# taz.de -- Der Hausbesuch: In der Sprache eine Heimat finden
       
       > Poesie begleitet Dagmar Nick durch die Jahrzehnte, ihr erster Gedichtband
       > ist den KZ-Überlebenden gewidmet. Am 30. Mai wird sie 100.
       
 (IMG) Bild: „Ich habe keine Angst vor dem Tod, ich habe die Nazis überlebt“, sagt Dagmar Nick
       
       Worte finden für ein ganzes Jahrhundert. Und sie so aussprechen, dass auch
       das Ungesagte mitschwingt. Was für eine Herausforderung, die Dagmar Nick da
       gemeistert hat.
       
       Draußen: Von Grün gesäumt ist die schmale, ruhige Straße, in der sie wohnt.
       Entlang des Bürgersteigs blüht der Löwenzahn. Nur Vogelgezwitscher,
       Kinderrufe und das Rauschen des Windes sind zu hören. Parallel verläuft die
       breite Allee, die zum Schloss Nymphenburg führt. Das Münchner Viertel
       Nymphenburg-Neuhausen ist nobel. Dagmar Nick lebt in einem
       Mehrfamilienhaus, umgeben von Villen und großen Gärten. Im Hof steht eine
       riesige Buche, deren Äste den Zaun weit überragen und bis zur Hausfassade
       reichen.
       
       Drinnen: Dagmar Nick wohnt im Erdgeschoss. „Welcome“ steht auf der Fußmatte
       vor der Tür. Die zierliche Frau, 99 Jahre ist sie alt, bittet lächelnd
       herein. Die Wohnung hat hohe Decken und ist weitläufig; überall stehen
       Regale voller Bücher. Der breite Flur ist mit rotem Teppich ausgelegt. „Als
       wir nach dem Krieg gar nichts hatten, habe ich erst gemerkt, wie schön
       Teppiche sind“, sagt Nick. Im Wohnzimmer steht schon seit 60 Jahren ein
       Flügel. Einst gehörte er ihrem Vater, Edmund Nick.
       
       Nicki: „Mäusel, ich muss arbeiten“, sagte der, wenn sie sich als kleines
       Mädchen am Flügel versuchte. Ihn störte es, wenn sie sich verspielte.
       „Genauigkeit war ihm sehr wichtig“, sagt Dagmar Nick, die ihren Vater
       „Nicki“ nennt. Er wurde in Böhmen geboren und arbeitete später in Breslau
       als Komponist beim Rundfunk, bis ihm gekündigt wurde. „Er wollte nicht in
       die Partei.“ Weil er nicht in der NSDAP war, verlor er seine Anstellung und
       die Familie zog 1933 nach Berlin. Dort arbeitete der Vater eng [1][mit
       Erich Kästner] zusammen. Kästner ist es auch, der erstmals ein Gedicht von
       Dagmar Nick veröffentlichen wird.
       
       Lyrik: „Schon bevor ich schreiben konnte, reimte ich“, sagt Nick. Die
       Gedichte kommen einfach. „Ich schreibe, um etwas loszuwerden.“ So wie sie
       damals das Gedicht „Flucht“ schrieb. Kurz bevor die Wohnung in Berlin
       zerbombt wurde und sie mit ihrer Familie 1945 über Böhmen nach Bayern
       fliehen musste, ist es entstanden. „Weiter, weiter. Drüben schreit ein
       Kind./ Laß es liegen, es ist halb zerrissen“, heißt es darin. Erich Kästner
       veröffentlichte es kurz nach dem Krieg als Feuilletonchef der Neuen
       Zeitung, 19 Jahre war Dagmar Nick da alt. Dieser erste Abdruck war sofort
       der Durchbruch für sie. Es folgen weitere Veröffentlichungen, dazu
       Hörspiele, biografische Erzählungen und Reiseberichte. Zuletzt erschien
       2021 der Gedichtband „Getaktete Eile“.
       
