# taz.de -- Wahlprogramm der Berliner Linkspartei: Die Linke will Geschichte schreiben
       
       > Auf dem Landesparteitag wird Spitzenkandidatin Elif Eralp gefeiert wie
       > ein Popstar. Worüber man nicht so gerne redet, sind Finanzen – und das
       > Klima.
       
 (IMG) Bild: Früher war weniger Konfetti bei den Linken
       
       „Ich bin Elif Eralp, und ich will Berlin bezahlbar machen.“ So beginnt die
       Spitzenkandidatin der Linkspartei für die Wahl zum Abgeordnetenhaus am
       Samstag ihre Parteitagsrede. Aber eigentlich ist es eher eine Show. Eralp
       tritt zu [1][Hildegard Knefs Ohrwurm von „Berlin, Berlin, die Perle an der
       Spree“] auf die Bühne, am Ende wird eine Konfettikanone geschossen und
       Dutzende Genossinnen und Genossen defilieren an ihrer Frontfrau zu den
       Klängen von Stadionrock vorbei.
       
       In ihrer Rede zieht Eralp alle Register der Wahlkampfrhetorik. Sie
       attackiert Berlins Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU), der keine
       Visionen für Berlin habe. „Er hat seinen Laden nicht im Griff und ist
       völlig überfordert.“ Eralp fordert ein Sozialticket für neun Euro,
       kommunale Kiezkantinen und verspricht, den Volksentscheid Deutsche Wohnen
       enteignen umzusetzen.
       
       Die „rote Metropole“, die Eralp in ihrer Rede vorstellt, ist eine soziale
       Metropole – in der grüne Themen wie Klimawandel und Mobilitätswende nicht
       vorkommen. Umso mehr dagegen kämpferisches Pathos. „Wir wollen Licht und
       Leuchtfeuer sein für alle Menschen“, ruft sie am Ende der Rede den 175
       Delegierten zu. „Es geht darum, ein neues Kapitel in Berlin aufschlagen und
       gemeinsam Geschichte zu schreiben.“
       
       Vor Eralp hatte bereits die Landesvorsitzende Kerstin Wolter im
       Dong-Xuan-Haus in Lichtenberg den Ton vorgegeben. „Wir haben das erste Mal
       in der Geschichte die Chance, die Bürgermeisterin zu stellen“, sagt sie und
       verzichtet wie Eralp darauf, dem Amt den Begriff Regierende voranzustellen.
       Historisch nennt Wolter diese Chance. „Was glaubt ihr, was hier los ist,
       wenn wir im September die Bürgermeisterin stellen werden. Dann wird die
       Republik Kopf stehen.“
       
       [2][208 Seiten lang ist das Wahlprogramm], das die Delegierten am Samstag
       bei sieben Gegenstimmen und drei Enthaltungen beschließen. Das erste
       Kapitel Mieten, Wohnen und Bauen alleine nimmt 18 Seiten ein. Dahinter
       folgt das Kapitel Stadtentwicklung mit acht Seiten. Klima und Umwelt sind
       dagegen mit dem Tierschutz unter einem Kapitel zusammengefasst und
       firmieren auf Seite 120 an Position 12.
       
       ## Wer soll das alles bezahlen?
       
       Entsprechend eindeutig war auch das Votum für den Antrag, die Prüfung einer
       kommunalen Verpackungssteuer, die im Entwurf für das Wahlprogramm stand,
       aus der Beschlussfassung zu streichen. [3][Bei einem Ratschlag zum Thema
       Müll] im März hatte bei einer Probeabstimmung die Mehrheit noch für die
       Einführung einer solchen Steuer gestimmt, die [4][laut BUND jährlich 40
       Millionen Euro] in den Landeshaushalt spülen könnte. In Potsdam tritt eine
       Verpackungssteuer im Juli in Kraft.
       
