehung. Der Handel zwischen den beiden Ländern schrumpfte
       im vergangenen Jahr zum ersten Mal seit 2020 wieder um 6,5 Prozent.
       
       Während China mit Abstand Russlands wichtigster Handelspartner ist, ist
       Russland für China nur ein mittelgroßer Partner unter vielen. Und die
       Kontakte zwischen Russen und Chinesen sind noch lange nicht so herzlich wie
       die ihrer Staatschefs. Selbst in der Grenzregion, wo der Austausch am
       lebhaftesten ist, bestehen große sprachliche und kulturelle Barrieren.
       
       Interesse an Russland ist unter der chinesischen Bevölkerung aber durchaus
       vorhanden. In Harbin zählen die russische Architektur und die orthodoxen
       Kirchen zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Die Stadt wurde 1898 während
       der russischen Besetzung der Mandschurei gegründet und profitiert seit
       Jahren von ihrem Image als „Kleines Moskau“.
       
       Auch Wladimir Putin war vor einigen Jahren zu Gast und lobte bei seinem
       Staatsbesuch die Bewahrung des „russischen Gefühls“ im historischen
       Viertel. In [3][China] genießt der russische Präsident großes Ansehen und
       wird vor allem für seine Stärke bewundert. Bücher über ihn zählen seit
       Jahren zu den beliebtesten politischen Titeln. Eines trägt den Titel
       „Putin: der Schwarm der Frauen“.
       
       Das von Putin gelobte russische Viertel ist eine der meistbesuchten
       Gegenden der Stadt. Die europäischen Fassaden der Gebäude sind hell
       beleuchtet. Die Kopfsteinpflasterstraße der Fußgängerzone ist voller
       Touristen. Überall locken russische Lebensmittelläden mit kyrillischen
       Beschriftungen und bunten Waren chinesische Einkäufer.
       
       Honig, Milch, Schokolade – russische Produkte erleben in ganz China einen
       Boom. Doch in den Läden findet man immer häufiger in China hergestellte
       Produkte, die lediglich russisch verpackt sind. In Harbin verstecken sich
       unter der russischen Produktauswahl Flaschen Jim-Beam-Whiskey und
       Schokoladentafeln der Marke Ritter Sport.
       
       Eines der größten russischen Restaurants im Viertel ist mit riesigen
       Eisbärstatuen, Kronleuchtern und Hirschgeweihen geschmückt. Auf jedem der
       hölzernen Tische stehen russische und chinesische Fahnen. Wie auch im
       „Russischen Dorf“ treten im Restaurant stark geschminkte blonde Frauen auf.
       Sie tanzen im 30-Minuten-Takt zu russischen und chinesischen Liedern, aber
       auch zu amerikanischer Popmusik. Russland wirkt hier weniger wie ein enger
       Nachbar, sondern wie ein exotisches Land im weit entfernten Westen.
       
       ## Zum Einkaufen nach China
       
       In Suifenhe, drei Stunden mit dem Zug von Harbin entfernt, ist die Grenze
       zu Russland greifbar nahe. Die Hochhäuser sind mit russischen Zwiebelhauben
       versehen, mitten durch den Ort rattern Güterzüge Richtung Grenze, und auf
       den bunt beschrifteten Schildern der hügeligen Innenstadt ist fast so viel
       Russisch wie Chinesisch zu lesen. Doch anders als in Harbin dienen die
       Schilder nicht dazu, chinesische Touristen anzulocken, sondern russische –
       von denen nur die wenigsten Chinesisch können.
       
       Die Grenzstadt mit rund 115.000 Einwohnern lebt vom Handel mit Russland.
       Die Straßen sind voller russischer Touristen mit prall gefüllten
       Einkaufstaschen. Kleidung, Haushaltsgeräte, Elektronik und Medikamente sind
       besonders beliebt. In Russland kosten viele dieser Waren oft doppelt so
       viel wie in China.
       
       „Seit den Lockerungen der Einreisebeschränkungen läuft das Geschäft wieder
       deutlich besser“, sagt eine Brillenhändlerin im Erdgeschoss eines
       Kaufhauses. Trotz jahrelanger Bekundung der grenzenlosen Partnerschaft
       dürfen russische Staatsbürger erst seit September 30 Tage lang visumfrei
       nach China einreisen. Deutsche können das schon seit Ende 2024.
       
