# taz.de -- Kurzfilmtage Oberhausen: Aus Licht Magie machen
       
       > Bei den 72. Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen gewinnt „Opera“ von
       > Igor Zelić gleich mehrere Preise. Im Themenprogramm wurde über KI
       > diskutiert.
       
 (IMG) Bild: Igor Zelić arbeitet in „Opera“ virtuos mit Überblendungen
       
       Tiefste Nacht, nur ein paar Schlaglichter erhellen hier und da dürftig
       einige Äste und Büsche. Schritte sind zu hören, und bei genauer Betrachtung
       lässt sich irgendwo im Hintergrund ganz klein der Schatten eines Mannes
       ausmachen, der in einem Gebäude verschwindet. Nicht nur überrascht die
       Tiefe des Bildes, die im Dunkeln zuvor kaum einzuschätzen war; in den paar
       Sekunden, in denen der Blick sich auf den Mann konzentriert hat, haben sich
       fast unmerklich die Lichtverhältnisse im Rest des Bildes geändert. Nicht,
       dass die Raumverhältnisse jetzt besser zu erkennen wären, aber andere
       kleine Lichtinseln als zuvor geben Astwerk und auch Andeutungen von
       Fenstern und Häuserwänden preis.
       
       So beginnt „Opera“, ein knapp 20-minütiger Film des Kroaten Igor Zelić, der
       am Sonntag gleich von mehreren Jurys bei den 72. [1][Internationalen
       Kurzfilmtagen Oberhausen] ausgezeichnet wurde. Neben der Internationalen
       Jury, die dem Film den Hauptpreis verlieh, konnte „Opera“ außerdem noch die
       Jury des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW überzeugen
       und die Jury des internationalen Filmkritikerverbandes Fipresci. Eine
       Häufung, die umso bemerkenswerter ist, als 50 Filme im Internationalen
       Wettbewerb um die Preise konkurrierten – ungefähr zweieinhalb Mal so viel
       wie bei einem großen internationalen Langfilmfestival.
       
       Was macht „Opera“ so besonders? Im Katalog des Festivals wird er als
       „Experimentalfilm“ gelabelt, aber „experimentiert“ wurde hier nicht: Im
       Gegenteil, „Opera“ folgt einer virtuosen Regie, die offensichtlich nichts
       dem Zufall überlässt und ganz genau die Aufmerksamkeit des Publikums zu
       lenken weiß, zugleich aber unterläuft Zelić die Konventionen des
       gewöhnlichen narrativen Films. Erzählt wird in „Opera“ nämlich nicht über
       die Montage verschiedener Einstellungen, die Kamera bleibt starr, sondern
       allein über die sich ständig ändernde Lichtsetzung – und, wie bei genauem
       Hinsehen deutlich wird: Überblendungen.
       
       ## Puzzlespiel aus Lichtinseln
       
       Der Reiz für die Zuschauenden besteht zunächst in einem Puzzlespiel: Da
       immer nur einzelne wechselnde Lichtinseln Teile des Bildes erhellen,
       versucht das Gehirn unweigerlich ein Gesamtbild der Szenerie herzustellen,
       doch das will nicht so richtig gelingen. Zumal rudimentäre Handlungen immer
       wieder die Aufmerksamkeit vom Puzzlespiel ablenken: Ein Traktor fährt
       vorbei, eine alte Frau humpelt die gleiche Straße entlang, scheint aber in
       der Mitte des Bildes zu verschwinden, eine Frau hängt Wäsche auf einem
       Balkon auf, während ihr Mann neben ihr raucht. Die Nacht ist seltsam
       belebt.
       
       Nach ungefähr zwei Dritteln der Laufzeit deutet ein bläuliches Leuchten den
       beginnenden Morgen an. Die künstlichen Schlaglichter verschwinden, und
       endlich schält sich langsam die ganze Szenerie heraus. Das Bild ist jetzt
       menschenleer, und das Haus im Vordergrund, auf dessen Balkon eben noch das
       Paar stand, entpuppt sich im Tageslicht als fensterlose leerstehende Ruine
       – und „Opera“ damit als Geisterfilm.
       