       Preise: Für ihr literarisches Schaffen erhielt Dagmar Nick zahlreiche
       Preise, darunter vergangenes Jahr den Kulturellen Ehrenpreis der Stadt
       München. „Es gibt so viele Preise, aber für mich war das nie wichtig“, sagt
       sie, und genauso wenig sei es für sie wichtig, der Literaturszene
       anzugehören. „Ich bin kein Mensch, der so in Gruppen geht.“ Sie sei zwar
       bei Zusammenkünften von Literat:innen anwesend gewesen und habe
       zugehört, mehr aber nicht. Häufig wird sie im selben Atemzug mit der nur
       einen Monat jüngeren Ingeborg Bachmann genannt. Auf Bachmann angesprochen,
       sagt sie: „Man hat sich mal gesehen.“
       
       Mutter: Vor ein paar Jahren hat Nick begonnen, an einer Biografie über ihre
       Mutter zu arbeiten. „Es ist einfach unvorstellbar, wie jemand, der so viele
       gute Kritiken bekommen hat, auf einmal ein Berufsverbot erhält.“ Die
       Mutter, Katja Nick, war Sängerin, sie trat auf Opern- und Theaterbühnen
       auf. 1935 erhielt sie von den Nationalsozialisten in Berlin ein
       Berufsverbot, weil sie Tochter einer Jüdin war und als „Halbjüdin“ galt.
       
       Arbeit: Ihre Mutter war es, die Dagmar Nick den Weg zu ihrem Beruf ebnete.
       „Graphologin ist mein Beruf“, sagt sie bestimmt. Wegen Tuberkulose war sie
       als Jugendliche lange im Krankenhaus und konnte das Abitur nicht machen.
       Die Mutter hatte dann die Idee, sie mit einer Graphologin in Kontakt zu
       bringen. Schnell war klar: Das passt. Nick arbeitete für staatliche
       Institutionen, analysierte Handschriften von Bewerber:innen und wurde
       zudem bei der Beurteilung von NS-Verbrecher:innen zu Rate gezogen.
       
       Liebe: Auf die Frage, wie sie ihren ersten Mann kennengelernt hat,
       antwortet sie sofort: „Er hat mich kennengelernt.“ Sie war Anfang 20, als
       Robert Schnorr auf sie aufmerksam wurde. „Das war eine große Liebe.“ Ihr
       Mann war Dramaturg, aber auch ein leidenschaftlicher Ornithologe. „Und
       wärst du mein Falke und ich verkappte dich, so bliebest du immer noch
       schön“, zitiert Nick plötzlich aus einem ihrer Gedichte. Die Ehe hatte ein
       Ende, als Schnorr in Hamburg eine Anstellung erhielt und einer alten Liebe
       begegnete. Dagmar Nick ließ sich scheiden, blieb ihm aber verbunden.
       
       Präferenzen: „Auf einem Bild bin ich mit seinem Sohn auf dem Schoß zu
       sehen. Ich sitze steif und erschrocken da.“ Mit Kindern kann sie nicht viel
       anfangen. „Ein Arzt fragte mich mal, wie es sein kann, dass ich keine
       Kinder habe.“ Auf sein Unverständnis antwortete sie sehr direkt, dass sie
       nicht Mutter sein möchte. „Ich wollte keine Kinder, ich wollte Gedichte
       schreiben.“
       
       Israel: Anfang der 1960er Jahre organisierte der Kölner Rundfunk, für den
       ihr Vater arbeitete, eine Reisegruppe nach Israel. „Nicki meinte, fahr doch
       mit.“ Das Land gefiel ihr, sie wollte so viel wie möglich sehen. Sie blieb,
       lernte ihren zweiten Ehemann kennen, durchreiste Israel und schrieb
       Berichte darüber. Doch sehnsüchtig nach deutscher Kultur, kehrte sie vier
       Jahre später zurück. „Mir fehlten [2][die Kammerspiele].“
       
       Theater: „Zu Hause haben wir immer viel Theater gespielt.“ Die Eltern
       hatten sogar eigens einen Theaterwagen gebaut, der als Bühne und Kulisse
       diente. Für die Mutter sei das Spiel vielleicht auch ein Ersatz gewesen, da
       sie ihre Auftritte auf Opern- und Theaterbühnen vermisste, sagt Nick.
       
