# taz.de -- Östereichisches Pavillon an der Biennale: Aller Dreck wird systematisch geklärt
       
       > Performance-Künstlerin Florentina Holzinger nutzt Wasser und andere
       > Flüssigkeiten für ihren spektakulären Beitrag an der Kunstbiennale von
       > Venedig.
       
 (IMG) Bild: „O tempora, o mores“: Florentina Holzinger klärt die Lage in Venedig
       
       Regelrecht geehrt fühlt sich Florentina Holzinger, als sie davon berichtet,
       wie die österreichische Klatschpresse darüber hergezogen sei. Seit erste
       Informationen darüber bekannt wurden, was die Performance-Künstlerin im
       österreichischen Pavillon der Venedig-Biennale zeigen würde, rauschte es im
       Blätterwald. Das Verb durchsickern passt da besser zu dieser Klatschorgie,
       weil – wie könnte es in Venedig auch anders sein – Wasser und andere
       Flüssigkeiten für Holzingers Projekt die Hauptrollen spielen.
       
       Wie bestellt geht ein kräftiger Regenschauer auf die Preview-Besucher:innen
       herunter, während die Künstlerin bei der offiziellen Eröffnung des
       Pavillons am Mittwochmittag spricht. „600.000 Euro für einen Brunzesee“
       hätte man sich in der Regenbogenpresse ereifert, so erzählt sie und
       versucht dann, eine englische Übersetzung für den österreichischen
       Kraftausdruck zu finden. „600.000 for a shit lake“.
       
       Tatsächlich hat Holzinger für „Seaworld Venice“, ihr von Nora-Swantje Almes
       kuratiertes Venedig-Projekt, den Pavillon geflutet. Die erste auf Dauer
       angelegte Installation der Choreografin und Theaterregisseurin ist eine
       Mischung aus einem Disney-inspirierten Themenpark samt um sich selbst
       kreisendem Jetski, sakralem Wallfahrtsort mit Wetterhahn, massiver
       Messingglocke und einem Aquarium als Altar, [1][Körperkunst-Show und
       gesellschaftskritischem Kunstparcours].
       
       ## Vom Umgang mit Ressourcen
       
       Um den Umgang von Menschen mit dem Planeten und dessen Ressourcen geht es,
       um Umweltverschmutzung und Massentourismus, im übertragenen Sinne auch um
       die multiplen anderen, sich selbst befeuernden Krisen unserer Zeit, die
       auch in Venedig ihr Echo finden.
       
       Herzstück ist eine Art Kläranlage, für deren Instandhaltung Holzinger auf
       die Mitwirkung des Biennale-Publikums angewiesen ist. Angehalten ist
       dieses, den eigenen Urin in extra dafür eingerichteten mobilen Toiletten zu
       spenden, das dann wiederum nach einer nicht näher erläuterten Filterung ins
       Pavillon-Wasser gespeist wird, welches unter anderem auch das Aquarium
       füllt, in dem rund um die Uhr eine Performerin zappelt.
       
       Nicht nur den Pavillon aber bespielt Holzinger. Früher am Mittwochmorgen
       schon hatte ein ausgewählter Kreis des Preview-Publikums einer ihrer Etüden
       beiwohnen können. Mit dem Boot ging es dafür raus aufs Wasser, wo Holzinger
       eine schwimmende Bühne mit Kran aufgebaut hatte, der spektakulär [2][eine
       Glocke], wie sie auch vor dem Pavillon hängt, aus dem trüben Gewässer barg,
       so als hätten sie diese dort unten bei einem Tauchgang gefunden. Holzinger
       selbst hing baumelnd darin, als menschlicher Klöppel.
       
       ## Voller Körpereinsatz
       
       Mit solchem vollen Körpereinsatz ist Holzinger eigentlich auf den
       Theaterbühnen bekannt geworden. Und sehr erfolgreich. Ihr Stück „A Year
       Without a Summer“ sollte eigentlich gerade beim zeitgleich stattfindenden
       Theatertreffen der Berliner Festspiele laufen. Verschoben auf Oktober hat
       sie die Aufführung, Holzinger muss gerade Prioritäten setzen, meint es mit
       ihrem Interesse an der Kunst als zweitem Standbein offenbar sehr ernst. Vor
       Kurzem erst war bekannt geworden, dass sie fortan von der Großgalerie
       Thaddaeus Ropac vertreten wird.
       
       [3][Wer mit Holzingers Arbeiten vertraut ist], wird in Venedig konkrete
       Elemente wiedererkennen, die Künstlerin recycelt sich selbst. Das
       Biennale-Previewpublikum stört sich daran nicht, immer länger werden die
       Schlangen vor dem Pavillon. Drinnen dann warten Freiwillige brav vor den
       beiden an Pumpen angeschlossenen Dixi-Klos, angeleitet von als Klofrauen
       kostümierten Performerinnen.
       
       Eine Person habe sich nicht an die Regeln gehalten, erklären diese dort
       bereitwillig, während sie auf einen der Räume deuten, in dem bräunliche
       Brühe scheinbar unkoordiniert herumspritzt. Ob die Geschichte stimmt?
       Vielleicht nicht so wichtig, solange sie gut ist.
       
       Und das ist sie. Bei allem Spektakel gibt es kaum eine Arbeit auf der
       Biennale, der es so gut gelingt, zu unterhalten und zu irritieren, Bilder
       zu finden, für die Welt, in der wir uns gerade befinden, für den Dreck, in
       dem wir sitzen und für den wir selbst verantwortlich sind. Für die Zeiten,
       für die Sitten, „O tempora, o mores“, Ciceros Ausspruch über den Verfall
       der Sitten, er steht als Sinnspruch auf Holzingers Glocke.
       
       7 May 2026
       
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