       Für Suifenhe ist das eine wichtige Entwicklung. Denn nun sind auch
       außerhalb der Ferienzeiten die fast ausschließlich von russischen Kunden
       besuchten Kaufhäuser gut gefüllt. „Am besten lief es aber noch vor der
       Pandemie und dem Krieg“, sagt die Brillenhändlerin, nachdem sie auf
       Russisch mit einer Kundin über den Preis einer Sonnenbrille verhandelt.
       „Der Rubel ist einfach zu schwach.“
       
       Außerhalb der Kaufhäuser hat sich angesichts des Ukrainekrieges ein anderes
       Geschäft etabliert: der Handel mit Gebrauchtwagen. China gerät im Westen
       immer wieder dafür in die Kritik, dass sanktionierte Produkte über
       chinesische Grenzen nach Russland gelangen. Nach Angaben aus Brüssel ist
       China (einschließlich Hongkong) für etwa 80 Prozent der Umgehung von
       EU-Sanktionen gegen Russland verantwortlich. Im neu verabschiedeten 20.
       Sanktionspaket der EU sind mehr chinesische Firmen betroffen als je zuvor.
       
       Obwohl der Marktanteil chinesischer Autofirmen wächst, sind in Russland die
       japanischen und deutschen Verbrenner-Autos immer noch am beliebtesten. Seit
       dem Beginn des Ukrainekrieges sind diese in Russland wegen der Sanktionen
       aber nicht mehr erhältlich. Zumindest nicht als Neuwagen – gebraucht aber
       schon.
       
       Einige davon kommen aus Suifenhe. Dass die Fahrzeuge der zahlreichen
       lokalen Gebrauchtwagenhändler für russische Käufer bestimmt sind, erkennt
       man an den russisch beschrifteten Schildern. Auf den Parkplätzen der
       Autohändler außerhalb der kleinen Innenstadt sind Autos jeder Marke und
       Größe zu finden.
       
       Viele scheinen kaum benutzt. Denn auch verbotene Neuwagen gelangen immer
       häufiger über die Grenze nach Russland, indem sie erst in China als
       Gebrauchtwagen deklariert werden. Im vergangenen Jahr wurden fast 47.000
       neue BMW, Mercedes und Fahrzeuge der Volkswagen-Gruppe in Russland
       registriert. Die russischen Käufer sieht man hier allerdings selten. „Das
       läuft hauptsächlich über Mittelsmänner“, sagt ein Händler, der anonym
       bleiben möchte.
       
       Abends trifft man die Russen in den Bars, wo es billiges Bier,
       Wodka-Cocktails und russische Musik gibt. Gemischte Gruppen sieht man
       selten in Suifenhe. Die einheimischen Chinesen bleiben meist unter sich.
       Und während viele Chinesen hier Russisch sprechen, beherrschen nur wenige
       Russen die Sprache ihrer Gastgeber. Auch rund 1.000 Kilometer nördlich, in
       der Grenzstadt Heihe, ist das nicht anders.
       
       ## Seilbahn über den Grenzfluss
       
       Direkt gegenüber von Heihe, auf der anderen Seite des Flusses Amur, liegt
       die russische Stadt Blagoweschtschensk. Der „Fluss des schwarzen Drachen“,
       wie er auf Chinesisch genannt wird, ist das halbe Jahr über gefroren und
       auf den Straßen schmelzen im Frühling noch meterhohe Schneehaufen langsam
       vor sich hin.
       
       Im Sommer wird der Fluss jedoch täglich von Hunderten Touristen mit der
       Fähre überquert. Und seit Januar 2025 kann man auch bei den minus 40 Grad,
       die es hier manchmal im Winter werden, über die neue Straßenbrücke nach
       Heihe gelangen. Die Brücke ist die einzige Straßenverbindung über den Amur,
       der auf mehreren tausend Kilometern die natürliche Grenze zwischen Russland
       und China bildet.
       
       Neben einem einsamen alten Riesenrad, das schon seit Jahren außer Betrieb
       ist, entsteht ein weiteres Grenzprojekt: eine Seilbahn, die die beiden
       Städte über den Fluss verbindet. Der Bau begann bereits 2021 und auf der
       chinesischen Seite wirkt die mehrstöckige, glitzernde Seilbahnstation
       nahezu fertig. Doch selbst aus der Ferne ist zu erkennen, dass es auf
       russischer Seite noch einige Baustellen gibt.
       
