# taz.de -- Staatsanwaltschaft ermittelt: Die Ratsfrau, ihr Integrationsverein und ein böser Verdacht
> Eine SPD-Lokalpolitikerin aus Hannover soll im großen Stil Geld
> veruntreut haben – in der Flüchtlingsarbeit, wo sie anderen die Mittel
> kürzte.
(IMG) Bild: Die Stadt als Beute? Vom heimischen Kronsberg hatte Iri Hannovers Rathaus stets fest im Blick
Dass der Verein „Integrationsarbeit Kronsberg e. V.“ nicht zu den
wirksamsten gehörte, haben die meisten Flüchtlingshelfer schon länger
geahnt. Eigentlich wollte der Verein, den die SPD-Ratsfrau Hülya Iri 2018
im hannoverschen Stadtteil Kronsberg gegründet hatte, alles Mögliche
anbieten: ein Begegnungscafé, Hausaufgabenhilfe, Schwimmkurse, Hilfe bei
der Jobsuche, Migrationsberatung.
Doch das Büro sei oft zu gewesen, sagen die Nachbarn. Und wenn man mal
jemanden hingeschickt habe, sei der stets unverrichteter Dinge
zurückgekehrt, sagen ehrenamtliche Flüchtlingshelfer. Viele Angebote
ähnelten dem, was die Ehrenamtlichen von den [1][„Kronsberg-Nachbarn“] oder
[2][dem „Unterstützerkreis Flüchtlingsunterkünfte“ (UFU)] machten. Die
haben das erst einmal achselzuckend zur Kenntnis genommen. Immerhin war die
Vereinsvorsitzende Hülya Iri als SPD-Ratsfrau und stellvertretende
Fraktionsvorsitzende im Rat der Stadt Hannover ebenfalls für das Thema
Integration zuständig.
„Sie hat schon immer wieder sehr deutlich durchblicken lassen, dass man es
sich mit ihr lieber nicht verscherzen sollte, wenn man weiterhin städtische
Zuschüsse bekommen möchte“, sagt einer, der lange in diesem Bereich
gearbeitet hat.
Im vergangenen Jahr sickerte dann aber durch, wie viel Geld Iri mit ihrem
Integrationsverein eingeworben hatte: mindestens 1,2 Millionen Euro.
[3][Das ist ungewöhnlich viel für so einen kleinen Verein] – der überdies
vor allem aus Familienmitgliedern zu bestehen scheint.
## Belastung für den SPD-Wahlkampf
Den Vorsitz hatte Iri im Dezember 2025 an ihre Tochter Esma B. abgegeben.
Zwei Monate später beantragte die beim zuständigen Amtsgericht in Hannover
die Insolvenz. Ein vorläufiger Insolvenzverwalter ist nun seit knapp einem
Monat damit beschäftigt, herauszufinden, wo das ganze Geld geblieben ist.
Seit Mitte April ermittelt zudem die Staatsanwaltschaft – neben anonymen
Anzeigen, die mal mehr, mal weniger substanziell erschienen, haben
mittlerweile auch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) und
die Stadt Hannover Anzeige erstattet.
Hülya Iri hat sich stückweise zurückgezogen, erst ließ sie sich nicht
wieder aufstellen, dann gab sie ihr Ratsmandat zurück, mittlerweile ruht
auch ihre SPD-Mitgliedschaft, um einem Parteiausschlussverfahren
zuvorzukommen. Zu den Vorwürfen äußert sie sich öffentlich nicht. Es gilt
die Unschuldsvermutung. Trotzdem fragen sich in Hannover nun viele: Wie
konnte es überhaupt so weit kommen? Und was bedeutet das für die SPD?
Klar ist: Den politischen Konkurrenten kommt dieser Skandal gerade ganz
gelegen. Immerhin befindet man sich hier im Kommunalwahlkampf. Im September
wird gewählt. Und bei der [4][letzten Oberbürgermeisterwahl in Hannover
2019] kegelte sich die SPD mit Filzvorwürfen selbst aus dem Rennen. Und am
Ende – zum ersten Mal in der Geschichte Hannovers – gingen ein Grüner und
ein CDU-Mann in die Stichwahl.
## Anderen Migrationsberatern die Gelder gekürzt
Vor allem bei den Grünen ist die Empörung aber auch deshalb groß, weil
Hülya Iri in den letzten Haushaltsberatungen diejenige war, die harte
Kürzungen in der Integrationsarbeit mit flammenden Reden verteidigte – vor
allem, wenn es um Vereine und Verbände ging, die man als Grünen-nah
einschätzte.
Und die sind nicht die einzigen, die solche Erfahrungen machten. Hinter
vorgehaltener Hand berichten Vereinsvertreter aus anderen Bereichen
Ähnliches. Namentlich in der Zeitung stehen möchten sie damit aber immer
noch nicht – aus Angst, bei den nächsten Haushaltsberatungen dafür büßen zu
müssen. Spätestens an dieser Stelle stellt sich die Frage: Wie eng verwoben
war das System Iri mit dem System SPD?
