# taz.de -- Verkehr in Zeiten der Energiekrise: Grenzenlos reisen mit dem Niederlandeticket?
> Mit einem Monatsabo will die niederländische Regierung Bahnfahren
> fördern. Vorbild: das Deutschlandticket. Doch die Bedingungen sind
> unterschiedlich.
(IMG) Bild: Das Nederlandticket soll 49 Euro kosten
Verbilligtes Zugfahren dank einer landesweit gültigen Monatskarte – mit
diesem aus Deutschland bestens bekannten Konzept wollen die Niederlande den
Effekt der Energiekrise auf die Bevölkerung abfedern und Anreize für
nachhaltiges Reisen setzen. Während des Sommers sollen die Menschen für 49
Euro im Monat kreuz und quer durchs Land fahren können. Mit Bussen,
Straßenbahnen und Metros sind auch andere öffentliche Verkehrsmittel im
sogenannten Nederlandticket enthalten.
Zurück geht es auf eine Initiative der grün-roten Oppositionspartei
GroenLinks-PvdA. Der Fraktionsvorsitzende Jesse Klaver betont den doppelten
Effekt auf sozialer und ökologischer Ebene. Auch Ministerpräsident Rob
Jetten von den liberalen Democraten 66 sprach bei einer Parlamentsdebatte
von „einem sehr schönen Angebot für die Niederländer*innen, um gerade in
den Sommermonaten zahlreich den öffentlichen Verkehr zu benutzen“.
Jettens [1][zentrums-rechte Minderheitsregierung] wie auch das Parlament
stehen dem Projekt positiv gegenüber. Finanziert werden soll es mit 118
Millionen Euro aus dem Etat des Ministeriums für Infrastruktur und
Wasserwirtschaft. Das Ticket gilt als Ergänzung zu einem Maßnahmenpaket,
mit dem die Regierung die Folgen der hohen Energiepreise mildern will – zum
Beispiel höhere Reisekostenerstattung für Arbeitnehmer*innen, niedrigere
Kfz-Steuern oder einen Energie-Notfonds für arme Haushalte.
Mit dem Nederlandticket rückt, ähnlich wie in Deutschland, eine Diskussion
darüber in den Fokus, wie sinnvoll das Angebot zu den geplanten Bedingungen
ist. Dass 49 Euro monatlich nicht gerade ein Super-Schnäppchen sind, liegt
in beiden Ländern auf der Hand – ebenso die Tatsache, dass sich der Preis
erst ab einer Reihe von Fahrten lohnt. Für niederländische Haushalte fallen
zudem deutlich höhere Kosten für Lebensmittel an. Ein
GroenLinks-PvdA-Vorschlag für ein monatliches Neun-Euro-Ticket erwies sich
Anfang April als nicht mehrheitsfähig.
## Nederlandticket enthält Intercity-Verbindungen
Im Vergleich mit dem Deutschlandticket fallen vor allem zwei Aspekte ins
Auge. Ein Vorteil ist, dass in den Niederlanden die schnellen
Intercity-Verbindungen, die ausländischen Reisenden optisch durch die
markanten gelb-blauen Züge in Erinnerung bleiben, nicht von dem Angebot
ausgenommen sind. So lassen sich auch die längsten Entfernungen innerhalb
des kleinen Landes, wie etwa von Groningen nach Maastricht, in rund vier
Stunden zurücklegen. Eine Fahrt mit dem Nederlandticket wird daher nicht
zwangsläufig ein langwieriges Tingeln über abgelegene Dörfer und
Kleinstädte bedeuten.
Dem gegenüber steht, dass das Versprechen vom „unbeschränkten Reisen“, eine
Werbe-Rhetorik, die auch in vielen niederländischen Medien achtlos
übernommen wird, vollkommen an den Tatsachen vorbeigeht. Gültig sein soll
das Ticket nämlich an Wochentagen nur außerhalb der Stoßzeiten, also nicht
zwischen halb sieben und neun sowie 16 und 18.30 Uhr. Für
[2][Pendler*innen und andere Personen, die nicht flexibel reisen
können], ist das Angebot damit nur an Wochenenden und Feiertagen
interessant.
„Für Familien, die nicht in den Urlaub fahren können, wird es einfacher.
Leuten, die ihre Zeiten nicht anpassen können, weil sie zum Beispiel
unterrichten, hilft man damit nicht“, zitiert die Nachrichtenwebsite nu.nl
die Fahrgäste-Vereinigung Rover. Die zeitliche Zerstückelung von
ÖV-Angeboten ist in den Niederlanden unterdessen Standard. So bietet der
Bahnkonzern Nederlandse Spoorwegen bereits ein Monatsticket zu den gleichen
Konditionen wie das nun geplante an – für 127,95 Euro. Im Prinzip wird die
Regierung also einen zeitlichen Rabatt auf diesen Preis subventionieren.
Auch das reguläre Pendant zur Bahncard, das einst außerhalb der
morgendlichen Rushhour 40 Prozent Nachlass auf alle Züge bot, ist seit 2021
zur abendlichen Hauptverkehrszeit nicht mehr gültig. Seitdem können sich
Bahnkund*innen aus einer Palette spezifischer Abonnements bedienen und
damit ein persönliches Paket zusammenstellen. In den calvinistisch
geprägten Niederlanden mit ausgeprägter Sparfuchs-Mentalität, wo auch das
Kalkulieren mit dem vermeintlich günstigsten Tarif zur
Krankenkassen-Eigenbeteiligung ein Volkssport ist, spricht dieses Prinzip
tatsächlich viele Kund*innen an.
## Nederlandse Spoorwegen machten 2025 Gewinne
Im Endeffekt wird das Bahnfahren aber trotz allem strukturell teurer. So
brachte eine Preiserhöhung von Tickets und Abonnements den Nederlandse
Spoorwegen 2025 erstmals seit sechs Jahren leichte Gewinne ein. Wie in
anderen Ländern auch haben zudem Inhaber*innen von Abonnements seit
2023 keinen Anspruch mehr auf eine Ermäßigung bei Fahrten über die Grenze:
das einstige internationale Angebot Rail Plus, das mal 25 Prozent Rabatt
für den ausländischen Streckenteil bot, wurde 2023 abgeschafft.
Zahlreiche Kritiker*innen betonen, dass das Nederlandticket nun weder
[3][die Energiekrise lösen] noch Mobilität für arme Haushalte grundsätzlich
erschwinglich machen wird. Wohl aber zeigt die Debatte, ob
Regierungsmaßnahmen vor allem als sozial-ökonomischer Hebel gedacht sind
oder auch eine ökologische Dimension haben. Rechte Parteien im Den Haager
Parlament kritisierten das geplante Paket unlängst als zu grün.
1 May 2026
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(DIR) Tobias Müller
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