# taz.de -- Zum Vatertag: Briefe an den Vater
> Nach dem Vorbild von Franz Kafka schreiben sechs Söhne an ihre Väter.
> Über Distanz, Abwesenheit, Geld und Herkunft. Sowie Schmerz und
> Dankbarkeit.
(IMG) Bild: Danke für alles, das du je für mich getan hast. Danke für nichts
Brief I
yo, motherfucker!
danke für alles, das du je für mich getan hast.
also danke für das absondern des ejakulats, mit dem meine mutter mich
erschuf, und ansonsten danke für nichts – eben für alles, das du je für
mich getan hast.
mit wenig amor und viel psyche grüßt
der absonderliche tim
ps: dass deine vollständige abwesenheit dafür gesorgt hat, dass ich mich in
hierarchien nicht gut einfügen kann, gefällt mir echt ganz gut. das bleibt
mir von dir.danke also auch dafür.
Brief II
Von allen Dingen, die ich werden wollte, von allen Dingen, die ich sein
wollte, eines wollte ich niemals werden, eines wollte ich niemals sein: der
Sohn eines Vaters. Dein Sohn.
Als Du gegangen bist, war ich zwei Jahre alt. Du warst noch sehr jung, als
ich geboren wurde, meine Mutter noch jünger, und nachdem Du endlich weg
warst, lebten wir bei meinen Großeltern. Und dann kamst Du alle zwei Wochen
an einem Sonntag um 14 Uhr, holtest mich ab und brachtest mich um 18 Uhr
wieder nach Hause. Vier Stunden war ich mit einem fremden Mann zusammen,
wir wussten beide nicht wirklich, was wir mit dem anderen anstellen
sollten. Als ich zwölf Jahre alt war, vereinbarten wir, dass wir diese
Treffen telefonisch verabreden würden, was zur Folge hatte, dass ich Dich
noch weniger sah. Ich vermisste Dich nicht. Ich habe Dich nie vermisst.
Trotzdem hat mich Deine Abwesenheit geprägt – sie prägt mich noch heute.
Und heute denke ich, dass ich vielleicht einfach nur das Gegenteil von Dir
geworden bin, der Andere. Ich denke das in den wenigen Augenblicken, in
denen wir uns sehen und sich unsere Leben überschneiden, und ich merke,
dass sie nicht passen, in keiner Weise. Deine Geselligkeit, Deine
Amüsiersucht, Dein Wesen.
Was ich Dir verdanke: Bis heute lehne ich jede männliche Autorität ab. Ich
will sie nicht im Leben haben, Männer dürfen keine Macht über mich
besitzen, ich lasse mir von Männern nichts sagen. Weil mir ein Mann niemals
etwas zu sagen hatte, weil ich mich nie nach einem Mann richten musste.
Ich wollte niemals ein Sohn sein, von Anfang an nicht. Ein Sohn ist klein,
zart und ängstlich. Ein Sohn steht in Abhängigkeit zu einer Person, im
schlimmsten Fall zu zwei Personen. Ein Sohn wird nicht alt, er wird nie
erwachsen. Ein Sohn muss gehorchen, er steht im Schatten. In meinem Leben
gab es diesen Schatten nicht.
Ich spreche Dich mit Deinem Vornamen an. Ich kann Dich nicht als etwas
benennen, was Du nicht bist. Man muss die Dinge beim Namen nennen, ein
Tisch ist ein Tisch und ein Stuhl ist ein Stuhl, aber Du bist kein Vater.
Und ich nicht Dein Sohn.
Brief III
Vater, Papa, Martin: Ich nenne dich nicht, nie, spreche nicht von dir, nie.
Was du hättest sein können? Vage. Wer ich hätte sein können? Ich bin!
Deine Existenz beschreibt sich durch ihre Abwesenheit. Wie wäre es gewesen,
einen Vater, dich als Vater zu haben? Dich zu dir zu sagen, zollt dir so
viel Anerkennung, dass es mich fast ekelt. Als wärst du gewesen. Vaterrolle
als Konjunktiv. Du bist ein Mann. Mehr bist du nicht. Nicht mal eine Lücke
warst du – wie dann Personalpronomen?
Da wo die Mutter Mama war, immer, warst du nicht: überall, immer.
Arbeitend, erziehend, anwesend, schreiend im Auto, schreiend gegen den Wind
an der Nordsee: Schwimm nicht so weit raus! Komm zurück! Keine Hand frei:
uns beide auf einem Arm. Drei Fahrräder auf dem Dachgepäckträger:
Mutterrolle. Alles Arbeit. Alles für eine: Mama. Ein Nullsummenspiel. Du
bist die Null.
Du bist Parameter in der Rechnung, von deren Lösung ich nicht wissen will –
weil sie auch so aufgeht: ohne dich.
