# taz.de -- Probleme der Automobilindustrie: Die Krise kommt im Stadtsäckel an
> Baden-Württemberg verdankt seinen Wohlstand der Autobranche. Doch jetzt
> kommt deren Krise auch in den Gemeinden an: Die Steuereinnahmen sinken.
(IMG) Bild: Wie geht's der Industrie? Spiegelbild der Daimler-Konzernzentrale in einer Wasserpfütze in Untertürkheim, Baden-Württemberg
In Stuttgart ist die Autokrise im Stadtsäckel angekommen. Die für die Stadt
bedeutenden Einnahmen aus der Gewerbesteuer sind aufgrund der Krise bei
Mercedes und Porsche von 1,3 Milliarden Euro im Jahr 2024 auf 750 Millionen
im vergangenen Jahr gesunken. Da heißt es Sparen und Kredite aufnehmen:
Grüne und CDU kriegen für den Sparhaushalt allerdings keine Mehrheit
zusammen: Die FDP ist gegen die geplante Erhöhung des Gewerbesteuersatzes,
die Linke gegen die Kürzung sozialer Ausgaben.
Gewerbesteuer nahe null, so könnte sogar der Haushalt im badischen Rastatt
im nächsten Jahr aussehen. Die schmucke Stadt zwischen Karlsruhe und
Baden-Baden mit einem Barockschloss und vor allem einem Daimlerwerk hat
jahrelang gut gelebt von der [1][Automobilindustrie]. Immerhin 90 Millionen
Euro an Gewerbesteuereinnahmen konnte man in den vergangenen Jahren
verbuchen. 2025 war es nur noch ein Drittel davon. In diesem Jahr muss die
Gemeinde schauen, wie sie ihre öffentlichen Einrichtungen womöglich ohne
Einnahmen des größten Steuerzahlers finanziert.
Stuttgart, Heilbronn, Rastatt, Sindelfingen. Wohin man im Land schaut, die
finanzielle Krise der Gemeinden trifft besonders jene Städte hart, die
bisher dank der Autoindustrie und ihrer Zulieferer zu den besonders
wohlhabenden gehört haben. Ob Stuttgart zum neuen Detroit werden könnte,
fragen die Medien und malen einen Verfall wie in der einstigen
amerikanischen Autostadt zum Zentrum von Kriminalität und sozialem Abstieg
an die Wand. Auch wenn es nicht gleich so schlimm kommen muss, sind die
Anzeichen einer tiefen Strukturkrise im Südwesten nicht zu übersehen.
Im vergangenen Jahr sind in ganz Deutschland 50.000 Stellen in der
Autoindustrie weggefallen. Bis Ende 2030 wird allein Bosch als einer der
größten Automobilzulieferer 22.000 Arbeitsplätze abbauen. Ausgerechnet ein
Unternehmen, das sich im Sinne des Gründers immer für das Wohlergehen
seiner Mitarbeiter eingesetzt hat. Doch jetzt herrscht vor allem in den
Standorten Schwieberdingen, Waiblingen und Bühl die Sorge, dass die Stellen
nicht mehr sicher sind, auch wenn betriebsbedingte Kündigungen bis 2027
erstmal ausgeschlossen wurden. Anders als beim Zulieferer Allgeier
Automotive im schwäbischen Uhingen. In dem Betrieb mit 750 Mitarbeitern hat
der Insolvenzverwalter übernommen. Im Dezember gingen die Lichter aus.
## Zulieferer besonders betroffen
Die Zulieferer betrifft die Krise besonders. Viele von Ihnen sind auf
Verbrenner spezialisiert, oder wenn sie verspätet in den Trend zur
E-Mobilität und zum autonomen Fahren eingestiegen sind, können sie mit der
meist günstigeren Konkurrenz aus China nicht mehr mithalten. Wer kann, wie
der Lüftungsspezialist EBM Pabst in Mulfingen, verabschiedet sich ganz aus
der Autobranche und baut andere Segmente aus, der Lüftungsspezialist Pabst
etwa die Herstellung von Wärmepumpen. Andere stoppen wegen zu hoher Kosten
ausgerechnet Investitionen in die Zukunftsthemen. So bleibt ein
Bosch-Technologiezentrum für autonomes Fahren in Leonberg nach den jetzt
verkündeten Einsparmaßnahmen eine Bauruine.
