# taz.de -- Autonomes Fahren in den Niederlanden: Wer unterstützt hier eigentlich wen beim Fahren?
       
       > Als erstes Land Europas lassen die Niederlande weitgehend autonom
       > fahrende Autos auf die Straße. Was das bedeutet – und wie es klappt.
       
 (IMG) Bild: Freihändig hinterm Steuer: Der Wagen ist mit einer autonomen Fahrsoftware von Tesla ausgestattet
       
       „Ich tu nichts, das ist doch fantastisch!“, sagt Jurgen van Kreij. Zum
       Beweis hebt er die Hände in die Luft, während das Lenkrad seines Autos sich
       automatisch dreht. Der Mann mittleren Alters aus Hengelo, einer Kleinstadt
       im Osten der Niederlande unweit der deutschen Grenze, ist auf dem Weg zur
       Arbeit – in seinem Tesla, ausgestattet mit einer Funktion fürs Full
       Self-Driving (FSD). Wenige Tage zuvor hat die Straßenverkehrsbehörde RDW
       dieser die Zulassung erteilt. Zumindest sofern eine Person hinter dem
       Steuer sitzt, die jederzeit eingreifen kann. Die offizielle Bezeichnung
       lautet daher: FSD supervised, also: überwacht.
       
       In Europa ist dies eine Premiere. Van Kreij, ein Mann im Kapuzenpullover,
       gehört damit zu den Pionier:innen, die von diesem
       „Fahr-Unterstützungs-System“, so nennt es der RDW, Gebrauch machen können.
       An Bord: Journalist:innen der Regionalzeitung [1][Twentsche Courant
       Tubantia], die van Kreij auf einer seiner ersten Fahrten begleitete und
       filmte. Der Fahrer erklärt, zehn Kameras hätten das Geschehen auf der
       Straße „kontinuierlich im Blick“. Fazit: „Es ist sicherer, als wenn ein
       Mensch fährt.“
       
       Eine weitere Kamera, angebracht über dem Innenspiegel, ist auf die Person
       am Steuer gerichtet. „Ich muss weiterhin auf die Straße achten und meine
       Hände in der Nähe des Steuers halten“, betont van Kreij, „sonst fängt er an
       zu piepen und macht Lärm“. „Er“, das ist sein Tesla.
       
       Mehrere Szenen illustrieren die Kapazitäten des Systems, das für einmalig
       7.500 Euro oder ein monatliches Abonnement von 99 Euro angeschafft werden
       kann: So biegt der Tesla einmal „überraschend“ nach rechts ab, was sein
       Fahrer normalerweise nicht tut. „Wahrscheinlich vermeidet er so eine
       Ampel.“ An anderer Stelle bremst er vor einem Kreisverkehr für einen
       Radfahrer, der schnell die Straße überquert, „obwohl er eigentlich hätte
       weiterfahren können“.
       
       ## Tesla nimmt selbstständig eine Autobahnauffahrt
       
       Laut der niederländischen Technologieplattform [2][tweakers.net] kann die
       Selbstfahrfunktion auch selbstständig überholen und Autobahnabfahrten
       nehmen. Ein „beträchtlicher Fortschritt“ sei dies gegenüber gängigen
       Pkw-Modellen, die über unterstützende Eigenschaften auf der Autobahn
       verfügen, wie etwa das Einhalten der Fahrspur oder Anpassen der
       Geschwindigkeit. Zudem sei es in diesen Fällen zwingend nötig, dass
       Fahrer:innen die Hände am Steuer halten. Das von Ford angebotene
       BlueCruise-System ist hier eine Ausnahme, vermag aber weder Abfahrten zu
       nehmen noch den Fahrstreifen zu wechseln.
       
       Deutlich wird vor diesem Hintergrund, dass die nun zugelassene
       Tesla-Funktion die Frage, wer hier eigentlich wen beim Fahren unterstützt,
       neu stellt. Die Antwort fällt nicht mehr eindeutig aus, auch wenn die
       Person hinterm Steuer zu jeder Zeit verantwortlich ist. Zudem illustriert
       die Entwicklung von Systemen wie BlueCruise oder FSD, warum gerade die
       Automobilindustrie so empfindlich ist, wenn, wie [3][im Streit um den
       niederländisch-chinesischen Halbleiterfabrikanten Nexperia], die
       Verfügbarkeit von Chips unterbrochen zu werden droht.
       
       Bezüglich der Fahreigenschaften zieht Tweakers-Redakteur Hayte Hugo nach
       einem von Tesla angebotenen Probetag am Steuer im Übrigen ein gemischtes
       Fazit. Während er im Festungsstädtchen Muiden mit seinen engen Straßen
       „eher das Gefühl hatte“, das Auto könne die Verkehrssituation besser
       überblicken als er selbst, musste er in anderen Situationen eingreifen –
       etwa, als das Fahrzeug auf eine grüne Ampel nicht reagierte oder
       fälschlicherweise bei einer roten, die einer anderen Spur galt, bremste.
       Sein Fazit lautet entsprechend: meistens selbstfahrend.
       
       Die Verkehrsbehörde RDW gibt in ihrer Erklärung an, das System sei „länger
       als anderthalb Jahre ausführlich untersucht und auf unserer Teststrecke und
       öffentlichen Straßen getestet“ worden. Die richtige Verwendung trage
       positiv zur Verkehrssicherheit bei. Ausdrücklich betont man, FSD sei nicht
       mit selbstfahrend gleichzusetzen. Zudem gelten in Europa strengere
       Sicherheits- und Umweltvorschriften als in den USA.
       
       Nach der Zulassung in den Niederlanden können Verkehrsbehörden [4][in
       anderen EU-Ländern] nachziehen. Der RDW will einen entsprechenden Antrag
       bei der EU-Kommission stellen. Für eine Zulassung in der gesamten Union ist
       eine Abstimmung der Mitgliedstaaten nötig.
       
       29 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.tubantia.nl/?referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F
 (DIR) [2] https://tweakers.net/
 (DIR) [3] /Konflikt-um-Chiphersteller-Nexperia/!6154157
 (DIR) [4] /Autonomes-Fahren-in-Europa/!6171370
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tobias Müller
       
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