# taz.de -- Der Hausbesuch: Lehmanns Labor
       
       > Als junger Mann bricht Gerd Lehmann sein Studium ab, um der SED-Kontrolle
       > zu entgehen. Er beginnt zu kellnern, wird als Model entdeckt – und geht
       > in den Westen.
       
 (IMG) Bild: Fotograf Gerd Lehmann in seinem Arbeitszimmer. Um ihn herum Originalabzüge, Negative, Werbeplakate​
       
       Bevor Gerd Lehmann zur Fotografie fand, fand die Fotografie ihn. Vor der
       immergleichen Kulisse die immergleichen Posen machen? Das geht besser.
       
       Draußen: Endhaltestelle zweier Straßenbahnlinien im Leipziger Süden –
       Stadtteil Lößnig. Plattenbauten prägen das Viertel. Viel los ist nicht.
       Lehmann wohnt in einer schmalen Straße mit alten Mietshäusern, zwischendrin
       ein stillgelegtes Braunkohle-Bergwerk. Graffiti ziert das Haus, in dem er
       wohnt. Knapp 200 Meter entfernt, in der Hauptstraße, stellt Lehmann seine
       Fotografien in einem Wohnhaus und im zugehörigen Innenhof aus.
       
       Drinnen: 40 Quadratmeter, zwei Zimmer, Küche, Bad, Balkon. Im Arbeitszimmer
       und Schlafzimmer stapeln sich Kisten mit Originalabzügen und Negativen, in
       Regalen lagern Werbeplakate. Schwarz-Weiß-Fotos stark geschminkter
       Gesichter zieren eine von Zigarettenrauch vergilbte Wand. Das Bad ist eine
       provisorische Dunkelkammer mit dazu gehörendem Equipment. Die Arbeitsplatte
       kann über die Badewanne geklappt werden. „Ich bin bereit, aktiv zu sein,
       wenn es nötig ist“, sagt der 81-Jährige.
       
       Entdeckt: Als er in den Sechzigerjahren als Kellner arbeitete, hatte er
       gerade das Lehramtsstudium für Geografie und Mathematik geschmissen. Er
       wollte sich nicht als Lehrer den Vorgaben der SED unterordnen müssen.
       Wieder in seinem Lehrberuf als Eisenbahner zu arbeiten, konnte er sich auch
       nicht vorstellen – zu langweilig. Also begann er zu kellnern, im
       „Intermezzo“, einem schicken Leipziger Café, in dem abends getanzt wurde.
       „Irgendwann kam eine Gruppe junger Frauen vom „Verlag für die Frau“ rein,
       die haben mich dann angesprochen, ob ich nicht Fotomodel sein wollte.“
       Lehmann wollte.
       
       Posieren: Von da an stand er meist in denselben Posen vor demselben
       Hintergrund. Im Winter wurde die Werbung für die Sommermode produziert, im
       Sommer die für die Wintermode. Für die Sommermode ging es ins Gewächshaus,
       in dem die Models vor Disteln posierten. „Ich hab festgestellt, so wie die
       Fotografen das machen, ist es Mist.“ Dekor und Posen nervten ihn. „Ich
       wollte es besser machen und habe entschieden, selbst Fotograf zu werden.“
       
       Student: Ein halbes Jahr lang probierte er sich aus, dann wagte er den
       nächsten Schritt und ging zur Aufnahmeprüfung an der Leipziger Hochschule
       für Grafik und Buchkunst. Ein FDJ-Sekretär sagte ihm im Nachhinein, dass er
       im Schriftlichen durchschnittlich war, aber seine Fotos die besten gewesen
       seien. Wenig später erhielt Lehmann eine Zusage fürs Studium.
       
       Eigensinn: Oft sei er allerdings nicht an der Hochschule gewesen, er habe
       lieber zu Hause sein eigenes Ding gemacht und sich dort ein Labor
       eingerichtet. Einmal fragte Lehmann einen Dozenten, welches seiner Bilder
       er für eine Ausstellung einreichen sollte. Der gab konkret an, welche Fotos
       er für gut und welche für schlecht befand – allerdings ohne Erklärung. Ein
       Vierteljahr später kam die Antwort von den Ausstellungsmachern: Die Bilder,
       die der Dozent gut fand, wurden abgelehnt, die er schlecht fand,
       angenommen. „Das habe ich dann vor der Klasse erzählt.“ Der Dozent fühlte
       sich bloßgestellt. Lehmann erhielt eine Rüge und musste das Semester
       wiederholen. Es folgen weitere Mahnungen und dann die Exmatrikulation. Die
       Zulassung, als freier Fotograf arbeiten zu dürfen, erhielt er dennoch.
       
       Reinblitzen: Viel Equipment, wie spezielle Lichtfilter, gab es in der
       [1][DDR] nicht. Also strich Lehmann mit den Fingern über die gewöhnlichen
       Linsen und UV-Filter und erzeugte so mit den zurückgebliebenen Schlieren
       Lichteffekte. „Erst nachdenken und überlegen, dann improvisieren“, ist sein
       Motto. Er experimentierte viel im Atelier und entwickelte eine Methode für
       neue Hintergrundmotive: „Ich habe ein Vergrößerungsgerät aufgebaut und eine
       Blitzlampe drangehängt und dann irgendein Motiv reingeblitzt, also
       Sommerlandschaften, Bäume, Wald oder Stadtlandschaften.“ Statt der
       Gewächshäuser im Winter blitzte Lehmann die zur Mode passende Landschaft in
       den Hintergrund. Sein Erfindergeist kommt an und er bekommt Aufträge in der
       Mode- und Kosmetikindustrie in der DDR.
       