       Anselm: Im Arbeitszimmer hebt sich ein Schwarz-Weiß-Foto von all den
       anderen ab. Darauf zu sehen ist Dagmar Nicks vier Jahre älterer Bruder
       Anselm, mit ernstem Blick im noch jugendlich runden Gesicht. Kurz vor
       Kriegsende, 1945, wurde er mit 22 eingezogen und an die Front geschickt.
       „Ich habe das Foto von ihm aufgenommen. Einen Tag später ist er in den
       Krieg“, sagt Nick. Anselm kehrte nie zurück.
       
       Neugier: Auf einem Hocker neben ihrem Bett stapeln sich Zeitungen. „Ich
       lese nur den intelligenten Teil und ein bisschen Politik“, sagt Nick.
       Besonders interessiert sie der Wissenschaftsteil über Erfindungen und neue
       Entdeckungen. Weil sie schon immer neugierig gewesen sei, erzählt sie: Für
       den Schulweg habe sie oft länger gebraucht als die anderen. Während sich
       ihre Eltern sorgten, erkundete Nick ihre Umgebung. „Ich bin manchmal am
       Markt einfach stehengeblieben, wenn ich eine Frucht gesehen habe, die ich
       nicht kannte.“
       
       Ankommen: Auf die Frage, was ihre Heimat ist, findet sie keine Antwort.
       „Das ist schwierig.“ Eigentlich fühlt sie sich nie angekommen, zu groß sei
       die Neugier auf das Unbekannte. Aber die Wohnung sei schon ein Anker und
       ihr wichtig: „Weil wir alles aufgebaut haben.“ Mit „wir“ meint Nick sich
       und ihre Eltern. Nach ihrer Rückkehr aus Israel 1967 zogen Nick und ihre
       Eltern nach München. Das Haus sei damals eine Ruine gewesen. Nick wohnte
       zunächst im ersten Stock und zog nach dem Tod ihrer Eltern in deren Wohnung
       im Erdgeschoss.
       
       Abschiedswege: „Und wo soll der Flügel hin?“, fragte ihre Nichte neulich.
       Seither schwirrt ihr die Frage im Kopf herum. Seit Jahren schon verschenkt
       sie ihre Einrichtungsgegenstände und Erinnerungsstücke an Bekannte und
       Freunde. „Ich will nicht, dass die Dinge einfach so verstreut werden“, sagt
       Nick. In einem Schrank, in dem stapelweise Gedichtbände von ihr liegen,
       hängt eine Notiz: „Nach meinem Tod an das Antiquariat.“
       
       Hundert: Am 30. Mai wird Nick 100 Jahre alt. „Ein grässliches Datum“, sagt
       sie. Mit dem Altern beschäftigt sich Nick schon lange. Vermutlich schon
       seit dem Tod ihres dritten Mannes 1982, den sie nach einem Schlaganfall 15
       Jahre lang gepflegt hatte. „Von deiner Schönheit/ schweigen. Den Spiegeln/
       befehlen, dich festzuhalten,/ ehe du gehst.“, heißt es in einem Gedicht.
       Jetzt treibt sie vor allem der Verlust der Autonomie und die
       Gebrechlichkeit um. In den vergangenen Jahren hatte sie mehrere
       Knochenbrüche. Einer am rechten Arm war für sie besonders schlimm. „Ich
       konnte monatelang nicht schreiben.“ Und dennoch: „Es ist ein Wunder für
       mich, morgens beim Aufwachen zu merken, dass alles immer noch so ist wie
       gestern.“ Das Sterben fürchtet sie nicht: „Ich habe keine Angst vor dem
       Tod, ich habe die Nazis überlebt.“
       
       26 May 2026
       
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