Als wir als Kinder einen Vatertag einführen wollten, hattest du „Keine
Zeit“. Keine Zeit, kein Vater, kein Unterhalt. Der größte Effort, den du
dir uns bezüglich geleistet hast, war die Post von deinem Anwalt im
Bafög-Stress, warum du den Betrag xy dazugeben sicherlich nicht in der Lage
sein wirst.
Ich durfte als Junge nicht in den Fußballverein, um nicht zu werden „wie
andere Männer“; kam bekifft nach Hause: „Du wirst wie dein Vater!“ Hätte
ich mit ’ner väterlichen Tracht Prügel genauso viel Scheiße gebaut? – Du
hast Scheiße gebaut!
Teller hast du an die Wand geschmissen, erzählt die Mutter. „Ich klatsch
den gleich an die Wand“, hast du gesagt, als ich als Baby schrie – hast uns
wohl doch mal besucht. Dann wir dich mit fünf. Dein Fahrrad riesig, deine
Wohnung klein, mit Dartscheibe und Eis im TK: „Wow!“ Wie leicht es ist,
Kinder (mich) mit nichts (dir) zu beeindrucken, während alles (Mama) für
bare Münze genommen wird: weil allgegenwärtig.
Als wir uns nochmal trafen, war ich 28, du nervös. „Hab gehofft, du magst
Autos!“ Dem unsicheren Versuch bin ich nicht böse: Du warst nie Vater. Dich
mir gewünscht hätte ich mir nur für die Mutter, dass mal einer sagt: „Lass!
Ich mach schon.“ Als letztens zwei vom Tod ihres Vaters erzählten, schrieb
ich dir angetrunken eine Nachricht: „Ob“. Als am Tag darauf nicht sofort
Rückmeldung kam, schriebst du: „Habe jetzt den ganzen Tag auf einen Anruf
gewartet. Auch ich habe ein gewisses Pensum zu erfüllen! Verkehre in der
Regel mit Menschen, die zu ihrem Wort stehen. Zu allen anderen bin ich nur
freundlich. Martin“ Was für anrufen, „Martin“? Was soll Mann dazu sagen,
„Martin“? Jeder Kraftausdruck für dich wär Energieverschwendung. Nur meine
Mutter hat Kraft ausgedrückt: Du bist nicht, sondern wurdest gegangen.
Bevor ich diesen Brief hier schreibe, verschick ich erstmal den an meine
Mutter.
Brief IV
Lieber Papa, wir haben nie über Geld gesprochen. Es war einfach da – nie
viel, aber immer genug für das, was wichtig war: Schulbücher, Sprachreisen.
Thank you und merci dafür. Woher es kam, habe ich mich erst viel später
gefragt. Siemens – klar. Du bist ein Siemensianer, wenn auch kein aktiver
mehr, doch ein stolzer. Was wie eine Dinosauriergattung klingt, war in
meinen Augen lang die Bezeichnung für jene Menschen, die die Welt nach den
Kriegen des 20. Jahrhunderts wieder aufgebaut haben – mit Kraftwerken,
Turbinen, Energienetzen. In Indonesien, Japan, Lincoln und Finspång.
Und dann die Frage: Habt Ihr Erlanger Industriesoldaten damit auch einen
Anteil am Zustand der Welt? Den Globus mitkonstruiert – und Ungleichheiten
vertieft? Vielleicht stimmt beides.
Du warst die Begrenzungslinie meines Denkens, der Abgesandte einer Welt, in
die ich selbst vordringen wollte. Dein Vater, geboren 1902, war das für
Dich nicht – er war wohl kein liebevoller Mann. Du wolltest es anders
machen und hast es um ein Vielfaches besser gemacht – und ich glaube, das
hat mich mehr geformt, als ich lange zugegeben habe.
Auf dein Selbstwirksamkeitswissen bin ich manchmal neidisch – und weiß, was
es gekostet hat. Du warst häufig angespannt, hast deine Frau mit dem
Projekt „Familie“ allein gelassen. Aus heutiger Sicht wirkt das
Alleinverdienermodell auf mich absurd – dabei verlieren alle.
Das ist der Graben zwischen uns: Ich bin skeptisch, Du bist voller
Vertrauen. Ich bin fragmentiert, Du bist im entscheidenden Sinne ganz. Am
meisten bewundere ich Deine Neugier, Deine Unnachgiebigkeit in Beziehungen,
die Dir wichtig sind – und dass Du dabei wirklich bei Dir bist. Kein
Gehabe, keine breitbeinige Männlichkeit. Du umarmst die Welt, manchmal so
kindlich, dass es schwer auszuhalten ist. Und doch gehen wir auch dadurch
gemeinsam. Danke, Papa.
