# taz.de -- Der Hausbesuch: Acht Frauen, kein Heldentum
> Nadine Pusch ist Freiwillige Feuerwehrfrau. Eigentlich wollte sie nur im
> Frauenteam bei Wettbewerben teilnehmen, heute ist sie regelmäßig im
> Einsatz.
(IMG) Bild: Krumbeck heißt das Dorf, wo die Straße endet und Nadine Pusch mit Mann und Sohn lebt
Früher arbeitete sie als Friseurin. Neuerdings trägt sie Briefe aus und
wartet, dass das Handy klingelt.
Draußen: Die Straße zieht sich. Sie wird schmaler, dann hört sie auf. Ein
paar Häuser noch, dann Felder. Weitblick. Wind. [1][Mecklenburger Himmel.]
Krumbeck heißt das Dorf, wo die Straße endet. Zehn Häuser, vielleicht 25
Personen. Hierher zieht man, weil man es will. „Wo sich Fuchs und Hase gute
Nacht sagen“, sagt Nadine Pusch. Ihre Familie bewohnt gleich zwei der
Häuser. Links die Schwiegereltern und rechts Nadine Pusch mit Mann
Christian und Sohn Willi. Der Backsteinbau war früher Stall, heute ist er
Wohnhaus. „Nichts von der Stange“, sagt sie. Vieles ist selbst gemacht,
vieles noch im Werden. Holzstapel, Werkzeug. Der Garten groß, ein runder
Swimmingpool und ein Gewächshaus im Bau. Eine Art Dauerbaustelle, oder
anders ausgedrückt: ein Versprechen.
Drinnen: Die Küche ist mit Blick in den Garten. Tisch, Stühle, Hubert und
Tinkerbell, die sich ihren Platz suchen. Hubert, der Beagle, schaut
aufmerksam und Tinkerbell, eine kleine Französische Bulldogge, ist einfach
da. Bei gutem Wetter trinkt Pusch ihren Kaffee am liebsten draußen. Alles
riecht nach Alltag. Nichts nach Inszenierung. Auf dem Tisch liegt ihr
Handy. Display nach oben.
Das Handy: Wenn es klingelt, ist das wie ein Kommando. „Ich habe die Sirene
eingestellt“, sagt sie. Dann springt sie auf, raus, ins Auto, los zur Wache
nach [2][Warsow]. Gut vier Kilometer. Dort hängt ihre PSA, ihre Persönliche
Schutzausrüstung, die sie vor Hitze, Rauch, Chemikalien,
Schnittverletzungen und Wettergefahren schützt: Schutzanzug, Feuerwehrhelm,
Schutzhandschuhe und Sicherheitsstiefel. „Früher ging das schneller. Da
lagen die Sachen im Hausflur.“ Schlüssel, Jacke, alles griffbereit. Gab es
einen Alarm, haben ihr Mann und Sohn geholfen, sind nachts auch mit
aufgestanden. „Seitdem die Ausrüstung in der Wache ist, muss ich alleine
los“, sagt sie. Sie sagt das ruhig. So, wie man hier Dinge sagt.
Es brennt nicht mehr: Nadine Pusch ist 39. Über 20 Jahre war sie Friseurin.
Im Salon in Schwerin. Ein Beruf, bei dem man nah dran ist an den Menschen.
Man hört zu, redet, berührt. Oft nimmt man teil am Leben anderer, manchmal
mehr als einem lieb ist. „Ich arbeite gerne mit Menschen, aber es hat nicht
mehr in mir gebrannt“, sagt sie und lacht über das Wortspiel. „Na ja, und
die Bezahlung, das weiß ja jeder.“
Schnapsidee: Sommer 2022. Es war der Tag des traditionellen Amtsausscheids
der [3][Freiwilligen Feuerwehren im Amt Stralendorf]. Fast jedes Jahr
treten die Feuerwehrleute der acht örtlichen Feuerwehren dabei in einem
sportlichen Wettbewerb gegeneinander an. Sie zeigen, was sie draufhaben,
wenn es um das Retten, Löschen, Bergen und Schützen geht. Das sind die
Aufgaben der Feuerwehr. Immer dabei sind auch die Kinder- und Jugendwehren.
Und natürlich die Mütter. Die schauen zu, sorgen sich um das leibliche Wohl
der Anwesenden und übernehmen den Fahrdienst. „Es war wie jedes Jahr“,
erinnert sich Pusch. „Nach den Wettkämpfen sitzen wir zusammen, grillen und
feiern ein bisschen. Und jedes Jahr sagt dann eine von uns Frauen:
Eigentlich müssten wir jetzt mal eine Frauenmannschaft gründen. Jahr für
Jahr diese Schnapsidee.“ Und Nadine Pusch ergänzt: „Es war schon so, dass
uns niemand damit mehr ernst nahm.“ Das sollte sich bald ändern.
Ganz oder gar nicht: Gut, ein paar Frauen gab es schon in der Warsower
Feuerwehr. Etwa die Jugendwartin. Aber ein Frauenteam, das zum
Amtsausscheid mit anderen Wehren in den Wettkampf geht, das gab es nicht.
