# taz.de -- Schlag gegen Opposition in der Türkei: Erdoğan geht es jetzt um alles
> Die türkische Regierung geht massiv gegen die Oppositionspartei CHP vor
> und lässt die Parteizentrale stürmen. Den Zeitpunkt hat Erdoğan gut
> gewählt.
(IMG) Bild: Atatürk an Bord: Abgesetzter CHP-Chef Özel beim Protestmarsch zum Parlament in Ankara am 24. Mai, mit Porträt des Staatsgründers
Es gibt ein ikonisches Foto von Sonntagabend. Es zeigt den Vorsitzenden der
größten türkischen Oppositionspartei CHP, Özgüt Özel, klatschnass im Regen,
das Hemd am Körper klebend, wie er auf einen Wasserwerfer steigt. Die
Wasserwerfer stehen vor dem Parlament in Ankara und sollen Özel und seine
Parteifreunde daran hindern, das Parlament zu betreten, obwohl die meisten
von ihnen Abgeordnete eben dieses Parlaments sind.
Der Sonntag hatte bereits zuvor schockierende Bilder geliefert. [1][Özel
und der gesamte Parteivorstand waren am Donnerstagabend durch ein
zweifelhaftes, von der Regierung bestelltes Gerichtsurteil, als CHP-Führung
abgesetzt worden.] Angeblich weil es bei der Wahl Özels und des
Parteivorstandes im Herbst 2023 zu „Unregelmäßigkeiten“ gekommen war: bei
seiner Wahl bei dem Parteitag im Herbst 2023 sollten angeblich Stimmen
gekauft worden sein.
Diese sogenannten Unregelmäßigkeiten interessierten damals zunächst
niemanden. Erst als Özel und der neue Parteivorstand zeigten, dass sie die
Partei aus einem jahrelangen Dämmerzustand aufwecken konnten und ein Jahr
später, im Frühjahr 2024, die regierende AKP von Präsident Recep Tayyip
Erdoğan bei den Kommunalwahlen vernichtend schlagen konnten, wurden die von
dem geschlagenen Vorgänger von Özel, Kemal Kılıçdaroğlu, behaupteten
„Unregelmäßigkeiten“ für Erdoğan interessant. Er ließ ein Verfahren durch
die Staatsanwaltschaft einleiten, was aber zunächst von einem Gericht
abgelehnt wurde.
Erst nachdem er im Februar dieses Jahres einen neuen Justizminister, Akin
Gürdal, eingesetzt hatte, machte dieser der Justiz Dampf. Ein neues
Verfahren wurde eingeleitet, ein Gericht nahm die Anklage an und verkündete
am Donnerstag letzter Woche wunschgemäß: Özel und der gesamte
Parteivorstand sind abgesetzt, der alte Vorsitzende Kemal Kılıçdaroğlu wird
wieder eingesetzt.
## Tränengas und Plastikgeschosse
Seitdem verließen Özel und etliche Abgeordnete der CHP die Parteizentrale
nicht mehr, bis die Polizei dem ein gewaltsames Ende setzte.
Um 14:00 Uhr Ortszeit riss die Polizei die Gitter vor der Parteizentrale
nieder und stürmte das Gebäude. Unter massivem Einsatz von Tränengas und
Plastikgeschossen wurden die CHP-Mitglieder, die sich in dem Gebäude
aufhielten, langsam herausbefördert. Stock für Stock wurde das Gebäude
durchkämmt, am Ende waren nur noch der Parteichef und der Parteivorstand im
12. Stock des Gebäudes. Um ihrer Festnahme zuvorzukommen, verließen Özel
und die anderen dann das Gebäude. Sichtlich gezeichnet vom Tränengas
forderte Özel die Anhänger der CHP auf, ihren Kampf fortzusetzen. „Wir
werden wiederkommen“, rief er der Menge zu.
Anschließend marschierte er mitten im Regen durch Ankara zum Parlament.
