# taz.de -- Nachruf auf Timm Ulrichs: Der Löwe schläft heute Nacht
> Die radikale Totalkunst Timm Ulrichs' machte auch vor dem Gebrauch des
> eigenen Körpers nicht halt. Nun ist der Konzeptkünstler mit 86 Jahren
> verstorben
(IMG) Bild: Timm Ulrichs bei einer Party des Berliner Editionen-Start-ups Works on Skin
Einer der ganz großen, vielleicht der größte deutsche Nachkriegskünstler –
jedenfalls würde er das selbst so sehen –, hat die Bühne verlassen. [1][Ein
filmreifes Leben, der Lebensfilm von Timm Ulrichs ist zu Ende,] der letzte
Vorhang ist gefallen, das rechte Augenlid mit dem Tattoo „THE END“ ist für
immer geschlossen. 1970 hatte es sich der angehende Totalkünstler von der
damals zur Halbwelt rechnenden Frankfurter Tätowiererlegende Sammy
Streckenbach in einer schmerzhaften Prozedur stechen lassen, um damit zu
dokumentieren, dass er sein gesamtes Leben als filmisches Kunstwerk
begreift, das um das Sehen und Gesehenwerden kreist.
Damit endet eine nicht typische, aber exemplarische bundesrepublikanische
Biografie, die in den Kriegswirren begann: Geboren 1940 in Berlin,
evakuiert nach Prenzlau, wieder geflohen ins Oldenburger Land, wo Timm in
Arbeiterklasseverhältnissen aufwuchs, war ihm seine künstlerische Karriere
keineswegs an der Wiege gesungen. Um seine Ausbildung zum Bauzeichner und
das Studium zu finanzieren, jobbte er als Eisverkäufer. Aber seine Liebe
zur Popkultur, zur amerikanischen Beatmusik und zum Schlager waren ein
guter innerer Kompass: Er wollte mitspielen auf der großen Bühne,
mitmischen, ein Star sein, überholen ohne einzuholen.
Vom Tellerwäscher zum Totalkünstler: dabei halfen seine
Straßenköter-Chuzpe, seine Respektlosigkeit vor Autoritäten, seine
instinktive, aber gut begründete Verachtung für alles Snobistische,
Hochtrabende und Verblasene. Seine künstlerische Wahrheit war immer
konkret, weshalb besonders auch die Sprache und die konkrete Poesie sein
Medium waren, die er bis zu in Beton gegossenen Buchstaben trieb: konkreter
wird’s nicht. Gepaart wurde das mit einem soliden Humor, Originalität und
einer enzyklopädischen Klugheit, die jeder, der ihn kannte, anzapfen
konnte. Man musste aber viel Zeit mitbringen.
## Ein todesverachtendes Leben
Sein Bestreben, das eigene Leben zum Film und sich selbst zum Kunstwerk zu
machen – 1961 erklärt, 1969 in der Frankfurter Patio Galerie in einer
dreitägigen Selbstausstellung im Glaskasten ins Werk gesetzt –, umfasste
den Einsatz des eigenen Körpers in einer Weise, die nicht anders als
todesverachtend zu nennen ist. Eigentlich war der Tod ein ständiger
Begleiter im Werk von Timm Ulrichs: Ob er sich 1987 für 24 Stunden zwischen
die beiden Hälften eines Findling legte, in den zuvor seine Körperform
eingefräst war, ob er sich 1992 in Kassel auf dem Künstlerfriedhof selbst
kopfüber beerdigt oder sich 1977 zum menschlichen Blitzableiter macht,
indem er – das Bild hat sich mir am stärksten eingeprägt – bei einem
Gewitter nackt, mit einer langen Metallstange auf den Rücken geschnallt,
über ein Feld bei Münster läuft. Hätte schiefgehen können. Hat geklappt.
Das erste Mal trat Timm Ulrichs in mein Leben im August 1990, als er in der
Galerie meiner Mutter Inge Friebe in Lüdenscheid eine Ausstellung aufbaute.
Er kam auf den letzten Drücker mit einem Lieferwagen aus Münster,
vollgepackt mit Arbeiten und Materialien. Ob man spontan die Galerie mit
Sand ausschütten könne? Er wolle die Mondoberfläche real nachbauen. Dann
ließ er sich doch auf den Kompromiss ein, es im Garten zu tun.
Ebenfalls Teil der Ausstellung waren Abgüsse seiner Kopfform in Beton, die
zum „Kopfsteinpflaster“ wurden, sie sind heute noch im Garten der
Städtischen Galerie Lüdenscheid zu besichtigen. Mitgebracht hatte er seine
Studenten, die zeitgleich in der Städtischen Galerie ausstellten, darunter
auch Ursula Neugebauer, die später seine Frau werden sollte.
Die Begegnung hat mein Bild dessen, was ein Künstler ist, nachhaltig
geprägt, damals noch nicht wissend, dass Timm anders ist als alle anderen
Künstler, aber eine große Inspiration für viele war. Timm hat keine Schule
hinterlassen, aber mit vielen seiner ehemaligen Studenten, die heute oft in
ganz anderen Feldern arbeiten, [2][blieb er in so enger Verbindung, das man
neben Mentorschaft fast von Liebe sprechen könnte].
