# taz.de -- Der Hausbesuch: „70 Prozent Hakuna Matata“
> Als erstes Mädchen ihrer Schule in Kenia ging sie an die Universität. In
> Schwerin erfüllt sie sich dann einen großen Traum – und eröffnet einen
> Haarsalon.
(IMG) Bild: Kerry Türk in ihrer Wohnung
Die Pflanzen stehen dicht an dicht auf dem Balkon im dritten Stock. Große
Blätter, kleine Töpfe. Kerry Türk gießt, ruhig, fast beiläufig.
Draußen: Zwischen Schloss und Seeufer wohnt Kerry Türk. Die hübschen alten
Villen, die einst hier standen, wurden zu DDR-Zeiten abgerissen und durch
Plattenbauten der Wohnungsbauserie WBS 70 ersetzt.
Drinnen: „Früher musste ich im Garten arbeiten“, sagt Türk, „Heute mache
ich das freiwillig.“ Vieles in ihrem Leben scheint so zu verlaufen: vom
Müssen zum Wollen. So wie die Dreiraumwohnung, in der sie mit ihrem Sohn
Anselm seit der Trennung von ihrem Mann lebt. Erst brauchte sie dringend
eine Bleibe, jetzt lebt sie ganz gerne in der Platte. An den Wänden:
Erinnerungen an Kenia, Kinderbilder. Der Bildschirm des Fernsehers ist
groß. „Es gibt noch größere“, sagt sie.
Herkunft: „‚Woher kommen Sie? Oh, aus Kenia? Da war ich auch schon mal! Ein
schönes Land!‘ – Das höre ich oft“, sagt Türk, „Und dann kommen wir ins
Gespräch über Kenia und das freut mich sehr.“ Kerry Muthoni Kimani wuchs in
Molo, einer Stadt im Westen Kenias, mit sechs Geschwistern auf. In der
Region gab es während der Kolonialzeit viele Farmen von englischen
Landwirten.
Schule: „In den höheren Klassen wurden die Jungs und die Mädchen [1][in der
Schule getrennt unterrichtet]. Das fand ich schlimm. Das war, als stecke
man alle Dummen in einen Sack. Die Jungs wurden gefördert und die Bildung
der Mädchen wurde nicht ernst genommen“, sagt Kerry Türk. Sie aber war
ehrgeizig und lernte gern. Sie sucht den Kontakt zu den Jungs und besucht
den Unterricht in Physik, Chemie, Biologie, Mathematik. Ist der
Mathematiklehrer nicht in der Klasse, überträgt er den Unterricht an sie.
„Kerry, mach du weiter!“, soll er gesagt und ihr sogar seine Bücher
übergeben haben. 2004 ist sie die erste Schülerin an der Molo Secondary
School 220, die eine Zulassung zur Universität schafft. „Alle waren
aufgeregt, als die Prüfungsergebnisse veröffentlicht wurden. Die stehen bei
uns sogar in der Zeitung.“
Das Vorbild: Auch heute, gut zwanzig Jahre später, werde an der Schule
immer mal wieder von ihr erzählt, sagt Türk. „Ich bin für viele Mädchen ein
Vorbild. Sie wissen jetzt: Mädchen können es schaffen!“ „2019 sind zehn
Mädchen an die Universität gegangen“, sagt Türk. „Vielleicht musste ich
deshalb dort zur Schule gehen. Alles hat einen Sinn. Manchmal erkennt man
das nicht sofort.“
Gelegenheitsjobs: Ihre Schulnoten sind so gut, dass sie ein Stipendium für
das Ökonomiestudium in Kenias Hauptstadt Nairobi erhält. Sie lebt auf dem
Campus, arbeitet nebenbei. Schon damals beginnt sie, sich etwas Eigenes
aufzubauen – wie später auch in Schwerin. Einen kleinen Kiosk. Nicht, weil
das ihr Plan ist. „Zum Überleben. Man nimmt, was kommt.“ Nach dem Studium
hätte sie gerne in einer Bank gearbeitet. Stattdessen wird sie
Ghostwriterin für Studierende, die sich gegen Bezahlung bei Haus- und
Abschlussarbeiten helfen lassen. „Das ging nicht immer gut. Einmal sollte
ich eine Arbeit über den Baustil der Gotik für einen Architekturstudenten
schreiben. Ich habe im Internet gesucht, aber ich hatte keine Vorstellung,
was Gotik ist. Heute weiß ich es. Damals musste ich ihm das Honorar
zurückzahlen.“
Deutschland: Die Theorien von Keynes und Marx haben Kerry Türk letztlich
nach Schwerin gebracht. „Eigentlich hatte ich mich in meinem Studium
Richtung Japan orientiert. Ich habe Japanisch gelernt und mich in Nagasaki
und Hiroshima an der Universität beworben. Ich war total verrückt nach
Japan. Da wollte ich hin. Und plötzlich taucht ein Deutscher auf.“ In einem
Internetportal, sie nennt es eine „Onlinekneipe“, lernen sich die beiden
2011 kennen. „Von Deutschland hatten wir in Kenia ein sehr schlechtes Bild.