Dass Hülya Iri eine vergleichsweise robuste Art hat, Mehrheiten zu
organisieren, konnte man jedenfalls früh ahnen. Kaum drei Jahre nachdem sie
2013 in die SPD eingetreten war, kegelte sie den langjährigen Ratsherrn
Michael Klie aus dem Rennen und sicherte sich selbst sein Mandat.
Möglich wurde das unter anderem, weil sie als Mitgliederbeauftragte des
Ortsvereins zahlreiche Neumitglieder zur Abstimmung für sich selbst
mobilisierte. Über einen guten Draht zu prominenten Genossen muss sie
damals schon verfügt haben: Als die alteingesessenen Genossen gegen die
freche Newcomerin aufbegehrten, eilte ihr der damalige SPD-Chef und
Vizekanzler Sigmar Gabriel zu Hilfe.
Aber natürlich machte sich diese Aufsteigergeschichte auch erst einmal
ziemlich gut: eine junge, eloquente, alleinerziehende Mutter mit türkischen
Wurzeln, Sozialarbeiterin in einer Geflüchtetenunterkunft.
In den folgenden Jahren machte sich Iri in der Partei unentbehrlich.
Gemeinsam mit ihren Kindern war sie immer an vorderster Front, wenn es in
den Wahlkampf ging. Fotos zeigen sie mit Stephan Weil, Boris Pistorius,
Doris Schröder-Köpf, aber auch den Männern, die aktuell in der
hannoverschen SPD den Ton angeben: Adis Ahmetović und Axel von der Ohe.
Und während Hülya Iri zur stellvertretenden Vorsitzenden der Ratsfraktion
aufstieg, nahmen auch ihre Kinder Emre und Esma B. Parteiposten ein und
Jobs in der Stadtverwaltung an.
Die werden nun ebenfalls argwöhnisch beäugt, zumal beide Kinder zuletzt im
Ordnungsdezernat unter Axel von der Ohe tätig waren – der eben auch für die
SPD Oberbürgermeister werden möchte. Auch in der Juso-Wahlkampftruppe
„Junges Team“ spielten die beiden eine große Rolle.
Ihre Kontakte und ihre Kenntnisse nutzte Iri offensichtlich, um sich mit
ihrem Verein auf öffentliche Projektgelder zu bewerben: Etwas mehr als
924.000 Euro bewilligte allein [5][das Bundesamt für Migration und
Flüchtlinge (Bamf)] aus dem Asyl-, Migrations- und Integrationsfond (Amif)
der EU für die Jahre 2023 bis 2025.
Weitere 350.000 Euro kamen vom Land Niedersachsen für Projekte zwischen
2019 und 2026. Weitere – kleinere – Beträge gab es wohl von der Region
Hannover, der Volksbank, der Lotto-Sport-Stiftung.
## Empfehlungsschreiben von Spitzengenossen
Um ihren Projektanträgen Gewicht und Glaubwürdigkeit zu verleihen, reichte
Iri Empfehlungsschreiben ein: zum Beispiel von [6][der lieben Genossin
Doris Schröder-Köpf], deren Landtagswahlkampf sie mitorganisierte. Aber
auch von den zuständigen Dezernentinnen im Rathaus soll sie mehr als einmal
solche Empfehlungsschreiben erbeten haben.
Und natürlich wusste Iri immer ganz genau, welche Maßnahmen gerade gefragt
waren. Zuletzt beantragte sie etwa Projektgelder für ein Sportprojekt gegen
Antisemitismus. In den Sporthallen der Schulen, auf den Sportplätzen der
Vereine oder den Bolzplätzen im Stadtteil hat man davon allerdings bisher
nichts gesehen.
Strafanzeige erstattete die Stadt Hannover schließlich wegen einer anderen
Sache: Iri steht im Verdacht, bei den Aufwandsentschädigungen für ihr
Ratsmandat einen zu hohen Verdienstausfall angegeben zu haben. Insider
sagen, es sei dabei um den Geschäftsführerposten in ihrem selbst
gegründeten Integrationsverein gegangen.
Hinweise darauf, dass es dort nicht mit rechten Dingen zugeht, sollen die
SPD schon früh erreicht haben. Die seien allerdings anonym und so
unspezifisch gewesen, dass man damit nichts anfangen konnte, versichern die
Genossen heute. Ähnlich äußert sich die Staatsanwaltschaft, bei der
ebenfalls mehrere anonyme Anzeigen eingingen.
Als die Hinweisgeber bei der SPD nichts bewirkten, wandten sie sich wohl
unter anderem an die AfD. Eine detaillierte Anfrage der AfD im Bundestag
machte im September 2025 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, wie viel
Geld in diesen Integrationsverein geflossen war.
Zu diesem Zeitpunkt hatte das Bamf nach eigenen Angaben aber auch schon
Verdacht geschöpft, eine detailliertere Prüfung eingeleitet und schließlich
Rückforderungen gestellt. Nach einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen
Zeitung hat die Lotto-Sport-Stiftung Ähnliches getan. Am Ende blieb dem
Verein wohl auch deshalb nichts anderes übrig, als einen Insolvenzantrag zu
stellen.
Zu den Verdachtsmomenten, die von der Staatsanwaltschaft nun geprüft
werden, zählt auch der Hinweis, die Fördergelder seien in den Erwerb von
privaten Immobilien geflossen.
23 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Nadine Conti
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