       Der zweite große Gewinnerfilm der Kurzfilmtage ist „Dark Channel“ („Hei
       dong dong“) des Chinesen Yu Zhe, der ebenfalls drei Preise auf sich
       vereinen konnte: den Hauptpreis der Internationalen Jury, so etwas wie die
       Silbermedaille des Festivals, den Preis der Ökumenischen Jury und eine
       lobende Erwähnung der Jury des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des
       Landes NRW. Ähnlich wie in „Opera“ beschränkt sich der elfminütige „Dark
       Channel“ auf einen scheinbar banalen Handlungsort und arbeitet poetisch und
       kreativ mit Licht, das hier allerdings im Überfluss vorhanden ist.
       
       Ein schmaler Tunnel irgendwo in China, gleißend erhellt durch ein an der
       Decke entlanglaufendes Lichterband. Ab und zu kommen Menschen hier durch,
       zu Fuß oder auf dem Rad oder Mofa, nach einem Regenguss füllt sich der
       Boden des Tunnels mit Wasser. Ein ungemütlicher, abweisender Ort, und doch:
       Ein Frosch lebt hier und freut sich über die anschwellenden Pfützen, an der
       Decke fängt eine Spinne die Insekten, die das Deckenlicht anlockt, in ihrem
       Netz – und mit jedem Lufthauch, jeder Bewegung im Tunnel tanzen die
       Reflexionen des Deckenlichts auf der Wasseroberfläche am Boden in den
       schönsten Wellenlinien und Mustern. „Dark Channel“ zeigt, wie der genaue
       Blick einer Kamera die banalsten Orte verzaubern kann. Wie das Kino aus
       Licht Magie macht.
       
       ## Wahrheitsgehalt filmischer Bilder
       
       Diese Verbindung wird zunehmend prekär, wie das große Themenprogramm mit
       dem Titel „Based on True Events?“ in Oberhausen klar machte, das nach dem
       Wahrheitsgehalt filmischer Bilder fragte. 130 lang Jahre entstanden
       Filmbilder durch die Reflexion von Licht, das durch eine Linse auf analoges
       Filmmaterial oder einen digitalen Sensor traf.
       
       Mit den neuen Möglichkeiten der Videogeneration [2][mithilfe von KI] ist
       diese Verbindung gekappt, stattdessen können Bilder nun anhand von
       Textprompts nach statistischen Wahrscheinlichkeiten errechnet werden. Oder
       wie es die Medienwissenschaftlerin Ariana Dongus im Katalog des Festivals
       formuliert: „Das KI-Bild hat keine Herkunft im klassischen Sinne. Keinen
       Moment, keine Aufnahme, keine Entscheidung eines Menschen an einem
       bestimmten Ort.“
       
       Mithilfe von Rückblicken auf die Filmgeschichte – etwa das Kino der
       britischen Filmpioniere James Mitchell und Sagar Kenyon und die frühen
       Kurzfilme von Werner Herzog – wurde in Oberhausen aber klar gemacht, dass
       das Kino natürlich nie einfach nur eine Abbildung der Realität war, und
       zugleich wurde die Virtualität der KI-Bilder mit Blick auf die materiellen
       Bedingungen ihrer Entstehung relativiert – etwa auf die energiefressenden
       Datacenter, die überall auf der Welt aus dem Boden schießen.
       
       So führten in Oberhausen die scheinbar so selbstreferenziellen Fragen über
       die Verfasstheit filmischer Bilder immer wieder zu wichtigen politischen
       Fragen. Und so ist denn auch die politische Dimension von „Opera“ nicht in
       erster Linie in der Frage zu sehen, ob die Geister, die wir hier sehen,
       etwas mit der Vergangenheit der Jugoslawienkriege zu tun haben, sondern mit
       der Frage, wie das traditionelle Kino-Lichtbild unsere Wahrnehmung der
       Realität in die Irre führen kann.
       
       4 May 2026
       
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