Wenn meine Mutter auf uns Kinder sauer war, drohte sie uns mit einem
‚Dritten Weltkrieg, schlimmer als bei Hitler.‘“ Trotzdem, 2012 heiratet sie
in Schwerin. Heute ist Türk von ihrem Mann getrennt.
Mother Goose: Als Kerry Türks Sohn in den Kindergarten kommt, reift ein
Plan: Kindergärten, in denen gut ausgebildete Fachkräfte die Kleinen
fördern und betreuen, kennt sie aus ihrer Heimat nicht. Sie entwickelt ein
Curriculum zur Qualifizierung von Personal und gründet aus der Ferne einen
Kindergarten in Kenia. Das bringt ihr den Spitznamen „Mother Goose“ ein.
Quereinstieg: Pädagogik interessiert sie. Deshalb steigt sie in
Mecklenburg-Vorpommern als Quereinsteigerin in das Lehramt ein. In
Schwerin, Grevesmühlen und Wismar unterrichtet sie Englisch.
Berufsbegleitend studiert sie an der Hochschule Neubrandenburg. Ihre
Masterarbeit beschäftigt sich mit Rassismus in Schulbüchern. „Mit Bildern,
mit Sprache, mit dem, was zwischen den Zeilen steht.“ Auch im schulischen
Alltag [2][begegnete ihr Rassismus]. „In Situationen, in Reaktionen,
manchmal auch in dem, was nicht gesagt wird.“
Die Lehrerin: Ehemalige Schüler besuchen sie heute noch, zeigen ihr ihre
Zeugnisse. Einer von ihnen wolle selbst Lehrer werden, erzählt Türk. So wie
sie. Sie sei eine Lehrerin gewesen, die sich kümmerte, die geblieben sei,
wenn andere gingen, sagt sie. Die erklärte, bis alle verstanden hätten.
Trotzdem wirft sie eines Tages hin. „Ich war nie dafür gemacht, angestellt
zu sein.“ Fortan verzichtet Türk auf Job, Einkommen, Anerkennung – weil
etwas nicht stimmte.
Und zwar: Sie ertrug die befristeten Verträge nicht mehr, das ständige
Bewerben, die fehlende Planungssicherheit. Und das Gefühl, immer mehr
leisten zu müssen als andere. Dazu die Erfahrung, dass Probleme lieber
kleingehalten werden, als sie offen anzusprechen. „Wenn ich etwas sage, bin
ich das Problem“, sagt sie. Sie sagt das ruhig.
Afrika in Schwerin: Mitten in der Stadt hat Türk jetzt einen Laden. „Hakuna
Matata“ – also: Alles in Ordnung – steht auf der Scheibe. Der Spruch in der
ostafrikanischen Sprache Swahili gilt als Lebensphilosophie. Klingt
optimistisch. Oder nach Durchhalten. „Mein Geschäft ist bunt, so wie meine
Kunden“, sagt sie. Farben, Stoffe, Taschen, Schmuck. Ein bisschen Afrika in
Schwerin – so nennt sie es selbst.
