# taz.de -- Der Hausbesuch: Sie bleibt bis zum Schluss
> Seit 32 Jahren arbeitet Kathrin Sohl in einer Leipziger Bäckerei. Die
> Kinder von damals kommen inzwischen mit ihren eigenen Kindern bei ihr
> einkaufen.
(IMG) Bild: Sie mag die Farbe Grün und liebt ihre Familie: Kathrin Sohl in ihrer Leipziger Wohnung
Manchmal kommen Leute in die Bäckerei, erkennen Kathrin Sohl und sagen:
„Ach, Sie sind ja noch da!“
Draußen: Ein sonniger Nachmittag in Leipzig-Großzschocher. Es ist still,
denn die Hauptstraße ist durch eine Baustelle lahmgelegt. Der Turm der
Taborkirche und ein Kran heben sich vom blauen Himmel ab. Kirschbäume und
kleine Gärten reihen sich die Weiße Elster entlang, die unweit fließt.
Hinter der Parterrewohnung, in der Kathrin Sohl mit ihrem Mann Micha lebt,
liegt ein blühender Garten, den sie gerne in ihrer Freizeit pflegt. Rocky,
der schwarze Kater, kaut an ein paar Kräutern herum und sucht sich einen
Sonnenplatz.
Drinnen: Im Wohnzimmer dominiert die Farbe Grün: Eine Wand ist in der Farbe
gestrichen, es gibt viele Pflanzen und ein Aquarium mit orangefarbenen
Fischen. Familienfotos hängen an den Wänden, dazu alte Ansichten von
Leipzig und mehrere Uhren, die gleichzeitig ticken. Die Regale sind voller
Familiensouvenirs, darunter der Aschenbecher des Opas, auf dem „Wie man es
macht, ist es falsch“ steht, und Babyschuhe mit der Aufschrift „Du wirst
Oma“.
Familienglück: „Als ich erfahren habe, dass ich Großmutter werde, habe ich
Freudentränen geweint. Ich wollte schon immer Oma werden“, sagt Kathrin
Sohl, neben ihr rollt sich Kater Rocky zusammen. Er gehörte ihrem Ex-Mann,
dem Vater ihrer Söhne. Familie ist für Sohl das Wichtigste. Das zeigen auch
die Bilder: [1][ein Porträt ihres Vaters], „zu früh mit 72 gestorben“, die
Söhne als Kinder, sie sind heute 38 und 36, Aufnahmen von Michas Sohn und
Enkelkindern sowie Weihnachts- und Hochzeitsfotos. Kennengelernt hat sie
Micha auf einer Hochzeit. Sie war mit der Braut befreundet, er mit dem
Bräutigam. „Die beiden wollten uns verkuppeln und es hat geklappt“, sagt
sie. In diesem Jahr sind sie 20 Jahre zusammen.
Geburtstag: Vor 57 Jahren wurde Kathrin Sohl im Leipziger Stadtteil Mockau
geboren. An ihrem diesjährigen Geburtstag hat sie Spätschicht in der
Bäckerei am Connewitzer Kreuz, in der sie seit 32 Jahren arbeitet. „Das
macht nichts“, sagt sie, denn Brot und Gebäck zu verkaufen, bereite ihr
nach wie vor Spaß. Eine gute halbe Stunde fährt sie jeden Tag mit dem
Fahrrad zu dem kleinen Traditionsladen mit 60er-Jahre-Flair. „Alle kennen
mich und ich kenne alle. Ich war sogar schon vor dem aktuellen Chef da“,
erzählt sie. An diesem Tag wünschen ihr Stammkund*innen alles Gute,
ehemalige Kolleg*innen rufen auf dem Festnetz an, um zu gratulieren.
Erste Schritte: „Weißt du noch? Schon damals wolltest du allen etwas
verkaufen!“, habe ihre Oma gesagt, als Sohl im Jahr 1985 ihre Ausbildung
zur Verkäuferin in Leipzig begann. Die Großmutter, die allein in einem Dorf
bei Cottbus in der Niederlausitz lebte, half den Bäuer*innen der Gegend
bei einer Ausgabestelle für Eier. Wenn Sohl dort ihre Ferien verbrachte,
liebte sie es, die Oma zu begleiten und dort ihre eigene kleine Theke
aufzubauen. „Buntstifte, Fingerpuppen … Alles, was ich fand, wollte ich
verkaufen.“
Erste Liebe: Dorthin, wo ihre Großmutter lebte, wollte Kathrin Sohl am
liebsten für immer ziehen. Die Fahrt aus Leipzig dauerte damals fünf
Stunden. Ein Telefon gab es im Dorf nicht, nur Briefe. Sohl war ein
Teenager, hatte dort Freund*innen und auch einen festen Freund.
Kennengelernt hatten sie sich mit fünf Jahren. „Mit sieben machte ich ihm
einen Heiratsantrag“, erzählt sie und lacht. Sie sahen sich immer wieder,
bis sie ihr erstes Kind bekam und er ebenfalls Vater wurde. Heute haben sie
keinen Kontakt mehr.
Wünsche: Kathrin Sohl entschied sich, in Leipzig zu bleiben und dort ihrem
Berufswunsch nachzugehen, den sie bereits in der neunten Klasse hatte. „Ich
bereue es nicht. Ich glaube, dass das richtig war“, sagt sie. Sie träumte
zunächst davon, Textilverkäuferin zu werden, schöne Kleider in der Hand zu
halten und Kund*innen zu ihrem Aussehen zu beraten. Doch ihre Pläne
musste sie ändern: Bestimmte Stoffe lösten bei ihr allergische Reaktionen
aus.