Die Automobilindustrie hat den [2][Trend zur E-Mobilität verpasst], darin
sind sich Branchenexperten heute einig, oder sie haben vor allem
Luxuslimousinen mit einem E-Antrieb ausgestattet und damit auf den
chinesischen Markt gestarrt. Der wird nun von eigenen Automarken bedient,
die Luxus wesentlich günstiger herstellen als Mercedes oder Porsche.
## Kein Weg zurück
Aber auch wenn die EU das Verbrenner-Aus aufweicht: Jeder in der Branche
weiß, dass es keinen Weg zurück in die Verbrennerwelt gibt. Deshalb steht
beim Grünen Landesparteitag im Dezember auch [3][Michael Brecht am
Rednerpult], der Gesamtbetriebsrats-Chef von Daimler Trucks.
Die Belegschaft wisse, dass die Zukunft überwiegend elektrisch sei, sagt
Brecht und die Grünen applaudieren. Sein Unternehmen investiere weiter in
elektrisierte Nutzfahrzeuge. Deshalb sei es empörend, dass ausgerechnet der
Staatsbetrieb Deutsche Bahn nun günstigere chinesische Bus-Modelle ordert
und nicht bei Daimler Trucks kauft. Brecht sagte aber auch, dass in der
Krise keinem geholfen sei, wenn man an starren Daten für das Verbrenner-Aus
festhält oder wenn die Autohersteller in der Krise Millionenstrafen an die
EU zahlen müssen, weil die Flotten nicht die CO2-Grenzwerte einhalten.
Dieses Geld werde gebraucht, um in neue Technologie zu investieren.
Brecht spricht von Effizienz und schmerzhaften Einschnitten bei der
Belegschaft, um Daimler Trucks effizienter zu machen und Kündigungen bis
2035 auszuschließen. Entscheidend sei, sagt er, dass Deutschland endlich
eine eigene Batteriezellenfabrik aufbaut. „Die Batteriezelle entscheide
über Reichweite, Kosten und Lebenszeit des Autos“.
Die Automobilbranche gibt den Kampf noch nicht verloren. Auch in
Friedrichshafen beim weltweit größten Zulieferer „ZF“ wird der dicke rote
Kugelschreiber angesetzt: Das Unternehmen hat neben den Branchenproblemen
auch hausgemachte Sorgen. Investitionen haben Milliarden-Schulden
verursacht. Jetzt sollen sechs Milliarden Euro eingespart werden, bis zu
14.000 Arbeitsplätze könnten wegfallen. Das entspricht etwa einem Viertel
der deutschen Belegschaft.
Aber der neue CEO des Unternehmens, Mathias Miedreich, sieht, wie es sein
Job ist, Chancen: Wenn es um Fahrsicherheit gehe, bei allem, was mit
Konstruktion und elektronischer Steuerung des Fahrgestells zu tun hat,
könnten die Chinesen den Deutschen nicht das Wasser reichen, sagte
Miedreich bei seinem Besuch im Stuttgarter Wirtschaftspresseclub. Immerhin
ein Feld, das auch beim autonomen Fahren von entscheidender Bedeutung
bleibt. Er sehe nicht, dass China in den nächsten Jahren in diesem Bereich
aufhole. Sein Unternehmen werde hier weiter investieren, kündigt Miedreich
an.
Ein Hoffnungsschimmer für Arbeitsplätze in Baden-Württemberg? Nicht
unbedingt. ZF hat anders als die Konkurrenz den allergrößten Anteil seiner
Belegschaft in Deutschland. Aber in der Logik des Markts ist das ein
Nachteil. Deutschland als Produktionsstandort ist teurer. Die Fabriken
müssen deshalb nicht unbedingt verschwinden. Aber sie müssten sich, so hört
man es immer wieder in der Branche, zu sogenannten „Dark Factorys“ wandeln.
Fabriken also, in denen kein Licht mehr brennen muss, weil Maschinen
Ki-gesteuert arbeiten. Arbeiter braucht es in so einer Produktion keine
mehr.
17 Feb 2026
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