Haare: In ihrem Geschäft geht es um Schönheit, genauer um Hairstyles. „Zu
mir kommen Männer und Frauen. Einige Afrikaner natürlich, doch die meisten
sind echte Norddeutsche“, sagt sie. „Sie wünschen sich eine
Haarverlängerung oder lassen sich die Haare flechten. Früher fuhren die
Leute aus Mecklenburg nach Hamburg oder Berlin. Heute kommen sie zu mir.“
Braids: Statt Zöpfe heißt es im Hakuna Matata „Braids“. Die kunstvollen
Flechtfrisuren heißen „Cornrows“ (hier werden die Haare extrem eng an der
Kopfhaut geflochten), „Twists“ (hier werden zwei Haarsträhnen umeinander
gewickelt und eingedreht) oder „Nubian Locks“ (hier werden Extensions in
die eigenen geflochtenen Haare eingearbeitet). Das Flechten von „Cornrows“
ist eine sehr alte Kunst. „Die Dauer richtet sich nach der Haarlänge, der
Anzahl der Reihen und der Komplexität des Musters“, sagt Türk. „Das kann
mal dreißig Minuten und mal auch fünf Stunden dauern. Geduld ist gefragt.“
Unabhängigkeit: In ihrem Laden muss Kerry Türk niemanden überzeugen. Die
Menschen kommen, weil sie ihre Arbeit wollen. Weil sie ihr vertrauen.
„Schon als Kinder haben wir gelernt, die Haare zu flechten“, sagt sie.
„Freitags mussten wir erst die Schule putzen und danach haben wir uns
gegenseitig die Haare gemacht.“ Besser als die Mütter, die dabei oft nicht
zimperlich waren und den Kamm kräftig durch das dichte Haar zogen. Ihr
Laden macht sie unabhängig. „Ich habe jetzt keinen Chef mehr. Ich kann
meine Zeit selbst einteilen.“ Und sie weiß, wie viel sie leisten muss. Denn
da sind Miete, Krankenkasse, Steuern, Kosten, Zukunft. „Natürlich hat das
einen Preis“, sagt sie. Es ist ein Preis, den sie akzeptiert.
Also alles Hakuna Matata? Nicht so ganz: „70 Prozent Hakuna Matata“, sagt
Türk. „30 Prozent Problem.“ Zu diesen 30 Prozent gehören [3][Bürokratie],
wirtschaftliche Unsicherheit, Konflikte. Und Deutschland? „Hier zu leben,
ist für sich genommen schon eine Arbeit“, sagt sie. Sie meint damit den
Alltag. Situationen, in denen sie sich erklären muss. „Du hast schon genug
Arbeit, nicht diskriminiert zu werden, alles richtig zu machen.“
Aufräumen: Im Leben von Kerry Türk verändert sich gerade vieles. In Kenia
verkauft sie nach und nach ihre geerbten Grundstücke, wie auch den
Kindergarten und andere Dinge, die sie dort aufgebaut und für die sie auf
manches verzichtet hat. „Nein, gescheitert bin ich nicht. Ich merke, dass
ich nicht mehr alles gleichzeitig tragen kann. Ich möchte weniger Stress“,
sagt sie. Früher hat Türk Verantwortung übernommen, auch finanziell – für
Familie, für Freunde, für Freunde von Freunden. Heute zieht sie Grenzen.
Sie will nur noch nach Kenia reisen, um dort Urlaub zu machen. Und zum
Einkaufen für ihren Laden. Sie steht wieder auf dem Balkon, zwischen den
Pflanzen. Sie schaut kurz über die Brüstung, dann wieder auf die
Blumentöpfe. Die Pflanzen brauchen Wasser.
21 Jun 2026
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(DIR) Claus Oellerking
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