Das wollten sie jetzt wirklich anpacken. Mit ihrer Idee sind sie zum
Wehrführer der Freiwilligen Feuerwehr Warsow marschiert. Fit sein für einen
Wettkampf allein war dem Wehrführer dann aber zu wenig. „Wenn schon, denn
schon“, lautete seine Devise, und er hat den Frauen klargemacht, dass sie
gerne alles lernen können, was für Feuerwehrleute wichtig ist, und auch die
praktischen Dinge trainieren können, aber sie müssten sich dann auch an den
Einsätzen der Feuerwehr beteiligen. „Geplant hatten wir das nicht. Wir
wollten bei den Wettbewerben nur zeigen, dass wir Frauen das auch packen“,
so Pusch. „Aber wirklich dabei sein, macht ja auch total Sinn.“ Man brauche
Mut dazu, Feuerwehrfrau zu werden, man brauche einen „Mutausbruch“. Sie
hatten ihn. Es folgten Lehrgänge; Trainings, Einsätze und noch mehr
Lehrgänge und mehr Einsätze.
Dienst ist Dienst: Für Pusch war das mit den Einsätzen schwierig. „Im
Friseursalon kann ich die Kundin ja schlecht mit der Farbe im Haar sitzen
lassen und einfach abzischen“, sagt sie. Es bleibt schwierig, auch nachdem
sie den Job aufgibt. Inzwischen arbeitet sie als Zustellerin bei der Post,
in Wittenburg und den Dörfern drum herum. Pakete, Briefe, immer rein und
raus aus dem Auto. Während der Arbeitszeit fährt sie keine Einsätze. Das
geht nicht. Aber an den Wochenenden. Und abends oder nachts, auch im
Winter. Was als Zustellerin bleibt, ist die Begegnung mit den Menschen:
„Ich mag das, mit den Leuten zu schnacken“, sagt sie. Man kennt sich. Man
sieht sich wieder, manchmal nur kurz am Gartenzaun. Aber oft reicht das.
Knoten, Schläuche, Leiter: Heute sind sie zu acht. [4][Acht
Feuerwehrfrauen.] Lehrerinnen, Postzustellerinnen, eine arbeitet beim
Zahnarzt, eine im Kindergarten. Unterschiedliche Leben, unterschiedliche
Wege – aber ein gemeinsamer Ort: die Wache in Warsow. Sie trainieren
zusammen. Alle 14 Tage. Theorie, Praxis, immer wieder die gleichen
Handgriffe. Knoten, Schläuche, Leiter aufstellen, Abläufe. Dinge, die
sitzen müssen. Im Einsatz muss das laufen. „Da gibt es kein Bitte und kein
Danke“, sagt Pusch. „Da werden Ansagen gemacht.“
Schmorkohl: Und sie sind füreinander da. Nicht nur in der Feuerwehr. Wenn
jemand krank ist, kümmert sich jemand. „Ich krieg von einer Kameradin immer
Schmorkohl. Den mag hier sonst keiner“, sagt sie und lacht. Wenn etwas
kaputtgeht, hilft jemand. Wenn jemand nicht weiter weiß, ist jemand da.
„Das ist Gemeinschaft“, sagt sie. Die Einsätze sind oft unspektakulär. Baum
auf Straße. Ölspur. Tragehilfe. Dinge, die erledigt werden müssen, damit
andere weitermachen können. „Kein Einsatz ist ein guter Einsatz“, sagt
Pusch. Und meint: Wenn nichts passiert, ist das am besten.
Die andere Seite von Nähe: Aber es gibt auch solche Einsätze wie den am 21.
Dezember vergangenen Jahres. Ein Unfall. Das Handy klingelt. Sie fährt los
und kommt nicht weit. Auf dem Weg bleibt sie als eine der Ersten an der
Unfallstelle hängen. Sie weiß sofort, wer am Steuer saß: ein
Feuerwehrkollege. „Man ist aufgeschmissen“, sagt Pusch. Keine Routine, nur
der Moment und die anderen Einsatzkräfte. Helfen können sie nicht mehr.
Später sitzen sie zusammen. Warten auf die Seelsorge. Viele Leute kommen.
Freunde, Bekannte und Familie. Es spricht sich schnell herum. In einer
Gegend wie dieser bleibt nichts lange verborgen. Einsätze hier sind nicht
anonym, sie betreffen Menschen, die man kennt. Das ist die andere Seite von
Nähe.
Sie haben ihren Platz: Die Frauen haben sich ihren Platz in der Wehr
genommen. Ohne großes Aufheben. Allerdings kommen inzwischen wieder mehr
Männer zu den regelmäßigen Treffen. „Neugier“, da ist sich Nadine Pusch
sicher. „Vielleicht auch Respekt.“ Und beim Amtsausscheid? Da sind sie
durchaus auch mal schneller als die Männer. Bei den Theoriefragen sowieso.
„Die Jungs mussten erst lesen“, sagt sie und grinst.
Gemeinschaft: Vor dem Haus geht der Blick über die Felder. Der Wind zieht
durch die offenen Flächen. Es ist ruhig. Kein Supermarkt um die Ecke.
Zweimal täglich kommt der Bus für die Kinder. Alles dauert. Pusch ist vor
ein paar Jahren aus der Stadt hergezogen. Damals war sie unsicher. Zu viel
Weite, zu wenig los. Heute nicht mehr. „Ich fühle mich wohl hier“, sagt
sie. Im Urlaub fährt sie gerne mit Wohnwagen in die Berge. Das Handy liegt
auf dem Tisch. Es klingelt nicht. Noch nicht. Wenn es klingelt, fährt sie
los. Wie die anderen auch. Acht Frauen. Was als Schnapsidee begann, ist
längst etwas anderes geworden. Keine große Geschichte. Kein Heldentum.
Gemeinschaft.
17 Jun 2026
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(DIR) Claus Oellerking
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