# taz.de -- Proteste gegen Erdoğan: Lehrbetrieb geht vorerst weiter
       
       > Studierende der Istanbuler Bilgi-Universität protestieren gegen die
       > Schließung ihrer Hochschule. Die Regierung gibt vorerst nach.
       
 (IMG) Bild: Prüfung bestanden: Proteste auf dem Campus der Bilgi-Iniversität in Istanbul
       
       Nur wenige Tage nach der überraschenden Schließung der Istanbuler
       Bilgi-Universität rudert die türkische Regierung offenbar zurück. Nachdem
       Präsident Recep Tayyip Erdoğan der renommierten Privatuniversität am 22.
       Mai per Dekret zunächst die Betriebserlaubnis entzogen hatte, berichteten
       bereits am Wochenende sowohl das linke Oppositionsportal soL Haber als auch
       der regierungsnahe Sender CNN Türk, dass der Lehrbetrieb vorerst
       weiterlaufen solle.
       
       Die Kehrtwende folgt auf mehrere Tage studentischer Proteste. Unmittelbar
       nach Bekanntwerden der Schließung versammelten sich Studierende auf dem
       Campus, organisierten Mahnwachen und Protestcamps. Videos oppositioneller
       Medien zeigten Polizeieinsätze und Festnahmen vor der Universität. Die
       Regierung reagierte zunächst mit Härte – und begann wenig später, die
       Eskalation wieder einzufangen.
       
       Öffentlich bemühte sich die Regierung jedoch, den Rückzug nicht als
       politisches Nachgeben erscheinen zu lassen. Erol Özvar, Präsident des
       Hochschulrats YÖK, erklärte, die Entscheidung sei nach einer „sensiblen
       Neubewertung“ durch Erdoğan angepasst worden, um Nachteile für Studierende,
       Familien und Universitätsmitarbeiter zu vermeiden.
       
       Offiziell begründete Ankara die Schließung mit Ermittlungen gegen die Can
       Holding, der die Universität gehört. Gegen den Konzern laufen Verfahren
       wegen mutmaßlicher Geldwäsche, Steuerbetrugs und organisierter
       Kriminalität. Doch die politische Symbolik der Entscheidung war
       offensichtlich. Die Bilgi-Universität gilt seit ihrer Gründung in den
       1990er Jahren als eine der liberalsten und internationalsten Hochschulen
       des Landes. Sie steht für ein urbanes, kosmopolitisches und europäisch
       orientiertes Milieu und ist besonders stark in den Sozial- und
       Kulturwissenschaften.
       
       ## Von der AKP entfremdet
       
       Für viele junge Menschen in der Türkei steht sie für genau jenes
       gesellschaftliche Milieu, das sich zunehmend vom
       konservativ-nationalistischen Kurs der islamisch geprägten Regierungspartei
       AKP entfremdet hat. Gerade unter jungen urbanen Studierenden entstehen
       dabei zunehmend politische Haltungen, die sich weder eindeutig
       konservativen noch klassischen kemalistischen Lagern zuordnen lassen.
       
       Aus diesem Grund reagiert die Regierung inzwischen besonders empfindlich
       auf studentische Proteste. Dabei waren die Proteste an der Bilgi bislang
       vergleichsweise klein – vor allem im Vergleich zu den landesweiten
       Demonstrationen im März 2025 nach der [1][Absetzung des Istanbuler
       Bürgermeisters Ekrem İmamoğlu] und dem Entzug seines Universitätsdiploms.
       Spätestens seit den Gezi-Protesten 2013 gelten Universitäten für die
       Regierung als politisch sensible Räume.
       
       Auch die [2][Boğaziçi-Proteste 2021] wurden zu einem Symbol des Widerstands
       gegen den politischen Umbau staatlicher Institutionen. Die Strategie des
       Staates scheint heute darin zu bestehen, Proteste möglichst früh zu
       kontrollieren: Camps räumen, Mahnwachen auflösen, Organisierung verhindern
       – bevor daraus breitere Bewegungen entstehen können.
       
       Die Härte gegen die Bilgi-Universität kann deshalb auch als Zeichen
       wachsender Unsicherheit gelesen werden. Erdoğan kontrolliert zwar weiterhin
       weite Teile des Staatsapparates, der Justiz und der Medien, und die AKP
       bleibt insbesondere außerhalb der großen Metropolen gesellschaftlich tief
       verankert. Doch gerade in den Städten verliert die Regierungspartei
       zunehmend die Fähigkeit, junge Menschen dauerhaft an sich zu binden.
       
       25 May 2026
       
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