# taz.de -- Umstrittener Werbeclip in der Türkei: Angriff auf die heilige Mutterschaft
       
       > Eine Werbung für Staubsauger, in dem eine Frau ihren Hund „Söhnchen“
       > nennt, sorgt in der Türkei für einen Eklat. Es zeigt, wie gespalten das
       > Land ist.
       
 (IMG) Bild: Ungeliebte „Söhnchen“': Präsident Recep Tayyip Erdoğan will Straßenhunde, die nicht adoptiert werden, töten lassen
       
       Die junge Frau im Haushaltswarenladen ruft: „Hallo, Söhnchen“, und um die
       Ecke gelaufen kommt kein Kind, sondern ein kleiner, knuddeliger Hund. Wie
       ein harmloser Werbeclip – ausgerechnet von der deutschen Firma Bosch – ein
       Land aufrühren kann, das sich in einem Kulturkampf zwischen einer
       islamistischen Regierung und einer zumindest in Teilen säkularen
       Bevölkerung befindet, zeigt sich dieser Tage in der Türkei.
       
       Da ereifert sich die islamistische Tageszeitung Yeni Şafak über einen
       beispiellosen Angriff auf die Familie und die heilige Mutterschaft. Da Yeni
       Şafak als Sprachrohr der Regierung bekannt ist, schaltet sich alsbald die
       Medienaufsicht RTÜK ein. Mehmet Daniş, Chef von RTÜK, kritisiert die
       Bosch-Reklame scharf, die gezielt zum am Sonntag anstehenden Muttertag
       produziert wurde.
       
       Er findet, die Mutter-Kind-Bindung dürfe nicht für kommerzielle Zwecke
       missbraucht werden. Da will auch die Familienministerin nicht zurückstehen
       und erklärt, ja, jede Liebe sei wertvoll, doch der so hohe Wert der
       Mutterliebe dürfe nicht für eine kommerzielle Kommunikationsstrategie
       aufgeweicht werden.
       
       Auf der anderen Seite wird das Netz geflutet, unter anderem mit witzigen
       Liebeserklärungen von Hunden und Katzen, die sich bei Bosch bedanken.
       
       ## Erfolgreichste Bosch-Werbung ever
       
       Der Clip, um den sich all die Aufregung dreht, bewirbt
       Bosch-Haushaltsprodukte, speziell kleinere Handstaubsauger, mit denen man
       den Schmutz nach einem Parkbesuch besonders einfach entfernen können soll.
       Zwei junge Frauen – natürlich ohne Kopftuch – identifizieren sich in dem
       Clip als Mütter. Sie sprechen über die Vorteile der Staubsauger angesichts
       des Schmutzes, den ihre vier- oder fünfjährigen Kinder nach Hause tragen.
       Nachdem eine der Frauen einen Staubsauger gekauft hat, ruft sie ihren
       „Sohn“ – und es kommt der erwähnte niedliche Hund um die Ecke gelaufen.
       
       Angesichts der Kritik knickte Bosch ein und zog den Werbeclip zurück. Doch
       das pushte ihn erst recht: Über hunderttausend Mal wurde er bislang
       angeklickt. Und wohl niemand hatte mit den Reaktionen gerechnet, die nun
       außerdem ins Netz gestellt werden: Hunderte, vor allem junge säkulare
       Frauen, posteten Bilder ihrer tierischen „Kinder“. Einige teilten
       Ultraschallbilder aus Schwangerschaften und montierten die Köpfe von Hunden
       hinein. Motto der meisten Posts: Danke, Bosch. Und: Wir bestimmen selbst,
       wer unsere Kinder sind.
       
       Das Marketing ist gelungen, der kleine Bosch-Staubsauger wird zum Renner.
       Fotos im Netz zeigen, wie Frauchen ihren Hund damit absaugen. Bosch hat
       sicher nie einen erfolgreicheren Werbeclip geschaltet.
       
       Jenseits des aktuellen Streits im Netz zeigt diese Auseinandersetzung
       außerdem erneut, dass der Hund als Haustier – und erst recht als
       Straßenhund – für die Islamisten eine Herausforderung ist. Einen Hund zu
       halten, gilt als unislamisch, als unrein. Nur Ungläubige hielten sich einen
       Hund.
       
       ## Chef der Werbeagentur wird zur Zielscheibe
       
       Entsprechend hatte die AKP-Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan vor
       zwei Jahren das Tierschutzgesetz geändert – und verkündet,
       [1][Straßenhunde, die nicht adoptiert wurden, einsammeln und töten zu
       wollen.] Aktivisten beschreiben das als „Massakergesetz“. Wie viele Tiere
       es bislang betrifft, ist nicht genau bekannt.
       
       Problematisch wurde der Clip vor allem für Jeffi Medina, den Chef der
       Werbeagentur, die ihn produziert hat. Denn die Zeitung Yeni Şafak machte
       ihn persönlich zur Zielscheibe. Um ihn nicht ganz platt als Juden zu
       denunzieren, stellte Yeni Şafak einfach einen Screenshot aus Medinas
       Wikipedia-Eintrag mit in ihren Artikel und [2][teilte diesen auf dem
       sozialen Netzwerk X]. Daraus geht hervor, dass Jeffi Medina jüdischen
       Glaubens ist.
       
       Das Onlinemagazin Avlaremoz, das sich mit jüdischem Leben in der Türkei
       befasst, schrieb dazu: Eine Hundemutter und dann auch noch Jude – was kann
       es in diesen Zeiten Schlimmeres geben?
       
       9 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Toetung-von-Strassenhunden-in-der-Tuerkei/!6134959
 (DIR) [2] https://x.com/yenisafak/status/2051012242615722216?s=20
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Wolf Wittenfeld
       
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