Konsum: „Um Lebensmittelverkäuferin zu werden, war ich mit einer Note von
2,2 eigentlich zu gut“, sagt Sohl. In der DDR wurden für diese Ausbildung
meist Bewerber*innen mit einem Durchschnitt ab 3,0 genommen. Dennoch
hielt sie an ihrem Wunsch fest und bekam eine Chance, sich hinter der
Theke, an der Kasse und im Käselager auszuprobieren. Von 1985 bis 1987
machte sie ihre Ausbildung „in einer Kaufhalle, einem Konsum, wie
Supermärkte damals hießen.“
Alltag: Mit 19 bekam sie ihr erstes Kind – „wie es damals so war“. Nach der
Elternzeit kehrte sie an ihren Arbeitsplatz zurück. „Ich habe von 7 bis 17
Uhr gearbeitet, davor mein Kind in die Kita gebracht und bin dann zum Bus
gerannt. Abends musste die Erzieherin manchmal auf mich warten – um 18 Uhr,
im Schnee.“ Ihr damaliger Mann, Lokführer bei der Reichsbahn, konnte sich
kaum um den Familienalltag kümmern. Nach Feierabend brachte sie das Kind
ins Bett, am nächsten Tag fing alles von vorn an. „Es war trotzdem eine
schöne Zeit.“
Veränderung: „Dann bin ich wieder schwanger geworden, und es kam die
Wende.“ Als die junge Verkäuferin erneut in ihren Job zurückkehrte, war
nichts mehr wie zuvor. Kurz darauf wurde sie von der neuen Chefin
gekündigt. „Sie haben ein kleines Kind, Sie sollten zu Hause bleiben und
die Kinder erziehen“, hieß es. An den offiziellen Kündigungsgrund erinnert
sich Sohl nicht mehr. Doch bei weiteren Vorstellungsgesprächen wurde ihr
klar, dass sich Kinder und Arbeitsleben im neuen System nur schwer
vereinbaren lassen. „Haben Sie Kleinkinder? Sind die oft krank?“, sei sie
häufig als Erstes gefragt worden.
Selbstbehauptung: „Junge Menschen und Familien hatten es in der DDR
einfacher. Es gab mehr Unterstützung, das soziale Leben war besser. Du
hattest immer einen Kita- oder Ausbildungsplatz, Arbeitslosigkeit war ein
Problem der Bundesrepublik“, sagt Kathrin Sohl. Die Wende sei für sie keine
gute Zeit gewesen. „Ich hatte Angst. Jetzt kommen die Kapitalisten, dachte
ich.“ [2][So habe sie es über Jahre gelernt.] Damals sei sie schüchtern
gewesen und habe sich plötzlich behaupten müssen – bei Behörden, am
Telefon, im Alltag.
Badetage: Dass sie vor der Wende nicht reisen durfte, habe sie nicht
gestört. Sie sei durch Sachsen gefahren und habe sich nie gefangen gefühlt.
„Natürlich wurden viele eingesperrt und verfolgt, das war nicht alles gut“,
sagt sie. Sie wuchs in einer sechsköpfigen Familie auf, eine Großmutter
lebte mit im Haushalt. Einmal in der Woche war Badetag: Das Wasser wurde
erhitzt und dann stiegen sie alle nacheinander in die Badewanne, das ging
vom Nachmittag bis in den Abend. Die Toilette war draußen, eine Heizung gab
es nicht. „Zu diesen Lebensbedingungen sowie zur Verfolgung möchte man
nicht zurück.“ Nichtsdestotrotz vermisse sie das Miteinander. „Heute steht
jede nur für sich“, sagt sie.
„Rosenheim Cops“: In ihrem großen Freundeskreis sei es anders: Sie kochen
füreinander, machen Fahrradtouren („zum Beispiel immer 50 Kilometer am
Männertag“) und spielen Bowling. Ihre Lieblingsfreizeitaktivität sei
jedoch, mit ihrem Mann fernzusehen. „Nach Feierabend machen wir uns einen
Kaffee, sitzen mit Rocky auf dem Sofa und schauen die ‚Rosenheim Cops‘. Das
entspannt uns und bringt uns zum Lachen“, sagt sie. Doch wenn sie zu viel
freie Zeit habe, fehlen ihr die Bäckerei-Gespräche.
Gute Bekanntschaften: In der Connewitzer Bäckerei bekommt Kathrin Sohl ein
Gefühl von Nachbarschaft und Gemeinschaft. Sie liebe es, sich mit
Kund*innen („auch privat“) zu unterhalten. Und sich auch ohne viele Worte
zu verstehen, weil sie ohnehin bei vielen weiß, was sie möchten: wie viele
Brötchen, ob ein halbes Fitnessbrot, ein ganzes griechisches Brot [3][oder
doch lieber Gebäck vom Vortag]. „Freundschaft wäre zu viel gesagt, aber
gute Bekanntschaften entstehen dadurch sicher.“
„Ach, Sie sind noch da!“: Das sagen ihr Menschen, die schon als Kinder in
die Bäckerei kamen und sich dort von ihrem Taschengeld etwas kauften. Der
Laden wird zu einem Ort der Sehnsucht. Die Kinder von damals kommen mit
ihren eigenen Kindern einkaufen. Als sie 1994 den Zettel „Mitarbeiterin
gesucht“ an der Tür sah, konnte sie sich nicht vorstellen, dass sie mehr
als die Hälfte ihres Lebens dort verbringen würde. „Ob das nicht zu lange
ist?“, frage sie sich manchmal. „Aber woanders wäre ich die Neue. Hier bin
ich dem Betrieb und den Menschen verbunden, ich bleibe bis zum Schluss.“
4 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Luciana Ferrando
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