Brief V
Babacım, es war morgens um halb fünf in Deutschland. Ich lag in meinem
Bett, und aus dem Badezimmer erschallte dein immer gleicher Gesang aus der
Dusche: „Kanaryam güzel kuşum, ben sana vurulmuşum, hüzünlü bakma öyle,
benim şarkımı söyle.“ Übersetzt: „Mein Kanarienvogel, mein wunderschöner
Vogel, ich bin ganz vernarrt in dich. Schau nicht so traurig. Sing mein
Lied.“
Danach zogst Du Deinen feinen Anzug an, klatschtest Dir viel zu viel Dior
Fahrenheit auf die Wangen und schlichst Dich ins Kinderzimmer, in dem wir
drei Geschwister in unseren Etagenbetten schliefen, und gabst jedem einen
dicken Schmatzer auf die Backe. Ich habe mir nie anmerken lassen, dass ich
schon wach war.
Wiedersehen würde ich Dich meist erst spätabends. Du kamst rein, schlangst
hastig dein Abendessen hinunter, und ehe ich mich versah, schliefst Du laut
schnarchend im Anzug auf dem Sofa, TRT im Hintergrund auf voller
Lautstärke.
Dass Deine Tage wirklich schon um halb fünf begannen, habe ich erst
Jahrzehnte später begriffen. Du reagierst heute noch verwundert, wenn ich
von meinem Job erzähle. Stolz bist Du trotzdem. Aber wie soll meine
Realität auch in Deinen anatolischen Schädel reingehen? Du kamst Anfang der
70er als 18-jähriger Junge nach Deutschland, hast alles hinter Dir gelassen
und Dich in der Fremde abgerackert – Bananen erst gegessen, wenn sie
schwarz waren, die Wohnung mit Sperrmüll eingerichtet. Für später. Immer
nur für später.
Und jetzt sitzen wir auf der Terrasse deiner Gastarbeiter-Villa an der
ägäischen Küste, der Tisch voll mit Melonen, Simit, Menemen, Oliven, selbst
gemachter Marmelade. Ich mampfe gemütlich vor mich hin, während Du längst
fertig bist und still ins Leere blickst.
Ich bin nicht wütend auf Dich. Ich bin wütend auf Deutschland. Manchmal
frage ich mich, ob das Gastarbeiterprogramm der BRD nicht eine Form von
Kolonialismus war – dass sie Dich als armen Jungen aus Anatolien lockten,
damit Du die Drecksarbeit machtest, und Dich wie einen Kanarienvogel in
einen goldenen Käfig sperrten.
Du hast Dein Leben weggearbeitet, damit ich heute dieses Leben habe, das Du
nicht verstehst. Ich danke Dir für alles, babacım. Rate mal, welches Lied
ich jetzt morgens immer unter der Dusche singe? Levi Okur
Brief VI
Lieber Papa, viele Jahre lang dachte ich, dass ein Vater und sein Sohn ihre
Gefühle miteinander teilen können, ohne sie explizit auszusprechen. Es
reicht, so glaubte ich, der Austausch über Fußball. Ich schickte dir
Nachrichten am Wochenende, wir sprachen am Telefon – und schafften es doch
nicht, die wichtigen Dinge zu sagen. Vielleicht sind unsere
Fußballnachrichten ein Versuch, das Kindsein über die räumliche Entfernung
kurz zurückzuholen. Dann bin ich wieder 10, wir sitzen kurz wieder zusammen
auf dem Sofa, im Fernsehen läuft ein Pokalspiel. Das einzige Fußballspiel,
bei dem ich geweint habe.
Aber da ist eben auch noch mehr – und das fehlt. Dir fehlt oft der Zugang
zu Deinen Emotionen – da geht es Dir vielleicht wie den meisten Männern
deiner Generation. Bei allem, was zwischen uns gesagt wird, ist in den
vergangenen Jahren immer klarer geworden, was nicht gesagt wird. Und das
tut weh. „Wie geht es dir wirklich?“, fragst du nie. Und wenn mir etwas
gelingt, dann hast Du nie diesen einen Satz gesagt, den ich so gerne gehört
hätte: „Ich bin stolz auf dich.“
Du hast mich in den Arm genommen und mir zugehört. Du hast nie den dummen
Satz gesagt, dass Männer nicht weinen. Aber Deine eigene Trauer hast Du nie
gezeigt. Nachdem einer Deiner besten Freunde sich das Leben genommen hat,
schriebst Du, dass Du gerne an eure gemeinsamen Erinnerungen denkst.
Geweint hast Du vor mir nie – obwohl ich ihn auch gut kannte.
Das wäre eine der wichtigsten Aufgaben eines Vaters: seinen Söhnen
beibringen, wie man Gefühle zeigt – und sich dabei selbst verletzlich
zeigen. Ich wünsche Dir, dass Du das noch lernst. Und dass wir es schaffen,
die Bundesligaergebnisse mal auszublenden, um die wichtigen Fragen zu
stellen. Wie geht es Dir? Also, wie geht es dir wirklich? In Liebe
13 May 2026
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