       „In Russland läuft alles einfach langsamer“, sagt Tang, ein chinesischer
       Student, der in Blagoweschtschensk Russisch studiert. Er kommt regelmäßig
       übers Wochenende nach Heihe – vor allem, um günstig einzukaufen. An der
       Hotelrezeption warten mehr als 10 Pakete auf ihn. „Viele dieser Sachen
       kosten in Russland mindestens dreimal so viel wie hier“, erzählt er. Einen
       Fernseher für seine neue Wohnung hat er ebenfalls bestellt.
       
       Nach dem Studium möchte er Blagoweschtschensk wieder verlassen und nach
       China zurückkehren. Obwohl die Stadt größer als Heihe ist, sei es da zu
       langweilig und zu teuer. Viele Bewohner Heihes sehen das ähnlich. Trotz
       gelockerter Einreisebestimmungen für chinesische Touristen waren nur wenige
       schon einmal auf der anderen Seite des Flusses. „Warum auch?“, heißt es
       meistens. Abgesehen von Kasinos und Schießständen hätten die russischen
       Nachbarn nicht viel zu bieten. Daran kann die neue Seilbahn auch nicht viel
       ändern.
       
       Wie schon in Suifenhe gehen die Kontakte zwischen Russen und Chinesen auch
       hier selten über das Geschäftliche hinaus. In den Läden wird oft mühsam
       mithilfe von Übersetzungs-Apps gehandelt. Taxifahrer verlangen von
       russischen Kunden für kurze Fahrten einen Aufpreis. Mehrere Kneipen werden
       fast ausschließlich von Russen besucht. In einer tanzt eine Männergruppe
       betrunken zu russischer Musik und reicht dabei eine russische Fahne herum.
       
       An seinem letzten Abend in Heihe lädt Tang in ein nordchinesisches Badehaus
       ein. Es gibt Becken mit unterschiedlichen Temperaturen, eine Sauna und
       viele russische Gäste. An der Wand zwischen den beiden Hauptbecken hängt
       ein großer Fernseher. Obwohl die russischen und chinesischen Gäste
       weiterhin unter sich bleiben, schweifen ihre Blicke immer wieder zu
       demselben Bildschirm, auf dem chinesische Nachrichten laufen.
       
       Das Thema des Tages: die amerikanischen Angriffe auf den Iran. Auch in der
       Grenzregion verbindet Russen und Chinesen, mehr als die geografische Nähe,
       die große Politik.
       
       *Name von der Redaktion geändert
       
       18 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Estland-und-der-russische-Krieg/!6178811
 (DIR) [2] /China-ist-hypermodern-und-autoritaer/!6175541
 (DIR) [3] /Amnesty-Bericht-zur-Todesstrafe/!6179466
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tobias Kolonko
       
       ## TAGS
       
 (DIR) China
 (DIR) Russland
 (DIR) Handelspolitik
 (DIR) GNS
 (DIR) Wladimir Putin
 (DIR) Xi Jinping
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Xi Jinping
 (DIR) Reiseland China
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) KP China
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Putin und Trump in China: Der hofierte KP-Chef
       
       In Peking geben sich die Regierungschefs der USA und Russlands die Klinke
       in die Hand. Dabei ist klar, wer von den beiden Chinas Präsident Xi
       nähersteht.
       
 (DIR) Treffen von Xi und Putin: Frieden predigen, Krieg bereiten
       
       Kurz nach Trumps Besuch empfängt Chinas Staatschef Xi seinen „alten Freund“
       Machthaber Putin. Das hat nicht nur symbolische Gründe.
       
 (DIR) China ist hypermodern und autoritär: Eigentlich ganz schön hier
       
       Während Trump und Xi in Peking Deals aushandeln, wird das hypermoderne
       China immer beliebter. Zeit, sich an den Wert der Demokratie zu erinnern.
       
 (DIR) Chinesisch-russische Beziehungen: Warme Töne mit kaltem Kalkül
       
       Peking hält Putins Kriegsindustrie am Laufen, beliefert aber auch die
       Ukraine mit Drohnen. Dahinter stehen nicht nur kommerzielle Interessen.
       
 (DIR) Autoritäres Bündnis Russlands und Chinas: Xi und Putin demonstrieren Einigkeit​
       
       Sie loben sich und unterzeichnen 20 Abkommen: Chinas Präsident und
       Russlands Präsident rücken immer näher zusammen. In Sachen Ukraine lässt Xi
       Russland freie Hand.