## Neo-Dada und Konzept-Pop
Mit anderen Künstlern, ausgenommen den Pop-Art-Erfinder Richard Hamilton
und den [3][Dadaisten Raoul Hausmann], mit denen er bis zu deren Tode in
engem Austausch war, verband ihn eher so etwas wie „tough love“: Er nahm
kein Blatt vor den Mund und legte sich mit allen an, gern auch mit
Galeristen, was erklärt, warum seine künstlerische und kommerzielle
Karriere sich bis heute eher im Mittelfeld bewegt und er international so
etwas wie der bekannteste Unbekannte, ein „Artist’s artist“, blieb.
Überliefert der Satz von ihm zum Tod von Joseph Beuys, den er nun wirklich
nicht ausstehen konnte: „Beuys tot, ich eins rauf!“ Unwahrscheinlich, dass
jemand so etwas heute über Timm sagen würde. Spät, aber doch [4][wurde er
dann 2020 immerhin mit dem Käthe-Kollwitz-Preis ausgezeichnet]. Bei der
Preisverleihung in der Berliner Akademie der Künste soll er sich mit einem
anwesenden Künstler angelegt haben.
Unter Kunststudenten, das berichtete sein Schüler Frederik Foert, gab es
den Running Gag, immer, wenn jemand eine originelle künstlerische Idee
ausbreitet, zu kommentieren: Das hat Timm Ulrichs längst gemacht. In den
meisten Fällen stimmte es. Es bleibt zu hoffen, dass die Kunstgeschichte
irgendwann, wenn sich der durch Überkommerzialisierung aufgewirbelte Staub
um die One-Trick-Ponys des Kunstmarkts gelegt haben wird, ein angemessenes
Plätzchen ganz oben im internationalen Olymp für ihn finden wird.
Timm legte, ganz dem Zeitgeist der 1970er und seiner proletarischen
Herkunft geschuldet, immer großes Augenmerk und Sorgfalt auf die
Auflagenkunst und brachte demokratisch bepreiste Editionen unters Volk.
Eine signierte Postkarte mit seinem Gassenhauer „Ich kann keine Kunst mehr
sehen“, mit dem er, als Blinder verkleidet, 1975 den Kölner Kunstmarkt
aufmischte und der eine Rampe für den Hype um die deutsche Nachkriegskunst
baute, war bei seinem Herausgeber Peter Fabian bis vor Kurzem noch für 10
Euro zu haben.
## Editionen und Demokratie
Das demokratische Element gepaart mit seiner Pionierarbeit, die
proletarisch-subproletarische Kunstform des Tattoos in der Gegenwartskunst
zu etablieren, standen am Anfang unserer Idee für mein Editions-Start-up
„Works on skin“, für das ich Timm Ulrichs 2024 als ersten Künstler
anfragte. So intensivierte sich unsere lose Freundschaft. Timms Motiv
besteht aus 110 seiner markanten Unterschriften und ermöglicht jeden
Träger, sich zu einem einzigartigen Multiple von Timm Ulrichs zu machen:
also sein eigenes Leben als Kunstwerk zu begreifen – wenn auch vielleicht
nicht so radikal, wie der Meister es vorgelebt hat.
Viele seiner Auflagenwerke sind gerade in der Ausstellung „German Pop Art“
in der Oberhausener Galerie Ludwig zu sehen. Timm war Inhaber einer
schwarzen Bahncard und jettete bis vor wenigen Wochen unermüdlich durch die
Republik, um Ausstellungen aufzubauen und seinen Nachlass zu organisieren.
Wir planten, dass ich ihn für ein Radiogespräch dabei begleite, aber daraus
wird nun nichts mehr.
Wenn ein alter Mensch stirbt, heißt es, ist es, als wenn eine Bibliothek
abbrennt. Im Fall von Timm Ulrichs ist es so, als wenn eine Bibliothek mit
einer Jukebox abbrennt. [5][Auf vielen unserer Partys] hat er in den
vergangenen zwei Jahren als DJ reüssiert und dafür eigens eine Auswahl
seiner 1960er Jahre Singles aus Hannover nach Berlin geholt. „In the
jungle, the mighty jungle, the lion sleeps tonight“ von den Tokens ist mir
noch im Ohr. Jetzt ist der Löwe gestorben, und der Jungle da draußen geht
weiter.
Unsere letzte Begegnung war bei der Finissage von seiner und Ursula
Neugebauers kleiner Schau unter dem prophetischen Titel „Das Zeitliche
segnen“ Ende Februar in meinem Offspace in der Britzer Hufeisensiedlung.
[6][Aufgeweckt und luzide berichtete Timm stundenlang] von seiner Jugend,
seiner Liebe zur Beatmusik und davon, wie er sich einen Tag lang in
Frankfurt von einem Privatdetektiv beschatten ließ. So werden wir ihn, die
wir von ihm geprägt wurden und vieles über die Kunst und das Leben von ihm
gelernt haben, in Erinnerung behalten. Niemand hätte da geahnt, dass er so
bald das Zeitliche segnen würde. Gestern ist Timm Ulrichs im Alter von 86
Jahren gestorben.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es,
Timm Ulrichs wäre in Bremen geboren worden. Richtig ist, dass er in Berlin
geboren wurde. Das ist korrigiert.
1 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Kuenstlergespraech-mit-Timm-Ulrichs/!5700554
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(DIR) [5] /Ewig-glitzernde-Liebe-und-nackter-Beton/!6031020/
(DIR) [6] https://www.youtube.com/watch?v=gW9NvpgHVeo
## AUTOREN
(DIR) Holm Friebe
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