       Teure Versprechen, aber der Verzicht auf Einnahmen: Geht das zusammen?
       Nachdenkliche Töne kommen auf dem Parteitag vom Haushaltspolitiker Steffen
       Zillich, der am 20. September nicht mehr kandidieren wird. „Die Lage ist
       schlecht bis dramatisch“, sagt Zillich und verweist auf das
       Haushaltsdefizit in Höhe von fünf bis sechs Milliarden Euro. „Die Hälfte
       dieses Defizits wird aus Rücklagen finanziert, die künftig nicht mehr zur
       Verfügung stehen“, so Zillich. „Schwarz-Rot bedroht die Stadt mit einer
       Abbruchkante.“
       
       Um nicht in den Abgrund zu stürzen, plädiert Zillich „neben der Stärkung
       der Einnahmenseite auch für eine Priorisierung“. Damit versucht der
       Haushaltsexperte die Erwartungen etwas zu dämpfen. „Selbst wenn wir uns bei
       der Wahl zu 100 Prozent durchsetzen, werden wir nicht alles sofort
       realisieren können“, so Zillich.
       
       „Die Menschen wollen Ehrlichkeit“, meint auch eine Rednerin der
       Arbeitsgruppe Haushalt, zu der auch Zillich gehört. Eine „mittelfristige
       Haushaltsstrategie“ will die Arbeitsgruppe Ende Mai vorstellen. „Dann haben
       wir einen Plan, wie wir die rote Metropole finanzieren können“, so die
       Rednerin.
       
       Das sind andere Töne als die der Spitzenkandidatin, die in ihrer Rede
       vollmundig sagte: „Wir wollen die Berlinerinnen und Berliner vor den
       Zumutungen des Bundes schützen.“ Doch die Bereitschaft, die Realität zur
       Kenntnis nehmen zu wollen, wo man doch Geschichte schreiben will, ist nicht
       allzu groß bei den Delegierten. Der Applaus für Zillich war
       pflichtschuldig.
       
       ## Gegen einen faulen Kompromiss
       
       Fehlt der Linken also womöglich das Geld, um Geschichte in Berlin schreiben
       zu können? Die Bundesvorsitzende Ines Schwerdtner sendet am Samstag Signale
       in die eine wie in die andere Richtung. „Das Rathaus in Berlin ist jetzt
       schon rot. Es wird Zeit, dass auch die Politik endlich rot wird“, sagt
       Schwerdtner. Dann aber fügte sie hinzu, dass das Ergebnis der Wahl im
       September bedeuten könne, „zu regieren oder auch einen faulen Kompromiss
       auszuschlagen“.
       
       Es ist ein Spagat, den die Linke auf ihrem Parteitag probt. Die umjubelte
       Frontfrau versucht, ihn mit viel Emotion zu überbrücken. Elif Eralp wirbt
       mit Verve für gutes Essen, das zu einem guten Leben gehöre: „Unsere
       Kiezkantinen“, ruft Eralp den Genossinnen und Genossen zu, „sollen Wärme in
       den Magen und in die Herzen bringen.“
       
       Am Ende des Parteitags halten Eralp und Landeschefin Wolter die Linke
       zusammen, auch wenn es immer wieder Wortbeiträge gibt, die vor einer
       Koalition mit den „prokapitalistischen Parteien Grüne und SPD“ warnen.
       
       Und auch ein Antisemitismusstreit bleibt der Partei erspart. [5][Ein Antrag
       der Landesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität], der dafür wirbt, dass
       „Kritik am Zionismus“ einen „legitimen Platz“ in der Linken haben soll,
       wird in die Gremien verwiesen.
       
       Zum Schluss ihrer Rede macht sich Elif Eralp sogar für Law and Order stark
       und bekommt dafür tosenden Applaus. „Gefragt ist Law and Order gegen die
       Immokonzerne“, gibt sich Eralp kämpferisch. „Vonovia ist besonders dreist.
       Das ist unser Lieblingsenteigungskandidat.“
       
       26 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=SmucHdItBgs
 (DIR) [2] https://dielinke.berlin/fileadmin/Parteitage/10._Landesparteitag/3._Tagung/Antraege/A1.pdf
 (DIR) [3] /Muellberge-in-der-Hauptstadt/!6163964
 (DIR) [4] https://www.bund-berlin.de/service/presse/detail/news/verpackungssteuer-kann-berlin-40-millionen-euro-jaehrlich-einbringen/
 (DIR) [5] https://dielinke.berlin/fileadmin/Parteitage/10._Landesparteitag/3._Tagung/Antraege/A06.pdf
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uwe Rada
       
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