       Die Jungs: Im September 1987 verstarb ganz plötzlich seine in Westberlin
       lebende Schwester Karin. Zwei Wochen nach ihrer Beerdigung durfte Lehmann
       einreisen. Einmal da, blieb er. „Ich wollte die Jungs kennenlernen, weil
       die mir immer als Vorbild gezeigt wurden“, sagt Lehmann. Mit „Jungs“ meint
       er Westfotografen. Seine Auftraggeber in der DDR hatten ihm Fotografien aus
       Westmagazinen vorgelegt, an denen er sich orientieren sollte. Bei seinem
       ersten Westauftrag arbeitete er mit dem damaligen Starfriseur [2][Udo Walz]
       zusammen. Kurz darauf mietete Lehmann ein Atelier am Ku’damm.
       
       Wende: Für Lehmann war die Wende ein Zusammenbruch auf allen Ebenen. Er
       verlor seine Position als Cheffotograf bei einer großen Werbeagentur, als
       der eigentliche Stelleninhaber von einer Weltreise zurückkehrte. Von der
       Befristung wusste Lehmann bis dahin nichts.
       
       Die Wohnung, die er für seine Familien organisiert hatte, war plötzlich zu
       teuer. Die Ehe zerbrach, Frau und Tochter blieben in Berlin und Lehmann
       kehrte zurück nach Leipzig. Aufträge gab es dort aber auch nicht mehr.
       Alles veränderte sich, auch die Art, wie Aufträge vereinbart wurden. „Erst
       seit der Wendezeit musste ich Mahnungen schicken, weil keiner der Meinung
       war, dass er zu bezahlen hatte.“
       
       Porträts: Um neue Kontakte zu knüpfen, streunte Lehmann von da an durch die
       Leipziger Kneipen. Dort bemerkte er damals eine Aufbruchstimmung. „Das war
       eine spannende Zeit und das hat man auch in den Gesichtern der Menschen
       gesehen.“ Hunderte Porträts entstanden bei Lehmanns fotografischen
       Streifzügen.
       
       Wave Gotik: Die erste Begegnung mit der Wave-Gotik-Szene hatte Lehmann am
       Pfingstsonntag im Jahr 1994. Eigentlich wollte er damals gemütlich
       frühstücken am Leipziger Haus Auensee. „Die maigrünen Wiesen waren
       plötzlich dunkel, weil dort so schwarze Figuren saßen.“ Die
       Wave-Gotik-Szene hatte sich in den Achtzigern aus der Punk- und
       New-Wave-Bewegung entwickelt, ihre Themen: Tod und Vergänglichkeit. Lehmann
       war fasziniert von den ausgefallen gekleideten Menschen, fuhr zurück und
       holte die Kameraausrüstung. Am selben Tag noch machte er Fotos und
       entwickelte sie. Von da an begleitete er die Wave-Gotik-Szene fotografisch,
       reiste zu ihren Festivals. Für die Szene gestaltete er auch Kalender. Zehn
       sind es über die Jahre geworden.
       
       Sonne, Mond und Sterne: „Wir lieben ja so unsere Nacht, mach uns doch auch
       mal einen Mondkalender“, habe eine Frau gesagt, als sie seine Kalender sah.
       Lehmann lehnte zunächst ab, wälzte dann aber Literatur über Astronomie.
       „Aufträge hatte ich da kaum und daher Zeit.“ Bis heute erstellt Lehmann
       Kalender über die Phasen des Mondes für das Programmheft des
       [3][Wave-Gotik-Treffens in Leipzig].
       
       Hofgalerie: Lehmann bittet darum, ihn in seine Ausstellung in der direkten
       Nachbarschaft zu begleiten. „Dort ist mein eigentliches Zuhause. Hierher
       komme ich nur zum Schlafen und Essen“, sagt er. Hunderte Schwarz-Weiß-Fotos
       hängen in der Ausstellung laminiert zwischen Ästen, an Mauern und an Zäunen
       im Innenhof. Im Erdgeschoss und im ersten Stock des Hauses sind weitere
       Fotos ausgestellt. Das Haus gehört einem Freund aus der Wave-Gotik-Szene.
       Nach der Absage für einen vielversprechenden Ausstellungsraum war Lehmann
       frustriert und erzählte seinem Freund davon. „Im Gespräch hat sich dann die
       Idee entwickelt, den Hof zu nutzen.“ Im vergangenen Juni wurde die
       Hofgalerie eröffnet. An drei Tagen in der Woche empfängt Lehmann dort Gäste
       – sommers wie winters.
       
       Puccini: In der Hofgalerie hallen Puccinis Opern durch die Lautsprecher
       einer Musikanlage. Lehmanns Mutter war Opernsängerin und als kleiner Junge
       war er häufiger als Komparse mit auf der Bühne. „Puccini ist einer der
       ersten Opernkomponisten, der nicht über Feldherren und große Könige
       geschrieben hat, sondern über einfache Menschen.“ Gewissermaßen sei Puccini
       auch ein Vorbild für ihn gewesen: „Ich habe ja auch einfache Menschen
       fotografiert, keine Stars und Politiker.“
       
       Zeit: Zwei Herzinfarkte und drei Operationen am Rücken hat Lehmann
       inzwischen überstanden. Jede Tätigkeit mit leichter Vorbeuge schmerzt.
       Allein das Gewicht einer Kamera sei schon zu viel und sich schnell und
       flexibel bewegen, könne er auch nicht mehr. „Ich habe 40 Jahre
       fotografiert, alles hat seine Zeit“, sagt Lehmann. Das Rauchen will er aber
       nicht aufgeben.
       
       12 Jul 2026
       
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       Elke Schilling hat eine Hotline gegen Einsamkeit im Alter gegründet. Zuvor
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