Dieser Marsch endete am Sonntagabend vor den Wasserwerfern. Gegenüber der
Nachrichtenagentur AFP sagte Özel: „Erdoğan hat den Verstand verloren. Sie
haben unsere Zentrale gestürmt, Tränengas versprüht, uns mit Schlagstöcken
geprügelt und die gesamte Parteizentrale verwüstet.“ Dass die Zentrale der
CHP, der Republikanischen Volkspartei, der Gründungspartei der Türkischen
Republik, von der Polizei gestürmt wird, ist in der Geschichte der Türkei
ein einmaliger Vorgang. Er zeigt: für Erdoğan geht es jetzt um alles.
Er und seine Partei liegen in den Umfragen gegenüber der CHP zurück.
Erdoğan, der bei den nächsten Präsidentschaftswahlen, die regulär 2028
stattfinden sollen, gar nicht mehr antreten dürfte, will deshalb
vorgezogene Neuwahlen im kommenden Jahr durchsetzen und die Opposition
zuvor ausschalten.
Den Präsidentschaftskandidaten der CHP, den Istanbuler Oberbürgermeister
Ekrem İmamoğlu, hat er bereits im März letzten Jahres verhaften und ins
Gefängnis stecken lassen, nun also wurde der Parteivorsitzende abserviert.
Während Özel und İmamoğlu die CHP auf Erfolgskurs gebracht hatten, zeichnet
sich Kılıçdaroğlu durch seine notorische Erfolglosigkeit und Harmlosigkeit
aus. Kılıçdaroğlu wird eine Operettenopposition ganz nach dem Geschmack von
Erdoğan anführen.
Der Zeitpunkt für diesen Schlag gegen die Opposition ist gut gewählt. Die
gesamte Woche steht in der Türkei im Zeichen des Opferfestes, von seiner
Bedeutung vergleichbar mit den Weihnachtstagen in Deutschland. Das
politische Leben steht still.
Aber auch international ist der Zeitpunkt für Erdoğan günstig. Als
politischer Vermittler und Kontrolleur eines wichtigen Knotenpunktes
zwischen dem Westen und Russland und dem Iran, wird Erdoğan gerade von
allen Seiten hofiert, von Trump über Putin bis zur EU und der
Bundesregierung.
Entsprechend mau fielen die Reaktionen der EU und des Auswärtigen Amtes zur
Absetzung des gewählten Parteivorstandes der CHP aus. Der von Erdoğan
gelenkte Justizputsch wird vorsichtig bedauert, Konsequenzen muss Erdoğan
nicht fürchten.
Innenpolitisch haben sich die anderen Oppositionsparteien mit der CHP
solidarisiert. Nachdem die CHP Abgeordneten am Montagmorgen das Parlament
wieder betreten durften, erhielt Özel Besuch vom Parteivorstand der
zweitgrößten Oppositionspartei, der kurdischen DEM.
Da waren die Reaktionen des Kapitalmarktes schon deutlicher. Die türkische
Börse brach am Freitag ein und die Zentralbank musste rund zehn Milliarden
Dollar für Stützungskäufe für die eigene Währung aufbringen.
Kılıçdaroğlu will am heutigen Sonntag die Nachfolge von Özel antreten. Auch
wenn jetzt mehr als 90 Prozent aller CHP-Mitglieder ihn als Verräter
beschimpfen, will er die Partei im Auftrag Erdoğans weiterführen. Özgür
Özel und der amtierende Parteivorstand pochen nun auf einen
Sonderparteitag, der angeblich in 40 Tagen stattfinden muss, um dort neu
wählen zu lassen. Doch Kılıçdaroğlu hat es nicht eilig. Er wird erst einmal
die Delegiertenlisten säubern lassen. Stattdessen steht zu befürchten, dass
Erdoğan jetzt die parlamentarische Immunität Özels aufheben lassen wird, um
ihn ebenfalls zu verhaften.
25 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Wolf Wittenfeld
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